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Full text of "Philosophische Terminologie in psychologisch-soziologischer Ansicht.: Diese ..."

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Philosophische Terminologie 

psycMogiscli-soziologisclier AMcbt 



Von 



Ferdinand t^nnies 



DIESE ABHANDLUNO ERHIELT DEN WELBY- PREIS (1898) 



Leipzig 

Veriag von Theod. Thomas 

1906 



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Hin«. 



-74') 



PUBLIC Lii,L<;vL\i I 

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4 : 



L 



/ii» verbornm qui ignorant 
facile in rafiociniis decipjunfnr. 



ARISTOTELES, 



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Herrn 



Georg Hoffmann 

o. 6. Prof. der semitischen Sprachen an der 
Chr. Albr. Universität zu Kiel 



I freundschaftlich gewidmet. 







11 



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yDds Beste wird nicht deutlich durch Worte." 

GOETHE^ 



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Vorwort (1897). 



Das Preisthema lautet (ins Deutsche fibertragen): 

»Die Ursachen der gegenwärtigen Unklarheit und Verworrenheit 
in psychologischer und philosophischer Terminologie, und die Rich- 
tungen, in denen wir auf praktisch wirksame Abhülfe hoffen dürfen«. 

Zur Erläuterung des Tliemas war hinzugefügt worden, was wir 
gleichfalls hier übersetzen: 

»Der Geber des Preises wünscht, daß allgemeine Rücksicht 
genommen werde auf die Klassifikation der verschiedenen Weisen, 
in denen von einem Worte oder anderem Zeichen gesagt werden 
kann, daß sie »Bedeutung« haben und auf die entsprechenden 
Unterschiede der Methode in Übertragung oder Auslegung von 
»Bedeutungen«. Das Preis-Komitee wird die praktische Nützlichkeit 
des ihm unterbreiteten Werkes als vorzugsweise wichtig betrachten«. 

Verfasser gegenwärtigen Aufsatzes hat im Thema selber und 
in den Erläuterungen die Aufforderung erblickt, das Wesen von 
Zeichen im allgemeinen, und von Worten im besonderen, von neuem 
zu untersuchen. Er hielt sich um so mehr dazu berechtigt, als 
mehrere der einflußreichsten philosophischen Autoren früherer Zeit, 
in der gleichen Absicht auf Beseitigung terminologischer Unklarheit 
und Verworrenheit, regelmäßig ebenso für geboten hielten, in ein- 
gehender Weise Wesen und Ursprung von Wortbedeutungen über- 
haupt, darzustellen. 

Der gegenwärtige Autor glaubte aber, durch seine Bestimmung 
und Einteilung des Begriffes »Wille«, insonderheit durch Unter- 
scheidung der Formen eines sozialen Willens, eine verbesserte 
Basis für solche Darstellung zu schaffen. 

Die »praktische Nützlichkeit« dieser Leistung sieht er — außer- 
dem, daß jede Vertiefung in bedeutsame Probleme für nützlich 
gelten darf — darin, daß sie dazu beitragen soll, das Ziel selber 
zu fördern: die Einigung über Begriffe und über die Kunstausdrücke, 
mit denen sie bezeichnet werden. Denn zu diesem Zwecke hält er 



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— VI — 

für unerläßlich y daß den Denkern , und zumal den angehenden 
Denkern, ein klares und starkes Bewußtsein erzeugt oder befestigt 
werde ihrer Macht über die Materie, ihrer freien Verfügung, nicht 
allein über Laute und andere Zeichen zur Notierung, sondern 
auch über Ideen zur Bildung von Baffen. Wegen Dunkelheit 
und Unzulänglichkeit des Begriffes, den man mit dem Worte »Wille« 
zu verbinden pfl^ wird aus diesem »der Willkür Tür und Tor 
eröffnen« r^^dmäßig die absurde Folgerung gewonnen, grundlose, 
d. h. vernunftwidrige Laune werde damit zur Herrin gemacht Als 
ob, wenn ich jemandem freie Verfügung über ein großes Ver- 
mögen gebe, ich ihn dadurch anweisen wollte, sein Vermögen zu 
verschwenden oder auf törichte Weise anzulegen. Ich gebe ihm 
allerdings das Recht dazu, aber ich gebe ihm zugleich das Redit 
zur weisesten Verfügung, Einteilung, Bestimmung jedes Stückes 
davon^ und wenn ich auf seinen Willen Einfluß habe, so werde ich 
ihn lehren, seinen deutlich vorgestellten Zwecken gemäß über 
seine Mittel zu disponieren; kann ich aber sogar auf seine Zweck- 
setzungen einwirken, so werde ich ihn lehren, daß er sich vornehme, 
so sehr als möglich auf menschlich edle Art zu leben und nicht 
auf den sinnlichen Genuß oder auf eitle Ehren sein Streben gerichtet 
zu halten. Ebenso ist die Freiheit des Denkers zu verstehen. Es 
muß vorausgesetzt werden, daß er seinen Willen dahin bestimmt 
habe, Wirklichkeit in ihrer Beschaffenheit und in ihrem Zusammen- 
hange zu erkennen, oder es muß ihm dieser als sein (wenigstens) 
nächster Zweck klar gemacht werden. Besitzt er aber diese Klar- 
heit, so steht alsbald, anstatt einer lustigen Schwelgerei, eine überaus 
schwierige Aufgabe vor seinen Augen: auf die sachlichste, nütz- 
lichste, angepaßteste Art soll er über die gewaltigen Mittel des Ge- 
dankens verfügen, die besten, d. h. jenem Zwecke am vollkommensten 
entsprechenden Begriffe soll er gestalten, und die brauchbarsten, 
bequemsten, leichtest- verständlichen Zeichen soll er prägen und 
jenen Begriffen anhängen. Nicht jeder und nicht der Lehrling oder 
Geselle wird sich so hoher Kunst gewachsen fühlen, und ganz eigent- 
lich gelten auch in diesem Gebiete die Goethe'schen Maurer-Verse: 
»Wer soll Lehrling sein? — jedermann!« 
»Wer soll Geselle sein? — der was kann!« 
»Wer soll Meister sein? — der was ersann!« 
Sie alle aber müssen wissen, daß sie einem großen Bunde angehören, 
der durch alle Völker geht, der Gelehrten-Republik, und daß 
in dieser, für diese zu wirken, in ihr verstanden, anerkannt zu werden. 



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— VII — 

Nachfolge und Mitarbeit zu finden, höchstes Ziel der Meislerschaft 
immer gewesen ist So fühlt alsbald der individuelle Wille auf 
der Höhe seines Machtgenusses und Känstlerstolzes, einem mäch- 
tigeren, Achtung heischenden sozialen Willen sich gegenüber, der 
sdber sich bildend in einer Ratsversammlung, in der die Stimmen 
der erlesensten Meister das größte natürliche Gewicht haben, seines 
Amtes der Sonderung und Auslese waltend, mit enisdieidender 
Souveränetat bestimmt, was allgemeine, was dauernde, was allge- 
meine und dauernde Geltung haben soll. 

Wie sehr wir noch in den Anfängen wissensdiaftlicher Erkenntnis 
vom Menschen stehen — um die es bei aller Psychologie und 
Philosophie im modernen Sinne wesentlich sich handelt — läßt sich 
daran ermessen, daß so außerordentlich wenig über ihre Ziele und 
Wege Klarheit und Übereinstimmung angetroffen wird. AUenfadls 
wird zugegeben — wenn auch selten danach gehandelt — daß 
nicht aus Worten philosophiert werden dürfe, sondern das Wort 
ein an sich gleichgültiges Zeichen sei, dessen Wert ganz und gar 
dadurch bestimmt wird, daß es zwedcmäßig gebildet und daß es zur 
Err^^ng der gewollten klaren und deutlichen Vorstellung oder — 
im eigentlichen, dem abstrakten Denken — zur Erinnerung an die 
eigene, fremde oder gemeinsame Tätigkeit der Begriffsbildung und 
dadurch an den Inhalt solches B^jiffes diene. Viel weniger erkannt 
wird die Möglichkeit und Bedeutung der willkürlich-freien Begriffs- 
bildung selber, oder sie wird mit der bloßen Determinierung einer 
Wortbedeutung verwechselt Und doch liegt hier der Springqudl 
für die Bewältigung der größten Probleme. Der Begriffsstoff ist 
das Eisen, das wir als Denker zu schmieden haben. Mannigfache 
Geräte müssen daraus zusammengefügt werden: zum Graben, zum 
Pflügen, zum Kämpfen, zum Schmieden selber. Das wissenschaft- 
liche Denken ist nicht von ungefähr. Es will in harter Arbeit er- 
lernt, mit zäher Ausdauer, in heißem Ringen, geübt, seine Regeln 
und Methoden wollen erkannt werden. Natürliche Begabung wird 
erfordert wie zu jeder anderen Kunst, aber auch der Fähigste wird 
in die Irre gehen, wenn er von dem Wahne sich leiten läßt, oder 
darin bestärkt wird, als ob Philosophie durch lebhafte Anschauung, 
Fantasie und poetische Rede, anstatt durch genaues und strenges 
Denken ihren Charakter empfangen müsse. 

In der Meinung aber, daß ein redliches Bemühen, auch wenn 
man sein Gelingen nicht anerkennen sollte, um tiefere B^jündung 
dieser Erkenntnisse, wenigstens als guter Wille geehrt zu werden 



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— VIII — 

verdiene, wagen wir, uns die Aussprüche eines berühmten Vorgängers 
zu eigen zu machen: >The consideraiion then, meint JOHN 
LOCKE (Essay on human understanding IV, 21, 4), 0/ ideas 
and words, as the great instruments 0/ knowledge, makes no 
despicable pari 0/ thetr contemplaüon, who would take a view 
0/ human knowledge^ in the whole extent of iL And perhaps, 
tf they were disHnctly weighed and duly constdered, they would 
afford US another sott of logick and criHck than what we have 
been hitherto acquainted wüh<ii\ Und auch was den Nutzen 
der Erörterung angeht, dürfen wir mit ihm sagen (ibid. III, 5, 16): 
»/ shall imagine I have done some service to truth, peace 
and learning, if by any enlargement on this subject, I can 
m4ike men reflect on thetr own use oflanguage; and give theni 
reason to suspect, that, since it is frequent for others, it may 
also be possible for them, to have sometimes very good and 
approved words in their mouths and writings, with very uncer- 
tain, little or no signification. And therefore, it is not un- 
reasonable for them, to be wary herein to themselves, and not 
to be unwilling to have them examined by others^^. 



^ »Mithin macht die Betrachtung von Ideen und Wörtern, als der groflen 
Werkzeuge der Erkenntnis, keinen verächtlichen Bestandteil in den Gedanken derer 
aus, die eine Ansicht der menschlichen Erkenntnis, in ihrer ganzen Ausdehnung 
gewinnen wollen. Und vielleicht würden sie, wenn deutlich erwogen und gehörig 
untersucht, uns eine andere Art von Logik und Kritik schaffen als die uns bis- 
her bekannt gewordenen c. 

^ »Ich werde denken, dafl ich der Wahrheit, dem Frieden und der Bildung 
einen Dienst geleistet habe, wenn ich, durch Verbreitung über diesen Cjegenstand, 
die Menschen veranlassen kann, über ihren eigenen Gebrauch der Sprache nach- 
zudenken; und ihnen Grund zu dem Verdachte gebe, dafl, wie es so häufig bei 
anderen sich findet, auch sie selber möglicherweise manchmal sehr gute und aU- 
gemein-gebilligte Wörter im Munde fähren und in die Feder nehmen, die doch eine 
sehr unsichere, geringe oder gar keine Bedeutung haben. Und darum ist es nicht 
unvernünftig, wenn sie darin iür sich selber behutsam und nicht abgeneigt sein 
wollen, ihren Wortgebrauch der Prüfung durch andere zu unterwerfen». 



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— IX — 



Vorrede (1906). 



Äußere Anregung und äußerliche Beweggründe haben den 
Verfasser dieser Schrift bewogen, sie in ihrem ursprünglichen Texte 
herauszugeben, nachdem sie zuerst (vor etwa 7 Jahren) in einer 
englischen Übersetzung, die im Mind Vol. VIII N. S. No. 31, 32; 
Vol. IX N. S. No. 33 gedruckt wurde, dem gelehrten Publikum ist 
vorgelegt worden. Ich habe mich lange mit der Absicht getragen, 
diesen Text einer ganz neuen Bearbeitung zu unterwerfen, die den 
Umfang leicht hätte verdoppeln mögen; denn ich wußte wohl, daß 
viele der von mir vorgetragenen Sätze eine eingehendere Begründung, 
auch die Auseinandersetzung mit den Lehren anderer, wie sie 
in hervorragenden Schriften niedergel^ sind^ wünschenswert er- 
scheinen lassen. Meine Schrift war in kurzer Zeit entstanden, und 
darf für sich geltend machen, daß sie einigermaßen aus einem 
Gusse ist; auch kann ich — was sich vielleicht von selbst ver- 
stehen sollte — alle Gedanken darin als meine eigenen in An- 
spruch nehmen. Aber nicht allein darum habe ich geglaubt, sie 
aus dem Schreine, in dem sie so lange geruht hat, hervorholen zu 
dürfen. Sondern mich hat vor allem die große Wichtigkeit des 
Gegenstandes dazu ermutigt, eine Wichtigkeit, die im Laufe dieser 
9 Jahre — und ich freue mich, daß ich ein wenig dazu mitwirken 



^ Ich weise ausdrücklich darauf hin, dafi ich nicht Sprachforscher, auch 
nicht Sprachphilosoph bin ; es wäre mir aber allerdings erwünscht, meine Theoreme 
zu denen dieser verdienstvollen Denker in Beziehungen zu setzen. Das grofle Werk 
WUNDT'S Über die Völkerpsychologie in der Sprache ist inzwischen er- 
schienen, und daran hat sich mit »Grundfragen der Sprachforschungen (Strasburg 1901) 
B. DELBRÜCK angeschlossen, dessen Ausführungen sehr lehrreich sind, gruppiert 
um die Entgegenstellung Herbart'scher inteUektualistischer und Wundt'scher volunta- 
ristischer Psychologie. Delbrück findet (S. 14) diese (von mir zuerst eingeführten) 
'Schlagworte* besonders treffend. — Erwähnen möchte ich hier auch den mir durch 
die englische Übersetzung (»Semantics€\ London 1900) bekannt gewordenen Essai 
cU Semantiqui von MICHEL BRJ^AL (engl, mit Voirede und Anhang von J. P. 
Postgate). 



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— X — 

durfte — mehr und mehr, in weiteren Kreisen, erkannt und aner- 
kannt worden ist Vor allem ist eine Frage, die ich im Zusammen- 
hange (damit angerührt hatte, seitdem lebhaft in FluB gekommen: 
die Frage der Universalsprache. Es ist dies in ausgezeichneter 
Weise das Verdienst einiger Franzosen, unter denen ich den treff- 
lichen Kenner der Leibnizischen Schriften und scharfsinnigen mathe- 
matischen Logiker, Herrn LOUIS COUTURAT, rühmend hervor- 
hebe. Um seine Bestrebungen richtig zu würdigen, muß man 
immer der Tatsache eingedenk sein, daß es ihm zunächst und in 
erster Linie nur darum zu tun ist, die Idee einer »internationalen 
Hilfssprache« ^ zur Geltung zu bringen: in diesem Sinne wendet 
er sich an die Akademien und gelehrten Gesellschaften, die im 
Jahre 1900 eine internationale Assoziation gebildet haben, in 
Verbindung mit einer schon erklecklichen Zahl von Gelehrten aller 
Länder, unto* denen in deutscher Sprache HUGO SCHUCHARDT 
schon seit vielen Jahren im Sinne dieser Idee gewirkt hat^ nicht 
minder tätig ist dafür WILHELM OSTWALD», der wie>ir hoffen 
mögen, nachdem er sein Lehramt niedo-gelegt hat, einen Teil seiner 
kostbaren Muße dieser großen Aufgabe widmen wird. In Verbin- 
dung mit dem Mathematiker Dr. L. Ll&AU hat inzwischen Dr. COU- 
TURAT eine große ^Histoire de la langue universelle^ (Paris, 
Hachette 1903 XXXII— 576 S.) verfaßt und herausgegeben — ohne 
Zweifel ein verdienstvolles Werk. — Aber auch in Sachen der philo- 
sophischen Terminologie ist um die Wende des Jahrhunderts 
es nicht still geblieben. Erschienen ist 1899 zuerst, dann in zweiter 
Auflage umgearbeitet 1904, das »Wörterbuch der philoso- 
phischen Begriffe« von Dr. RUDOLF EISLER (Berlin, E. S. 
Mittler & Sohn), das freilich zu ausschließlich aus bloßen Zitaten 
besteht; aber der emsige Sammlerfleiß, der darin niedergelegt wurde, 
ist sicherlich alles Lobes wert Größer entworfen und ausgeführt 
ist das der Vollendung nahe amerikanische »Dictionary of philo- 
sophy and psychology, giving a terminology of English, French, 



^ Eine kleine Broschüre dieses Titels — ins Deutsche übersetzt von W. 
Ostwald — ist von Veit & Co. in Leipzig verlegt (1902) und wird den Inter- 
essenten auf Verlangen gratis und franko zugesandt. 

* „Weltsprache und Weltsprachen" 1894. Vgl. Rapport sur h mowvimeni 
iendani a la creatian d^une langue auxiliaire internationale arttficttUe» Paris 1904 
(nicht im ELandel) — ein Bericht an die Wiener Akademie der Wissenschaften. 

8 Vgl. „Die Weltsprache" (Stuttgart, Franckh 1904) 16 SS. (10 Pfg., lo 
Stück 80 Pfg.) 



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— XI — 

German and Italian^ Ed. by J. M. BALDWIN (3 Vols. in 4 
parts) 1903 — 1806. Endlich aber ist auch Frankreich in dieser Rich- 
tung tätig. Die Soci6t6 franfaise de Philosophie, an deren Spitze 
die Herren XAVIER L^N und ANDR1& LALANDE stehen, gibt in 
ihren Bulletins ein » Vocabulaire technique et critiqv^ de philoso- 
phier heraus, woran mit großer Sorgfalt gearbeitet wird, und schon ist 
es bis nahe an die Hälfte fortgeschritten; es ist mir eine Genugtuung, 
daß ich, als Deutscher neben Herrn EUCKEN, daran, wenn auch nur 
durch kleine Anm^kungen, mittätig sein darf. Unter den Leitern 
dieses Unternehmens ist auch Herr L. COUTURAT. Auch hier werden 
die Termini nach Möglichkeit in den 4 Sprachen wiederg^eben; 
zugleich aber am Schlüsse jedes Artikels eine oder mehrere »inter- 
nationale Wurzeln«, gebildet nach den R^eln des Esperanto. Den 
Bemühungen des Herrn COUTURAT um die Anerkennung des Prin- 
zips einer internationalen Hilfssprache ist es vielleicht schädlich, 
daß er zu gleicher Zeit persönlich für die merkwürdige Erfindung 
des russischen Arztes Dr. ZAMENHOFF (Warschau), das Esperanto, 
sich engagiert hat. Es würde hier zu weit führen, den Wert dieser 
Kunstsprache zu diskutieren; auch fühle ich mich dazu keineswegs 
kompetent. Es muß aber anerkannt werden, daß sie in kurzer Zeit 
sehr bedeutende Fortschritte gemacht hat, und durch ihre einfachen 
und klaren R^eln sich stark zn empfehlen scheint Ich selb^ stehe, 
so lebhaft ich auch für die Idee einer internationalen Hilfssprache 
mich interessiere, außerhalb der Parteinahme. Aber ich habe noch 
nicht die Überzeugung gewonnen, daß meine im Jahre 1897 (in 
dieser Schrift) gestellte Prognose unrichtig sei — eine Prognose 
nenne ich es, denn ich halte strenge davon getrennt, was ich etwa 
wünschen, und wenn ich zur Erörterung d^ Sache berufen wäre, 
raten möchte. Meine Prognose ging und geht dahin, daß die 
Universalität der englischen Sprache, als der Sprache des internatio- 
nalen Verkehrs und Geschäftes, unaufhaltbar und gesichert ist; daß 
aber die Gelehrtenrepublik, auch aus terminologischen Gründen, 
nicht mit der englischen Sprache zufrieden sein, daß sie am ehesten, 
da das Bedürfnis des. Weltverständnisses immer stärker sich fühlbar 
machen muß, zur lateinischen Sprache zurückkehren wird. Der 
Handel werde — so war und ist meine Meinung, — neben den 
nationalen Sprachen, mehr und mehr englisch; die Wissen- 
schaft und Philosophie werde, gleichfalls neben den nationalen 
Sprachen, mehr und mehr wieder lateinisch sprechen. Ich habe 
schon an anderer Stelle (vgl. Additamente II S. 103) darauf, als auf 



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— XII — 

ein merkwürdiges Zusammentreffen hingewiesen, daß kaum ein Jahr 
vergangen war, seitdem ich diese Prognose aufgestellt hatte, da ging 
von der Berliner Akademie der Wissenschaften die Anrufung aus, 
mit den übrigen gelehrten Gesellschaften in eine Verhandlung über 
die Wiederherstellung des Latein, als interakademischen Mittels der 
Verständigung, einzutreten. — Ich leugne nicht, daß mit meiner 
Prognose eine Befürwortung verbunden war; jetzt aber trenne ich sie 
gänzlich davon: meine (ohnehin unmächtige) Befürwortung lasse 
ich fallen; die Prognose halte ich fest 

Was aber die Leitgedanken dieser Abhandlung betrifft, so wird 
dem geneigten Leser, der die Grundlegung der philosophischen 
Soziologie, wie sie in meinem Werke »Gemeinschaft und Gesellschaft« ^ 
enthalten ist, sich zu eigen gemacht hat, nicht entgehen, daß die 
g^enwärtige Schrift so zu sagen eine Tochter jenes Werkes ist, 
nnd mehrfache Anwendungen darin vorgel^er und entwickelter 
B^ffe enthält — Dies gilt weniger von den später geschriebenen 
»Additamenten«, die, unmittelbaren Anlässen entsprungen, vorzugs- 
weise den Verdiensten anderer gerecht werden wollen. 

Übrigens, wenn man wieder liest und erwägt, was man vor 
9 Jahren geschrieben hat, so kann es nicht leicht anders sein, als 
daß man — auch wenn man einstweilen nicht an eine völlig neue 
Bearbeitung des G^enstandes denken kann — manche Sätze ver- 
ändern, einige streichen möchte, aus allerlei Gründen. Nach ein- 
gehender Überlegung habe ich auch hierauf verzichtet, und mich 
auf den Satz gestellt: Quod scripsi, scripsi. So habe ich nur ganz 
geringe stilistische Änderungen vorgenommen, die nicht der Er- 
wähnung wert sind. Man wird daher vielleicht einige Äußerungen 
in dieser Schrift finden, die ich wortwörtlich noch zu vertreten kaum 
gesonnen bin. Indessen mögen sie wenigstens eine Erörterung 
und Kritik verdienen, die möglicherweise den Sachen, an denen 
mir gele:en ist, förderlich sein werden. Ich werde inzwischen fort- 
fahren, auf meine Art der Wahrheit nachzugehen und dankbar da- 
für zu sein, wenn mir auf meinen ziemlich einsamen W^fcn hin 
und wieder eine Ermutigung zu Teil wird. . 



^ Leipzig, O. R. Reisland, 1887. Anastatischer Neudruck 1905. 



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— XIII — 



Übersicht 



I. Zeichen und Wörter. — Wörter und Begriffe. 

I. Definitioneii. 2. Natürliche Zeichen — ideeller Fall der Identität 

— Organismus und Seele. 3. Sympathie — Intuition — Werden von Zeichen. 

4. Nachempfindung — Schlußfolgerung — Vermischung von Sache und Zeichen. 

5. Äufiere Bewegung — Zeichen von Empfindung und GefUhl 6. Ähnlichkeit — 
Gleichheit — Bild natürliches Zeichen des Originales. 7. Teil natürliches Zeichen 
des Ganzen. 8. Stück Zeichen eines anderen Stückes — Zeichen ist, was als 
Zeichen wirkt — Ideenassoziationen — Lokalzeichen — Urteil. 9. Natürliche 
Zeichen im Naturverlaufe oder von Menschen aus — letztere als Zeichen unwill- 
kürlich oder zu Zeichen bestimmt. 10. Unwillkürliche Zeichen — Ausdrucksbe- 
wegungen des Menschen, ii. Ausdrückliche Zeichen — Mitteilung. 12. Gebrauch 
gemachter Zeichen — Symbole. 13. Gegenseitiges Verständnis — Geberden- 
sprache — Lautsprache. 14. Künstliche Zeichen — durch menschlichen 
Willen — natürliche Zeichen, die den Sprachlauten zu gründe liegen. 15. Be- 
deutung des Wortes — Wille eines einzelnen Menschen — das Verstehen — An- 
strengung. 16. Wörter als soziale Zeichen — sozialer Wille. 17. Ankündigung 
des Unterschiedes im sozialen Willen. 18. Bedeutung als Gleichung. 19. Ver- 
bindung von Namen und Sache für wirklich gehalten. Aberglaube. Die richtigen 
Namen. 20. Verschiedene Sprachen — Dialekte — Sondersprachen. 21. Gemein- 
sames Ideensystem als Mitbedingung gegenseitigen Verständnisses — guter Wille. 
22. Zeichen als Ideen — Lernen — Gewohnheit — das Natürliche. 23. Der 
Geist der Sprache ist sozialer Wille. 24. Definition des Individualwillens. 25. Wille 
als Ursache. 26. Vorausfühlen — vorausdenken — Grundzweck — Endzweck. 
27. Fernere Klassifikation der Willensformen. 28. 6 Klassen. 29. Anwendung auf 
Zeichen. 30. Analogie des sozialen Willens. 31. Sitte — Gesetz. 32. Wesen 
der Sitte. 33. Sitte als Wille und als blofie Übung. 34. Herkommen — Brauch. 
35. Sprachgebrauch — Wille in Gewohnheit. 36. Gewohnheitsrecht — Gesetzgebung. 
37. Charakteristik des Gegensatzes. 38. Sprachgebrauch im Gewohnheitsrecht. 39. Ge- 
setzgebung und Definition. 40. Freie Verfügung über den Sprachstoff. 41. Sprach- 
gesetzgebtmg. 42. Wirkung der Wissenschaft auf die Sprache — wissenschaftlicher 
Sprachgebrauch. 43.£ntwicklungindividualer und sozialer Gewohnheit. 44. Natürliche 
Harmonie — Ursprung der Sprache. 45. Überlieferung durch Lehre — Autorität 

— Glaube. 46. Wort und Glaube — Vorbedeutung und Mitbedeutung. 47. Kunst 
des Redners. 48. Poetische Sprache — Metaphern u. a. Redefiguren. 49. Gegen- 
satz von Volksglaube und Wissenschaft. 50. Einverständnis und Verabredung ^- 
Interpretation. 51. Verabredete Zeichen — verabredete Sprache — Schriftzeichen — 



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— XIV — 

Derivatiyzeichen — konventionelle Rede und Lüge. 52. Konventionelle Sprache 
— Weltsprache — GeschSftssprache. 53. Freier sodaler Wille — Wissenschaft — 
Terminologie -» Allgemeinvorstellnngen und Begri£fe — allgemeine und spezielle 
Namen — praktisches und theoretisches Interesse — Begriffsbildungen. 54. Ab- 
strakte Begriffe — ihre Gegenstände — Maßstäbe — Vergleichung — Erkenntnis 
der Verhältnisse. 55. Definitionen — nicht Explikationen des Sprachgedrauchs — 
nicht blofi, was ein Name bedeuten soll — Beschreibung des ideellen Gegen- 
standes. 56. Andere Zeichen. 57. Analogie des Geldes — gemünztes und Papier- 
geld — Geldsurrogate — die Banknote. 58. Mannigfidtigkeit von Bedeutung — 
subjektive und objektive Bedeutung. 59. Gestaltungen des sozialen Willens in 
bezug auf die Bedeutung von Wörtern — Bedingungen des Verständnisses — 
Schriftsprache — Umgangssprache — FeiertagsgefUhle. 60. Beurkundung — Kanzlei- 
stil — Lapidarstil. 61. Korrespondenz der Stufen — Balance des sozialen und 
individualen Prinzips — Phrasen — Auslegung — Begriffe — Kommentare 
62. Fortsetzung der Geld -Analogie. 63. Wissenschaft als Form des sozialen 
"^^ens — Zeichen als Mittel — freie Übereinstimmung. 



n. Philosophische Terminologie und ihre neuere Entwicklung. 

64. Zustand der philosophischen Terminologie. — 65. Die Ursachen. — 66. All- 
gemeine Hemmnisse und historische Bedingungen. — 67. Alte Klage. — Bruch 
mit der Überliefenmg. — 68. Physik und Chemie und ihre Terminologie. — 
Stellung der Naturwissenschaften zu Metaphysik und Logik — deren eigene Ent- 
Wickelung — Ausdehnung des w&senschaftlichen Denkens — Mechanik — more 
geotmtrico — Definitionen — Meinung, daß dadurch der meiste Streit verschwin- 
den müsse — die Philosophie der Aufklärung — Anklagen gegen die Sprache 
•— Beziehung auf die 3 Begriffe des sozialen Willens -* erste Anklage — Klassi- 
fikation der Organismen — Realismus und Nominalismus — künstliche Systematik 
und natürliche Ordnung — Konstanz der Arten — Biologie — künstliche Namen. 
69. Zweite Anklage — moralische Meinungen und Begriffe — Billigung und Mißbüli- 
gnng — Verstoß gegen die Sprache als moralischer Frevel — ^ sozialer Wille der Öffent- 
lichkeit — eigene Urtole jeder Gruppe — Anwendung der Namen — Bemühun- 
gen der Philosophen — Parteiansichten in den Systemen — diese selber sozialer 
Wüle — Interesse der Gesellschaft und des Staates an rein wissenschaftlicher Be- 
arbeitung der Moral — 70. Drittes Argument ^- metaphorische Ausdrücke — 
Wechselwirkung zwischen Bezeichnungen für j^ysische und psychische Vorgange 

— Bildersprache in der Psychologie. — 71. Historische Ursachen — Untergang 
der europäischen Gelehrtensprache — die nationalen Schriftsprachen -— Freimeister- 
tum der Philosophie — die deutschen Universitäten — • Aneignung der rationali- 
stischen Prinzipien. — 72. Das System Wolfs in lateinischer Sprache — Kant — 
Verfidl der Gelehrtensprache im 19. Jahrhundert ^- die kleinen Nationen — 
Nachteile und Vorteile. — 73. Verfall der Schultradition — Annäherung der 
Philosophie an common sense — Schlagwörter — Vereinfachung der Aüsdrucks- 
weise — Locke über Ge&hren unterhaltender Abhandlungen — auch heute Psjrcho- 
logie vidfiich Tummelplatz des Witzes und der Phantasie — Wiederholung des 
Kampfes gegen die Universitätsphilosophie des 19. Jahrhunderts in Deutschland 

— F<^en ftir die Terminologie — Urteil Euckens — seither neue Belebung der 



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— XV — 

Philosophie durch die GeisteswisseDschaften — Terminologie der neueren Psycho- 
logie. — 74. Hemmnisse in der Verschiedenheit des Denkens selber — Gleich- 
heit der Sprache ba verschiedenem Denken an sich möglich — aber nicht, wenn 
der Gegenstand, den A bezeichnet, von B nicht gekannt oder nicht anerkannt 
wird. — 75. Geschichte der Terminologie als Reflex der Geschichte der Philo- 
sophie — die mechanistische Philosophie — Descartes — Klare und deutliche 
BegrÜTe — Ausscheidung des Nur-Denkbaren — des Möglichen — Spott über die 
scholastischen Begriffe — die Lebenskraft — Kraft — Energie — vitalistische 
Strömung in jüngster Zeit — Opposition gegen mechanische Deutung der Energie 

— richtige Einsicht und falsche Voraussetzung — die Welt erklärbar? — Hume 

— Spinoza — ratio = causa — das Unendliche — mechanische Bewegung allein 
real? — Bewegung als Größe — regulative' Idee. — 76. Kritik des absoluten 
Wertes der mechanischen Prinzipien — Auflösung der Wirklichkeit in Dinge — 
Trennung von Subjekt und Objekt — naives Denken — Heflexion — wissen- 
schaftliches Denken — kritische Besinnung gegen mathematischen Verstand — 
Dasein der Welt als einziger Prozefi — Entropie — Erklärung als Beschreibung. 

77. ICritik des mechanistischen Rationalismus durch das ganze Jahrhundert — 
tieferes Studium des Lebens — philosophische Folgerungen — siegreiche Ideen — 
Bewegung, Veränderung, Werden — Leben als Reproduktion und Zerstörung zu- 
gleich — Wirklichkeit als Möglichkeit — regenerierte aristotelische Begriffe. 

78. Bedeutung für Psychologie — gegen die cartesianische Auffassung — Entwick- 
lungstheorie — Identität von Leib und Seele. — 79. Descartes und seine Gegner 

— Assoziations-Psychologie — Herbartianer — Klippe der Gefühle. 80. Unbe- 
fangene Selbsterkexmtnis — Abstammungslehre — Gefühl und Leben. — 81. Streit 
der Terminologien — Schwierigkeit — Intelligenz Wesen der Seele? -— Be- 
griffe, die das Leben bezeichnen, kommen nicht zu gehöriger Geltung — 82. Lehre 
vom Willen — Einheit des Lebensgefühls — Scheidung — Funktionen — Be- 
deutungen des Wortes Wille im Sprachgebrauch — Wille und Intelligenz — 
Instinkt — gemeinsames der Ideen — Beziehung auf die Zukunft — mannigfeiche 
Auffassung im Anschlufi an die Sprache. — 83. Was Wille sei? — Zustand, den 
jeder kennt? — keine Definition möglich? — James und Wundt — die Physio- 
logen — Huxley und die Materialisten — Unterschied von Identitätspsychologie — 
die einzig wichtige Aufgabe — eigene Begriffsbildung — individualer und sozialer 
Wille. — 84. Nebenursachen — Beschaffenheit der Gegenstände der Psychologie 

— praktische Interessen — Verachtung der Philosophie -^ Abschaffung der Meta- 
physik — eigentlicher Sinn der »Ontologie« — Wolf — Kants Kritik — Hegel 

— das Allerheiligste — die drei System-Philosophen nach Hegel — 85. Hem- 
mungen des Fortschritts — Münchener Reden. 86. Gespensterfiurcht — unklares 
und falsches Denken — Verantwortlichkeit. 87. Philosophie im höheren Unter- 
richt und im öffentlichen Leben. — Vorlesungen — Geschichte der Philosophie — 
Autorität? — Philosophie als Vagabundin. 



in. Die Richtungen der Reform. 

88. Hauptrichtung. 89. Internationaler Charakter der Philosophie. 90. Welt- 
verkehr — Kongresse — Ausgleichung. 91. Weltsprache — wissenschaftliches Be- 
dürfiiis — Wilkins — Descartes — Leibniz. 92. Utopische Ideen. 93. Rich- 
tungen des Strebens — geometrische Darstellung von Begriffen. 94. Beispiele — 



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— XVI — 

Prototypc. 95, Autoritative Stelle — eine internatioiiale Akademie. 96. For- 
schung und Lehre — Schrift- und Gedankensprache. 97. Das philosophische Sy- 
stem — Modellbegriffe. 98. Andere Utopien realisiert — 4ntemationale Probleme 
— soziale Frage — Statistik — Wirkung auf Bestimmung von Begriffen. 99. Hoff- 
nungen und Fortschritte. 



Additaxnente. 

I. (Resum6.) Streit über Worte — Verabredungen, Vertrage — die 
Sprache — Sprachinseln — die Sachen — das Bedürfnis — die wirklichen Diffe- 
renzen — Psychologie und Soziologie — Begriffe in den Wissenschaften — Wir- 
kung auf Phantasie — Metaphern — Unterscheidung empirischer und rationaler 
Begriffe -* Mafistfibe — soziale Gültigkeit — Unterschied des Bildens und Be- 
nennens von Begriffen — nichts zu entdecken, sondern zu statuieren — Anregun- 
gen von aufien — Herbeiführung eines Reiches der Ordnung, ü. (Auseinander- 
setzung mit einer Kritik.) Die Idee einer allgemeinen Reform der Ausdrucks- 
weise — Bedeutung für Wissenschaft — Schädlichkeit beabsichtigter Mifiverstand- 
nisse — unfreiwillige — Wert pädagogischer Einflüsse — Bedeutung und Aus- 
druck — die Analogie des Geldes gerechtfertigt — Metaphern und Analogien — 
Gefahren — der ernste Wille zum Verstehen — das Reale — eine internationale 
Ratbehörde — die allgemeine Sprache. III. (Was ist Bedeutung?) — Sinn, 
Bedeutung, Hochsinn — Dienstbarkeit des Gedankens — unentwickelter Zu- 
stand der Sprache — plastische Sprache — Dunkelheit — Deutungen — Über- 
tragungen — die Schemata — das Warum? und die Erziehung — Schaffen, 
Denken, Leben — der Planet, das Sonnensystem, der Kosmos. 



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1. Wir nennen einen Gegenstand (A) Zeichen eines anderen 
O^enstandes (B), wenn die Wahrnehmung oder Erinnerung A die 
Erinnerung B zur r^dmäßigen und unmittelbaren Folge hat Als 
O^enstand verstehen wir hier alles, was in eine Wahrnehmung 
oder Erinnerung eingehen kann, mithin sowohl Dinge als Vorgänge. 
Wahrnehmung ist alle Auffassung durch Sinne; Erinnerung umfaßt 
außer Reproduktion von Wahrnehmungen Reproduktion aller anderen 
Empfindungen, sofern sie einen Offenstand oder doch einen als 
Gegenstand setzbaren Inhalt haben. Menschliche Erinnerung ist 
gleich Denken. Denken, wie es hier verstanden wird, ist selber 
zum größten Teile Erinnerung an Zeichen und durch Zeichen an 
andere, bezeichnete Dinge. Wahrnehmungen und Erinnerungen 
werden im Folgenden gelegentlich unter dem Namen »Ideeri« 
zusammengefaßt, welcher Name aber auch Gefühle mitbezeich- 
nen kann. 

2. Einige Zeichen sind natürliche Zeichen, d. h. solche, 
bei denen jene Folge durch das natürliche Verhältnis zwischen 
Zeichen (A) und Bezeichnetem (B) begründet ist Natürliche Ver- 
hältnisse dieser Art sind mannigfach. Sie lassen sich aus dnem 
idealen Falle ableiten, der jene Folge als von sdbst verständlich 
erscheinen läßt: aus dem Falle der Identität von A und B, von 
Zeichen und Bezeichnetem. Diese Identität kann 1. im Erkenntnis- 
akte des wahrnehmenden Subjektes vorhanden sein; dann ist B in 
keinem Sinne ein anderes Ding und der Satz, daß A Zeichen von 
B sei, sagt nichts anderes, als daß die Wahrnehmung oder Erinne- 
rung eines Gegenstandes die Erinnerung seiner sdbst zur regel- 
mäßigen und unmittelbaren Folge hat; von der Erinnerung ausge- 
sagt, bedeutet er nur, daß sie eine gewisse Dauer hat, die als eine 
Reproduktion ihrer selbst begriffen werden kann; von der Wahr- 
nehmung ausgesagt ist er insofern wahr, als Wahrnehmung nicht 
ohne Erinnerung stattfinden kann, — ein Urteil, dessen Richtigkeit 

Tönnies, Philos. Terminologie. | 



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— 2 — 

hier vorausgesetzt werden muß; dadurch aber wird der Satz auf 
das erste Stuck der Alternative (daß er von der Erinnerung ausge- 
sagt wird) zurfickgeffihrt; Identität aber ist für ein wahrnehmendes 
oder denkendes Subjekt die UnUnterscheidbarkeit; 2. ist die Identität 
im Erkenntnisakte des wahrnehmenden Subjektes nicht vorhanden 
und doch durch einen Gedankenprozeß erkennbar. Das ist — nach 
einer philosophischen Lehre, deren Richtigkeit hier, gleichfalls, für 
den Zweck dieser begrifflichen Einteilung, vorausgesetzt werde — 
die Identität des lebenden Organismus mit der (ihm nach gewöhn- 
licher Auffassung innewohnenden) Seele, in anderem Ausdrucke: 
organischer »äußerer« — Bewegungen mit den darin sich aus- 
drfickenden — »inneren« — Empfindungen und Gefühlen. Für Wahr- 
nehmung sind, ihrem B^friffe nach, Empfindungen und Gefühle 
(im Folgenden werden diese unter Empfindungen mitb^friffen) nicht 
als G^:enstände vorhanden — sie sind unwahmehmbar; dagegen 
sind alle körperlichen Bewegungen wahrnehmbar; in Wirklichkeit 
jedoch werden die meisten Bewegungen des lebenden Organismus 
nicht wahrgenommen, nur einige solche Bew^;ungen, die auch 
„Ausdrucksbew^fungen^^ genannt werden, sind regelmäßige Gegen- 
stände d^ Wahrnehmung. 

3. Wenn aber Empfindungen und Bewegungen als identisch 
gedacht werden, so folgt, daß die Auffassung solcher (äußere orga- 
nischer) Bew^ungen in Wirklichkeit zugleich Auffassung von Emp- 
findungen, wenn gleich in völlig unbestimmter Weise, ist; und dem ent- 
spricht es, daß zwischen organischen Wesen Mitempfindung statt- 
findet und daß für sinnlich wahrnehmende Subjekte diese in einem 
ungeteilten Akte mit sinnlichen Wahrnehmungen (in der »Intuition«) 
sich vollzieht In solchen Fällen, z. B. wenn durch die Stimme 
des Jungen Mitempfindung seines Hungers in das Muttertier über- 
geht, kann man sagen: der Schrei ist Zeichen der mit ihm iden- 
tischen Empfindung des Hungers, und wenn man jenen ungeteilten 
Akt der Intuition in die zwei: Wahrnehmung (des Tons, d. h. einer Be- 
w^^ng) und Mitempfindung (einer Empfindung) zerlegt, so ist die 
r^;elmäßige und unmittelbare Folge von selbst verständlich, d. h. aus 
jener Identität erklärbar. Je mehr aber in Wirklichkeit die Erkennt- 
nistätigkeiten sich abschnüren von der Gesamtmasse der Erlebnisse, 
d. h. der psychischen Tatsachen, desto mehr tritt es hervor, daß Aus- 
drucksbewegungen Zeichen der (im Grunde mit ihnen identischen) 
Empfindungen werden, d. h. nach unserer Definition, daß die 
Wahrnehmung oder Erinnerung solcher organischen äußeren Be- 



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— 3 — 

w^^ngen Mitempfindung d. i. Erinnerung einer Empfindung zur 
r^dmäßigen und unmittelbaren Folge hat 

4. Aus Mitempfindung aber wird Nacfaempftndung, endlich die 
:» diskursiv« vollzogene daher dem Irrtum um so eher ausgesetzte 
Schlußfolgerung. Der Schluß von der Ausdrucksbewegung auf 
den »Willen« bleibt immer der Intuition um so niher, je mehr 
beide auf unzweideutige Art miteinander verbunden sind, und das 
ist um so stärker der Fall, je weniger ein spezifisch menschlicher, 
:» vernünftiger« Wille vorhanden oder entwickelt ist; so daß alsdann, 
was objddiv als Zeichen begriffen werden kann, tatsächlich und 
subjektiv von dem es Empfangenden (Verstehenden) als die Sache 
selber aufgenommen wird, oder doch in Vermischung: zugleich 
als die Sache und als deren Zeichen. So empfängt und verstdit 
der Despot die Prostration zugleich als die tatsächliche gewollte 
Unterwerfung und als deren Zeichen; in diesen und vielen ähn- 
lichen Fällen läßt sich beobachten, wie aus der Sache selber 
das Zeichen entsteht, oder doch sich davon ablöst, d. h. das bloße 
Zeichen, das nicht mehr zugleich die Sache sdber ist, obgleich 
diese anfänglich sog^ Haupt-Sache war. Das Schlachten des Opfer- 
tieres ist ursprunglich ganz eigentlich gemeint: als Ernährung der 
abgeschiedenen Gdster; zugldch soll es für diese Zeichen des 
Gedenkens, der Furcht und Pietät ihrer Angehörigen sdn; allmäh- 
lich wird es dann zum bloßen Zeichen dieser Gesinnung, auch in 
der Meinung der Opfernden; der Zweck wird zum Mittd und das 
Mittel wird mehr und mehr sdbständig gegen den Zweck, d. b. 
mehr und mehr von ihm verschieden. 

5. So ist oder wird im allgemdnen för wahrnehmende Sub- 
jekte organische äußere Bewegung Zeichen von Empfindung und 
Gefühl; und dies wird auch, da das natürliche Denken metaphorisdi 
ist, d. h. Unwahmehmbares in sinnliche Bilder übersetzt, so aus- 
gerückt: Äußeres Zeichen des Inneren, als ob die Sede räumlich 
im Leibe vorhanden wäre, beide also Teile eines wahrnehmbaren 
Ganzen; womit dieser dem Begriffe unmittdbar angehörige Fall 
durch die Sprache (die das natürliche Denken ausdrückt) auf einen 
ferneren, aus der Identität ableitbaren, zurückgeführt wird. 

6. Der nächste Fall aber, der an der Identität gemessen werden 
kann, ist die sinnlich wahrnehmbare Ähnlichkeit eines Dinges 
mit einem andern, deren Vollkommenheit als Gleichheit bezeichnet 
wird. So ist ein Bild Zeichen des Originals, und zwar um so 
mehr, d. h. hat die Erinnerung an das Original um so r^dmäßiger 



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— 4 — 

und unmittelbarer zur Folge, je ähnlicher es ist, oder je mehr es 
sich der Gleichheit nähert So ist aber selbst der Schatten noch 
durch seine Ähnlichkeit natürlidies Zeichen eines G^enstandes, so 
die Spur des abgedrfickten Fußes usw. 

7. Anderersdts kann aus dem Falle der Identität abgeleitet 
werden, daß der Teil natürliches Zeichen des Ganzen ist Denn es 
ist das Wesen der Erinnerung zu ergänzen: dies beruht zuletzt auf 
den Gesetzen der Übung und Gewöhnung, die wiederum materiell 
gedacht spezielle Fälle des »kleinsten KraftmaBes« sind, psycholo- 
gisch aber den Trieben der Selbsterhaltung (dem Willen zum Leben) 
entspringen: je tiefer und enger eine Wahrnehmung oder Erinnerung^ 
mit diesen Trieben verknüpft ist, desto leichter, rascher, häufiger 
wird sie reproduziert; es genügen um so mehr, um die Vorstdlung^ 
eines Ganzen als g^enwärtigen zu err^en, Wahrnehmungen von 
Stücken eines solchen Ganzen; die Ergänzung wird dag^en um so 
schwieriger, daher um so mehr in Form eines Schlusses vollzogen, 
je geringer — kleiner oder weniger charakteristisch — das Stück 
im Vergleiche zum Ganzen ist 

8. Ebenso nun ist das Stück natürliches Zeichen eines anderen 
Stückes, insonderheit des benachbarten, im Räume und in der Zeitr 
daher kann jedes Antezedens Zeichen eines Konsequens werden 
und umgekehrt: etwas Äußeres Zeichen von etwas Innerem usw. 

Zeichen ist, was als Zeichen wirkt. 

Hier ist so viel Mannigfaltigkeit, wie in den Tatsachen der Ideen- 
Association überhaupt, die bekanntlich auf wenige Grundr^eln 
zurückgeführt werden. Mit Recht wird gelehrt, wenn auch noch 
nicht in definitiver Gestalt, daß schon für den Prozeß des einfach- 
sten Erkennens, insbesondere der raumlichen Anordnung von Em- 
pfindungen als Wahrnehmungen eine für die andere zum »Zeichen«, 
wird, indem uns durch den Übergang — unbewußte Folgerungen — 
vom Bekannteren auf minder Bekanntes jene Leistung des Gedächtnisses 
möglich ist, die wir als Orientierung verstehen. Femer sind aber 
auch alle höheren Arten des Erkennens als Vergleichungen — Identi- 
fikation, Unterscheidung, Folgerung — an »Merkmale« gebunden, die 
zur Erwägung, zur Erwartung und zur Gewißheit führen. Das 
Urteil gründet sich auf Zeichen. 

9. Natürliche Zeichen erscheinen entweder in dem von mensch- 
lichem Wollen unabhängigen Naturverlaufe oder sie werden von 
Menschen »gemacht«, »gegeben«, »gebildet«, und diese wiederum 
sind entweder (als solche, nämlich als Zeichen) unwillkürlich oder 



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werden zu dem Zwecke gemacht, etwas zu »bezeichnen«, sollen 
etwas bezeichnen. Ein gemachtes Zeichen ist entweder bestimmt 
dem, der es macht, selber ffir seine zukünftige Erinnerung zu dienen, 
oder es soll Anderen dienen für g^enwärtige oder zukünftige 
Erinnerung. 

10. Unwillkürliche Zeichen sind oder werden alle mensch- 
lichen Ausdrucksbewegungen für die sich in ihnen ausdrückenden 
psychischen Zustände; sie, jene Zeichen, bew^^ sich zwischen 
dem, was auch wider den Willen oder Wunsch an einem (z. B. Er- 
röten, Erblassen) und von einem aus geschieht (sogen. Reflexbe- 
wegungen, z. B. Zusammenfahren, Stimrunzeln), daraus ei^ben sich 
»verräterische» Zeichen, die noch ganz dem unabhängigen Natur- 
verlaufe angehören; und auf der andern Grenze solchem, was, ob- 
gleich als Zeichen unwillkürlich, doch gleichsam die volle Zustimmung 
des Subjektes hat, z. B. der Jubel und das In die Armefli^^en beim 
Empfange des Geliebten. 

11. Ausdrückliche Zeichen zu machen ist oder wird notwendig 
ffir den, der seine Empfindungen und Gefühle mitteilen will, 
insbesondere seinen Wunsch, daß ein anderes Wesen etwas tun 
oder unterlassen möge. Zeichen, die in diesem Sinne gemacht 
werden, können auch von vielen Tieren verstanden werden; dahin 
gehören vorzüglich Töne und Geberden, aber auch Wirkungen auf 
das allgemeine Sinnesorgan der Haut, angenehme und unangenehme. 

12. Vorzugsweise auf gemachten Zeichen beruht der für das 
gesamte Kulturleben der Menschheit unendlich wichtige Gebrauch 
von Zeichen verschiedener Art Gemeinsame Empfindung, gemein- 
sames Denken und Glauben gibt sich im Gebrauche von Zeichen 
kund, auch wenn diese keinen anderen Zweck haben, als eben 
der Stimmung und Übereinstimmung Ausdruck zu verleihen, 
»Symbole« der Gemeinschaft zu sein. 

13. Die meisten Zeichen dieser Art dienen aber auch zum 
gegenseitigen Verständnisse und werden um so leichter ver- 
standen, je mehr sie natürliche Zeichen des Willens sind, der durch 
sie »sich äußert« oder »sich offenbart«. Da ist denn die Wirkung 
auf das Gesicht (»Geberdensprache«) weit größerer Mannigfaltigkeit 
fähig als die Wirkung auf das Gemeingefühl, die Wirkung auf das 
Gehör aber (»Lautsprache«) übertrifft wiederum jene in viel höherem 
Maße durch die Bildsamkeit des Materials, in dem die Zeichen 
gleichsam geprägt werden. Zunächst freilich ist die Entwicklung 
der Oeberdensprache leichter, weil sie eben über mehr natürliche 



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— 6 — 

Zeichen verffigt, und so wird sie in früheren Phasen menschlicher 
Entwicklung nur unterstützt durch die Lautsprache, ein Verhältnis, 
das später sich umkehrt, bis endlich die schriftlich fixierte Laut- 
sprache allein durch sich selber wirkt und auch die Erklärung, die 
der Redende durch Modulation der Stimme seinen Worten mitgibt, 
entbehren muß. Im gleichen Verhältnisse entwickelt sich im ganzen 
der For^ng von sinnlichen und einzelnen zu gedanklichen und 
allgemeinen Mitteilungen. 

14. Denn aus artikulierten Lauten entsteht fast ausschließlich 
die ganze andere Gattung von Zeichen, die wir als künstliche 
Zeichen den natürlichen Zeichen gegenüberstellen. Hier ist kein 
natürliches Verhältnis oder Band mehr zwischen Zeichen und Be- 
zeichnetem, sondern allein menschlicher Wille stellt das Verhältnis 
der Ideen-Association her, wodurch das Wort Zeichen des Dinges 
wird, ebenso das Verhältnis, wodurch die Schrift Zeichen des Wortes, 
die Einheit des Buchstabens Zeichen der Einheit des Lautes wird Die 
Abscheidung künstlicher von natürlichen Zeichen ist aber ein Prozeß, 
der allmählich und in unmerklichen Übergängen fortschreitet: das Ge- 
dächtnis muß sich an immer unnatürlichere, folglich unbequemere 
Zeichen gewöhnen, die jedoch für die menschlichen Zwecke Erleich- 
terungen sind, weil die natürlichen Zeichen nicht ausreichen oder 
einen viel größeren Aufwand von Arbeit kosten würden, um in ge- 
nügendem Maße ausgebildet zu werden. Die natürlichen Zeichen, 
die den Sprachlauten zu gründe liegen, sind teils unwillkürliche 
Ausdrucksbew^ungen der vokalen Organe, teils Nachahmungen, d. i. 
Abbildungen gehörter und bekannt gewordener Töne, zum Teil end- 
lich nach Prinzipien der Analogie und des Kontrastes gebildete Ver- 
suche, die Eindrücke von Gegenständen wieder zu geben, die dann, 
durch relativ zufällige Umstände begünstigt, sich erhalten haben, 
d. h. in eine mehr oder minder feste Verbindung mit den Ideen (Wahr- 
nehmungen oder Erinnerungen) der G^enstände gekommen sind. 

15. Ein gewisses Wort hat eine gewisse Bedeutung, d. h. es 
ist Zeichen eines gewissen (wahrnehmbaren oder denkbaren) Gegen- 
standes, nach dem Willen eines oder mehrerer Menschen. Wenn 
nach dem Willen eines Menschen, so versteht entweder er nur 
allein das Zeichen, dann ist es ein individuelles Zeichen, oder es wird 
auch von Anderen verstanden, alsdann ist es ein soziales Zeichen. Auch 
hier sind Obergänge vorhanden. Verstehen ist selbst eine Art des 
WoUens, ist der Wille der Anerkennung, der Annahme, d. h. Aneignung, 
und so wird gemeinsames Verstehen einem gemeinsamen Besitze 



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— 7 — 

ähnlich. Durch das Verstehen wird also aus dem individualen ein 
sozialer Wille. Je weniger aber das Wort soziale Geltung hat, desto 
mehr bedarf es für das Individuum der Anstrengung, sich ver- 
standen zu machen; den Sinn, den er dem Worte geben will, 
unterstfitzt er dann durch naturiidiere Zeichen: Töne und Geberden. 

16. Wesentlich und nach dem Gesetze ihrer Entwicklung 
sind aber Wörter soziale Zeichen, und der soziale Wille, der in 
ihnen sich ausdrückt, ihnen ihre Bedeutung gibt und darüber ent- 
scheidet, ist, wie aller sozialer Wille, von mannigfacher Art 

17. Hier muß vor allem der tiefe Unterschied vorausbedeutet 
werden zwischen sozialem Willen, der auf natürliche Art sich ge^ 
bildet hat, und solchem, der auf bewußte Art gemacht wird. Aus 
diesem Unterschiede entspringt der Grundunterschied des Sinnes^ 
worin ein Wort etwas bedeutet Ehe wir jedoch dies in eingehender 
Weise betrachten, möge eine allgemeine Erörterung vorausgehen. 

18. In jedem Falle ist die Bedeutung eine Art von Gleichung: 
ein Wort ist gleich einem oder mehreren anderen Worten, durch 
die es erklärt wird und ist so, mittell)ar oder unmittelbar, gleich 
dem G^enstande einer Wahrnehmung oder Erinnerung. Diese 
Gleichungen aber werden im Allgemeinen nicht als etwas Gewolltes 
gedacht, sondern als etwas Wirkliches, das man also kennt oder 
nicht kennt, über das man richtiger oder falscher Meinung sein 
kann; man weiß oder weiß nicht, was ein Wort bedeutet d. h. wo- 
für es das Zeichen ist; wie ein Ding »heißt«, d.h. durch welches 
Wort es bezeichnet wird. Die Frage, aus welcher Ursache etwas 
so oder so heiße, liegt zunächst so ferne, wie die Frage, aus welcher 
Ursache etwas grün oder blau sei. 

19. So sehr wird in jedem Kreise von Menschen das für wirk- 
lich gehalten, d. h. dem Natüriichen gleich, was Alle kennen (oder 
doch erfahren können); woran deshalb Alle sich gebunden fühlen; 
die Verbindung von Namen und Sache wird so fest, daß sie als 
notwendig empfunden und gedacht wird. Der Name gilt als zur 
Sache gehörig, und wie ein Bild oder Schatten in mystischem Zu- 
sammenhange mit ihr. Dies dann in besonderer Weise bei den 
Namen von Personen, so daß man fürchtet, wer den Namen wisse, 
erlange Gewalt über Leib und Seele; daher die Sorge, den Eigen- 
namen zu vertiehlen, die Scheu, den Namen Verstorbener auszu- 
sprechen, um ihre Ruhe nicht zu stören und viel verwandter Aber- 
glaube. Sogar in der Philosophie wird die Meinung nicht leicht 
überwunden, daß irgendwelche Namen den Dingen von Natur 



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— 8 — 

(f öaei) zukommen, und die christlichen Denker statuieren, daß Adam 
den Dingen die richtigen Namen bdgei^ habe: noch im Anfange 
des XIX. Jahrhunderts gelangt die Lehre zu neuer Geltung, daß aus 
dem Hebräischen als der Ursprache alle Spradien abzuleiten seien. 
Ja, noch heute gibt es berfihmte Autoren, die den Besitz der Sprache, 
also eines ausgebildeten Systems von Lautzeichen, für eine absolute 
Kluft zwischen Menschen und Tieren halten; eine Theorie, die zu ihrer 
Ergänzung nur der anderen bedarf, daß eine neue absolute Kluft 
zwischen Menschen, die das Zeichensystem einer Buchstabenschrift 
besitzen und solchen, die es nicht besitzen, aufgetan sei, so daß 
jene nicht von diesen abstammen können. 

20. Nun aber weiß man doch, daß es verschiedene »Sprachen« 
der Menschen gibt, und versteht darunter die Gesamt-Systeme von 
Lautzeichen, die in einer gewissen Menge von Menschen, in einem 
Volke oder in verwandten Völkern verstanden und gebraucht werden. 
Die Tatsache, daß innerhalb einer solchen Menschenmenge kleine 
Gruppen wiederum sich unterscheiden, teils und hauptsächlich in 
bezug auf die Lautformen oder die »Aussprache« der gleichen 
Wörter, teils durch eine gewisse Zahl abweichender, eigentümlicher 
Wortzeichen, wird dadurch ausgedrückt, daß man innerhalb einer 
Sprache verschiedene »Mundarten« oder »Dialekte« als vorhanden 
hinstdlL Tatsächlich kommen in jeder größeren oder kleineren 
Gruppe von Menschen, die zusammen leben und gemeinsame An- 
gel^enheiten haben, besondere Wörter vor, die regelmäßig gebraucht 
w^den und oft so massenhaft und auffallend sind, daß man wieder 
von einer besonderen »Sprache«, der Studentensprache, Schiffer- 
sprache, Gaunersprache u. dgl. redet Auch gibt es nicht selten in 
engsten und kleinsten Gruppen, als zwischen Ehegatten oder Ge- 
schwistern, eine eigene Spradie, d. h. zahlreiche Namen von Dingen, 
die sie allein verstehen oder gd>rauchen, die sie oder die einer von 
ihnen »erfunden« hatten, sei es nun ein beliebiger, sonst bedeutungs- 
lose Laut oder ein sonst etwas anderes bedeutender, oder ein Laut, 
der sich an einen so bekannten anlehnt 

21. In Wahrheit ist zum gegenseitigen Verständnis eben so 
sehr ein gemeinsames Ideen-System, wie ein gemeinsames Zeichen- 
System notwendig, ja in höherem Grade, denn wenn die Ideen vor- 
handen sind, so werden Zeichen leichter und rascher erworben, also 
auch zum Ersätze gewonnen, während die Kenntnis von Zeichen 
nichtig ist ohne Kenntnis der Ideen, worauf sie zu beziehen sind, 
und diese Kenntnis ist viel schwerer zu erwerben oder zu ersetzen. 



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— 9 — 

zumal wenn es nicht mehr um wahrnehmbare, sondern nur noch 
um denkbare G^enstände sich handelt Darum ist die Tatsache, 
daß zwei Menschen dieselbe Sprache reden, keinesw^;s Garantie 
dafür, daß sie einander in weitem Umfange verstehen. Hier kommt 
außer der Fähigkeit von Wahrnehmungen (dem Blinden redet man 
umsonst von Farbe), Vorstellungen, Abstraktionen sogleich das ganze 
Gebiet spezieller technischer und wissenschaftlicher »Bq^riffe« in 
Frage, deren Namen nicht nützen ohne Vertrautheit mit den Objekten. 
Zum intimen Verständnisse gehört aber endlich, zumal wo es um 
nur subjektive Gefühle und Erfahrungen sich handelt, auch ein ent- 
schiedener (»guter«) Wille des Verstehens, daher eine lebhafte 
Sympathie, sofern diese nicht durch Interesse, d. h. durch einen 
Gedanken, dem das Verstehen Mittel zu anderem Zwecke ist, ersetzt 
wird. In jedem Falle ist das Verstehen dessen, was ein anderer 
gemeint hat, als Reproduktion eine Art von Kunstleistung, die mehr 
oder minder gelingt, deren Gelingen wahrscheinlicher wird durch 
Aufmerksamkeit und Übung, aber auch durch Kenntnis von Regeln, 
nach denen teils aus der Erscheinung (dem angewandten Zeichen), 
teils aus begleitenden Erscheinungen (z. B. der Betonung) auf die 
wirkliche Meinung dessen, der diese mitteilen will, geschlossen 
werden darf. Je nach dem genügt zum Verstehen ein für alle außer 
dem Verstehenden unverständliches Stammeln oder Lallen, oder ist 
eine lange Lehrzeit und selbst für den Gelehrten noch eine in vielen 
verwickelten Sätzen vollzogene Entfaltung eines Gedankens not- 
wendig. 

22. Also setzt nicht blos gegenseitiges, sondern auch einseitiges 
Verständnis gemeinsam -gleichartige Kenntnis von Ideen und von 
Zeichen voraus; Zeichen sind selber Ideen und ihre Verbundenheit 
mit den bezeichneten Ideen ist das, was vorhanden sein muß, um 
ein Verstehen möglich zu machen. Diese Verbindung kann, sobald 
andere als natürliche Zeichen verstanden werden sollen, nur erworben 
werden durch Lernen, d. h. durch zunehmende und sich befesti- 
gende Erfahrung, die wesentlich auf eigene Faust oder wesentlich 
durch Hilfe anderer gewonnen wird; in jedem Falle ist durch eigene 
Übung und damit sich bildende Gewohnheit die Entwickdung 
jener Ideen- Assoziationen bedingt, die als gewohnte gekannt werden 
und ein (wenn auch latent bleibendes) Wissen involvieren. Das 
Gewohnte aber und Bekannte wird als natürlich empfunden und 
gedacht, daher von dem naiven Geiste die Frage nicht leicht auf- 
geworfen, warum denn der Gegenstand diese Namen oder das Wort 



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— 10 — 

diese Bedeutung habe, oder aber gleich ähnlichen Fragen nach dem 
Ursprünge von Handlungsweisen, Od>riudien usw. durch Hin- 
weisung auf die Übereinstimmung und auf die Überlieferung von 
den Vorfahren her, beantwortet. Die Gewalt der Tatsache, als einer 
für wirklich und natürlich gehaltenen, wird freilich dadurch ab- 
geschwächt, daß es viele Sprachen gibt und daß es nur »in« dieser 
»unserer« Sprache so ist — denn hierdurch wird der Gedanke 
darauf hingelenkt, Bedeutung oder Namen als zufällig, anstatt als 
notwendig anzuschauen, als durch menschlichen Willen gesetzt, daher 
auch veränderlich (v(5|i(])) anstatt als natürlich und unabänderlidi 
(föaei) sie zu b^[reifen. Aber die einzelne »Sprache« erscheint 
nun als ein Wesen von natürlicher oder übernatürlicher Art, sie hat 
einen »Geist«, man bedient sich ihrer als eines lebendigen Werk- 
zeuges, ihrer, der ganzen, die als Ganzes sich darstellt, weil durch 
sie, d. h. wenn man sie gebrauchen will, die einzelnen Wörter in 
folgerichtiger, dem Belieben entrückter Weise zusammenhängen und 
also vorgeschrieben, geboten sind, so daß man sie anwenden muß; 
dazu »Regeln« für ihre Zusammensetzung, die man nicht »über- 
treten« darf, ohne sich eines falschen, verkehrten, unverständlichen 
oder doch unschönen Redens schuldig zu machen. 

23. Der Geist der Sprache, das ist eine der Gestalten, in denen 
das erkannt wird, was wir als sozialen Willen definieren. Die 
Natur des sozialen Willens zu erkennen ist notwendig, um den ver- 
schiedenen Sinn zu analysieren, worin von Wörtern oder anderen 
sozialen Zeichen gesagt werden kann, daß sie »Bedeutung« haben. 
Darum haben wir die Unterscheidung vorausgeschickt zwischen 
sozialem Willen, der auf natürliche Art sich gebildet hat, und solchem, 
der auf bewußte, wir dürfen sagen willkürliche Art gemacht wird. 
Als sozialen Willen überhaupt verstehen wir den für eine Mehrheit 
von Menschen gültigen, d. h. ihre Individual-Willen in gleichem 
Sinne bestimmenden Willen, insofern als sie selber als Subjekte 
(Urheber oder Träger) dieses ihnen gemeinsamen und sie verbin- 
denden Willens gedacht werden. 

24. Als individueller menschlicher Wille aber wird hier be- 
griffen jede bestehende Verbindung von Ideen (Gedanken und Ge- 
fühlen), welche für andere sich bildende Verbindungen von (eben- 
solchen) Ideen erleichternd, beschleunigend, oder erschwerend und 
hemmend wirkt (sie wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher macht). 

25. In diesem Sinne kann menschlicher Wille als Ursache 
menschlicher Tätigkeiten oder bewußter Unterlassungen gedacht 



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— 11 — 

werden; denn Tätigkeiten und bewußte Unterlassungen sind psycho- 
logisch verstanden nichts als Sukzessionen von Ideen. 

26. In jenen kausalen Ideenverbänden sind aber die relativ 
konstanten Elemente die Gefühle (die Bejahung oder Verneinung), 
die relativ variabeln die Gedanken. Das Verhältnis dieser zu jenen 
muß daher Prinzip der Einteilung und der Klassifikation bilden. 
Dies Prinzip li^ der Dichotomie des individualen wie des sozialen 
Willens zu Grunde. Natürlich nennen wir den Willen, in dem die 
Gefühle, künstlich den Willen, in dem die Gedanken überwiegen. 
Das heißt: die Beziehung auf Tätigkeiten (um so kurz zu sagen), in 
denen Wille überhaupt sich »äußert« oder »verwirklicht«, ist in 
einem Falle mehr vorausgefühlt — man kann dies auch ausdrücken: 
als objektiv vorhandene Tendenz empfunden — , im anderen mehr 
vorausgedacht. Vorausgefühlt ist sie von Natur unbestimmt und 
entwickelt sich von allgemeinen zu besonderen Beziehungen. Voraus- 
gedacht geht sie von einzelnen Bestimmungen aus und geht in all- 
gemeinere über, die aus jenen zusammengesetzt werden. Aus diesem 
Gegensatze ergibt sich das charakteristische Merkmal: dort — im 
Gefühlswillen — Herrschaft des Grundzweckes; d. h. die Idee 
eines allgemeinen Gutes richtet Gefühle und Gedanken auf das be- 
sondere Gut; hier — im Gedankenwillen — leitet die Idee eines 
■besonderen Gutes — des Endzwecks — alle übrigen Ideen und 
ordnet sie sich unter. Dort — um einen noch bestimmteren Kon- 
trast herzustellen — »wird« dem Menschen seine Aufgabe, sein Be- 
ruf offenbar (oder ist ihm offenbar geworden): »das soll ich«; hier 
»macht« er sich einen Plan (oder hat ihn gemacht): »das muß ich«. 
Dort — um endlich an geläufige wissenschaftliche Begriffe anzu- 
knüpfen — herrscht im Willen das Unbewußte, hier das Bewußte vor. 

27. Die fernere, diese Einteilung kreuzende Klassifikation der 
Willensformen richtet sich nach der beiden Typen gemeinsamen Be- 
ziehung auf Tätigkeiten. Je nachdem nämlich darin, d. h. in der 
entsprechenden Sukzession von Ideen, das sinnliche Element (Emp- 
findungen, Wahrnehmungen) oder aber das intellektuelle Element 
(Vorstellungen, Gedanken) überwiegt, ergeben sich je 2 Hauptformen, 
eine des Anfanges und eine der Vollendung; dazwischen aber legen 
wir die breite Masse, in der jene Elemente so vermischt angetroffen 
werden, daß sie in relativem Gleichgewidit sich befinden. 

28. Es entstehen also 6 Klassen von Willensformen, deren jede 
aber in Unterabteilungen zergliedert werden kann. Wir benennen 
sie hier mit Buchstaben 



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— 12 — 

WFs WFsl WFi 

WDs WDsi WDI 

Inwieweit diese begrifflich konstruierten Formen in der Wirklichkeit 
vorkommen oder mit solchen, die in der Wirklichkeit vorkommen, 
sich decken, bleibt hier außer Frage; darum auch, ob es möglich 
ist, sie mit Worten, die sonst üblich sind, zu bezeichnen. 

29. Ein G^enstand (A) wird durch individualen, z. B. meinen 
Willen Zeichen eines anderen Gegenstandes (B), — dies ist, um den 
Gegensatz g^en natürliche Zeichen darzustellen, das nächste Problem. 
Auf den einfachsten und rationalen Ausdruck gebracht, heißt es: ich 
will bei Wahrnehmung von A — obwohl sie mit B in keinem 
natürlichen Zusammenhange steht — an B denken. Dieses »ich 
will« kann aber (im Deutschen auch sprachlich) sowohl auf die 
gegenwärtige als auf die zukünftige Zeit sich beziehen, es kann auf 
eine einmalige oder gel^entliche, es kann auch auf eine regelmäßig 
zu wiederholende Erinnerung gehen. Die Erinnerung selber ist 
wesentlich an die Wahrnehmung oder nur an die Vorstellung ge- 
bunden, also mehr von sinnlicher oder mehr von intellektueller Art 
Der Wille aber, der die Assoziation bildet oder in ihr sich darstellt, 
wird hier, nach dem gegebenen Schema, in seine Gestaltungen unter- 
schieden. Auf der einen Seite stehen 2 »Erlebnisse«, die durch die 
»Gefühlsbetonung« des einen oder beider oder eines dritten mit- 
einander verknüpft werden. Der Hoffende, Mutige, der z. B. in den 
Kampf zieht, »nimmt« leicht irgend ein zufälliges Ereignis als ein 
»gutes Zeichen« für sich (»accipio omen«) — die Idee des Si^es 
err^ ihn so, daß sie jede andere Idee sich assimiliert; jene Idee 
verbunden mit dem Wunsche ist hier der Wille. Die Verbindung 
aber zwischen Zeichen und Bezeichnetem ist hier nur lose und 
oberflächlich, sie entsteht und vergeht leicht mit der sinnlichen Wahr- 
nehmung des Zeichens. Dauerhafter wird sie, wenn ein dauernder 
Wunsch, ein »Interesse« sie knüpft; zu Grunde li^ immer der 
»Wunsch« günstiger Erlebnisse, daher günstiger Zeichen; die Freude 
an jenen überträgt sich auf diese; daher »verweilt« Erinnerung 
eben so gern als Wahrnehmung bei ihnen. So gewöhnt sich der 
Schaffende, von Zufällen Abhängige, z. B. ein Landmann oder 
Schiffer, vielerlei Beobachtetes so mit den einzelnen Stadien seiner 
Tätigkeit zu verbinden, daß ihm regelmäßig die wiederkehrende 
Wahrnehmung zum günstigen oder ungünstigen Zeichen wird. Aus 
solchen Denkgewohnheiten setzt sich die ganze Masse des tradi- 
tionellen Aberglaubens zusammen. Endlich kann man, durch eben 



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— 13 — 

solche Willenstnotive angestachelt, förmlich lernen, sei es von 
anderen oder durch eigene Erfahrung und Überl^^ung, Erlebnisse 
»sich zu deuten«, z. B. Träuihe, die mit zukünftigen Erdgnissen in 
keiner natürlichen Verbindung stehen, aber in beliebigen Zusammen- 
hang mit der Meinung darüber gebracht werden können. Hier 
wird denn die Erinnerung selber von ausgeprägt intellektueller Art, 
z. B. die durch eigenes Denken gewonnene »Oberzeugung«, daß 
ein Traum von fetten Kühen glückliche Jahre bedeute. In allen 
diesen Fällen ist immer nur daran gedacht wie etwas für ein Indi- 
viduum durch seinen Willen zum Zeichen von etwas anderem wird. 
In Wirklichkeit haben oder gewinnen solche Zeichen zumeist auch 
eine soziale Bedeutung vor der individualen oder durch diese. 
Notwendig ist aber jene erst, wenn Zeichen soziale Gebraudis- 
g^enstände werden. — Auf der anderen Seite aber behachten wir, 
daß der Wunsch einer bestimmten Erinnerung diese zum Zwecke und 
irgend etwas, das mit ihrer Idee vorher in Verbindung gebracht 
wird, zum Mittel macht, d. h. zur vorausgesetzten Ursache der Er- 
innerung; er kann ihr natürliches Zeichen dazu wählen oder ein 
sozial gültiges Zeichen, oder endlich — was uns hier allein an- 
geht — ein nur für sich bedeutendes Zeichen mit jener Idee ver- 
knüpfen. Die Formen des Willens werden für den gegenwärtigen Zweck 
in genügender Weise durch Beispiele erläutert 1. Ich mache mir 
ein Zeichen zu einmaligem oder gel^entlichem Gebrauch — z. B. 
einen Knoten ins Schnupftuch, um morgen an einen zu schreibenden 
Brief zu denken; Striche in ein Buch, um bei wiederholtem Lesen 
mich meines Gefallens oder Mißfallens zu erinnern. 2. Ich setze 
mir ein Zeichen zum bleibenden Gedächtnis, z. B. einen Stein auf 
meinem Acker, um mich immer daran zu erinnern, daß ich an dieser 
Stelle eine wichtige Nachricht empfing. 3. Ich erfinde mir ein 
Zeichen, um etwas dadurch wieder zu erkennen, d. h. mich zu er- 
innern, daß ein G^^nstand in einer gewissen Beziehung zu mir 
steht, z. B. mein Eigentum ist So »zeichne« ich mein Vieh für 
eine Herde; wesentlich ist dabei die intellektuelle Gewißheit, es 
jederzeit aus der Herde als das meine aussondern zu können. Die 
individuelle Bedeutung des Zeichens geht hier leicht in eine aus- 
schließende, d. h. in die »geheime« über. Das Zeichen soll ent- 
weder nur für mich verständlich oder nur für mich wahrnehmbar sein. 
30» Um nun darzustellen, wie in analoger Weise sozialer 
Wille sich mannigfach darstellt, wollen wir von den ausgeprägtesten 
Haupttypen seiner beiden Gattungen ausgehen, deren Bq[riffe fast 



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— 14 — 

auf vollkommene Art durch sprachlich anerkannte soziale Mächte 
gedeckt werden. Sogleich soll aber die Anwendung auf gültige 
Bedeutungen von Worten geschehen, die durch solche Mächte ge- 
schaffen werden. 

31. Typus jener Kategorie ist die Sitte, Typus dieser Kate- 
gorie ist das Gesetz, in dem Sinne, in dem es gedacht wird, als 
aus Beratungen und Beschlüssen eines Einzelnen oder einer Ver- 
sammlung hervorgehend (»Statute law«). 

32. Das Wesen der Sitte liegt in der tatsächlichen Übung, sie 
entspricht psychologisch dem, was am Individuum als Gewohnheit 
verstanden wird, sie heißt auch ausdrücklicher Weise Volksgewohn- 
hdt Als Wille ist sie auf einfachste Art erkennbar durch altge- 
meinen Unwillen, oft auch Entrüstung, ja Abscheu, den ihre Ver- 
letzung err^ aber auch durch die Redeformen, die aus dem all- 
gemeinen Denken hervorgehen, als: die Sitte befiehlt, die Sitte 
fordert, die Sitte ist streng und unerbittlich usw. 

33. In den Sprachen vermischt sich diese Auffassung der Sitte 
mit derjenigen einer nur objektiven Tatsache, der Gewohnheit als 
bloßer Übung, d.h. regelmäßiger Übung. Wer aber den »Geist« 
seiner Sprache kennt, bemerkt wohl, wie an einem inneren Akzente, 
ob von Sitte in dem einen oder in dem anderen Sinne ge- 
sprochen wird, wie man auch von dem sozialen Sinne noch einen 
individualen unterscheiden kann, der aber (im Deutschen) sich da- 
durch charakterisiert, daß er pluralisch geformt wird, und daß er 
nur der zweiten, objektiven Anwendung des sozialen B^[riffes ent- 
spricht (»ein Mensch von lockeren Sitten«). 

34. Synonyma des Wortes im sozialen Sinne sind (im Deutschen) 
»das Herkommen«, »der Brauch«: jener Ausdruck weist auf die 
B^^ndung durch Übung früherer Generationen und auf das Ver- 
bindliche dessen, was die Väter getan und für gut gehalten haben, 
hin; dieser (»der Brauch«) geht mehr auf die lebendige Praxis. 

35. In Anwendung auf Bedeutungen der Wörter bildet die 
deutsche Sprache für den B^^riff der Sitte das besondere Wort 
»Sprachgebrauch«, wobei weniger an die Überlieferung als an die 
tatsächliche Übung gedacht wird; allerdings ist er auch in hohem 
Maße durch jenes bedingt, wie denn der »herkömmliche Sprach- 
gebrauch« besonders betont zu werden pflegt Daß d&r Sprachge- 
brauch gleich anderer Sitte auch eine subjektive Seite hat, liegt bei 
einem so psychischen Akte wie dem Sprechen nahe zu gewahren; 
indessen ist das Objekt auch zu intellektuell, als daß Abweichungen 



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— 15 — 

und Verfehlungen eigentlichen Unwillen erregen sollten; wohl aber 
gibt sich bei jedem Sprachkundigen andere Unzufriedenheit oder 
doch Ablehnung kund, oft nur als Komischfinden oder in minder 
ausgeprägten Fällen, einfach als Urteil, das etwas als falsch verneint, 
und als Wunsch zu berichtigen. Daß aber dem tatsächlichen Ge- 
brauche, nach dem der Einzelne sich richtet, den jeder als »ent- 
scheidend« für die Bedeutung von Wörtern anerkennt, so etwas wie 
ein gemeinsamer, gleichgerichteter Wille zu gründe li^ ist auch 
daraus ersichtlich, daß die Sprache als ein »Gut«, ein »nationales 
Erbe«, ein »heiliges Besitztum« aufgehißt zu werden pflegt, dessen 
»Antastung« oft zu heftigen Rede- und Waffenkämpfen geführt hat 
und noch fährt »Wir wollen unsere Sprache sprechen«, was 
heißt das anders als: wir wollen diese Zeichen mit diesen Be- 
deutungen gebrauchen; der Wille des Gebrauchs involviert den 
Willen der Bedeutungen: daß diese nicht als mitgewollt gedacht 
werden, beruht auf schon früher angedeuteten Gründen. Es ist 
aber allgemein: in der Gewohnheit wird der Wille nicht er- 
kannt obgleich er sich stark genug, zumal als Widerstand, darin 
kundgibt Es schwebt immer die an sich richtige Schlußfolgerung 
vor: wenn dies durch meinen (unsem) Willen wäre, so könnte 
mein (unser) Wille es in jedem Augenblicke aufheben oder ver- 
ändern. Falsch ist nur, was dabei stillschweigend vorausgesetzt 
wird, daß der (individuelle oder soziale) Wille etwas sei, was ohne 
zureichende Ursachen in jedem Augenblick entstehen könne. Tat- 
sächlich gilt: je fester gewurzelt eine Gewohnheit, desto unwalur- 
scheinlicher und schwieriger ist es, sei es durch fremden oder 
durch eigenen Willen, ihr entg^enzuwirken. 

36. Durch Volksgewohnheit oder Sitte entstehen und wachsen 
als am tiefeten das Leben der Einzelnen berührend die sozialen 
Gebilde, die wir »Recht« nennen; Gesetzgebung vereinheitlicht diese 
mannigfachen Gebilde und macht Recht auf bewußte und plan- 
mäßige Weise. Jenes, das Gewohnheitsrecht, erscheint teils in Tat- 
sachen, Meinungen, Sprüchen, mündlich oder schriftlich überiieferten 
Regeln, teils in der Praxis der Richter, dem Gerichtsbrauch, d. h. in 
regdmäßig oder nur einmal, in gegebenem typischem Falle, ausge- 
sprochenen Urteilen. Diese, die Gesetzgebung, d. h. die zur 

^) In den Sprachen sind jedoch Spuren dieser, der Psychologie fehlenden, 
Erkenntnis zu finden. Man denke an das griechische Wort i9^kti}, wo die Iden- 
tität direkt, und an das entsprechende deutsche »pflegen«, wo sie indirekt ange- 
deutet wird. 



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— 16 — 

Dtirdiffihning ihres Willens fähige soziale Macht versucht alle mög- 
lichen Fälle im Voraus zu denken, nach Erwägung der Angemessen- 
heit fQr bestimmte Zwecke, R^eln aufzustellen, nach denen geur- 
teilt, gerichtet werden soll. 

37. Während Gewohnheitsrecht in großer Mannigfaltigkeit und 
zahlreichen Widersprüchen die Rechissphären der Personen vielfach 
in Vermischungen und Kreuzungen und schwer lösbaren Gemein- 
schaften läßt, so ist Qesetzesrecht beflissen, die einzelnen Sphären 
scharf von einander zu trennen und g^fen einander abzugrenzen, 
nichts gemeinsam zu lassen, als was aus dem individuell bestimmten 
Eigentum oder Rechte abgeleitet oder doch ableitbar ist Gesetzes- 
recht ist, wo es in seinen eigenen Bahnen wandelt, so sehr als mög- 
lich rational. Sofern Gewohnheitsrecht in Sätzen oder Urteilen 
enthalten ist, folgt seine Sprache dem allgemeinen Sprachgebrauch, 
ist daher mit diesem vielfach unbestimmt und schwankend. 

38. Im Gewohnheitsrechte liegt immer ein Sprachgebrauch ein- 
geschlossen, durch den es sich expliziert Es ist Sache des richter- 
lichen Urteils, zu erkennen, ob eine Sache das und das sei, d. h. 
ob ein gewisser Name ihr zukomme, z. B. einem Gehinke der 
Name Wein, einer Zutat dazu der Name Gift Es wird geprüft, ob 
die Sache die Qualitäten habe, die der Sprachgebrauch mit dem 
Namen bezeichnen will, für seine Merkmate hält 

39. Gesetzgebung muß sich direkt mit der Bestimmung von 
Wortbedeutungen befassen. So wird im Strafrechte nicht alles, was 
im Volke und in gewöhnlicher Rede Behug oder Diebstahl genannt 
wird, als Verbrechen dieser Art verstanden und mit Strafe bedroht; 
vielmehr werden Definitionen solcher B^[riffe zu Grunde gelegt 
und als Maßstäbe der Bedeutung vorgeschrieben. Die neuere sozial- 
politische Gesetzgebung und auf ihr beruhende Verordnungen 
können nicht umhin. Ausdrücke des täglichen Lebens, wie Fabrik, 
Arbeiter, Handwerker als Begriffe zu stempeln, d. h. ihnen feste, 
leicht erkennbare Grenzen zu geben; und zwar bestimmen verschie- 
dene Gesetze, verschiedene Verordnungen diese Grenzen auf ver- 
schiedene Art; es heißt dann z. B. »Handwerker« im Sinne dieses 
Gesetzes ist ... ., Arbeiter im Sinne dieser Verordnung usw. 

40. Wie aber in weitem Umfange Gesetze die Normen des 
Gewohnheitsrechtes nur fixieren, ausdehnen oder einschränken, ins- 
besondere aber sie vereinheitlichen, so auch die gesetzlichen Be- 
stimmungen über Bedeutung von Wörtern. Oft aber geschieht 
diese auch ohne alle Rücksicht auf den Sprachgebrauch, ja diesem 



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— 17 — 

entgegen: neue Begriffe werden gebildet und für diese neue Wörter 
geschaffen oder alten die neue Bedeutung gegeben; der Gesetzgeber 
verfügt frei über den Sprachstoff, hält es aber in der Regel für zweck- 
mäßig, den Sprachgebrauch zu schonen, an den er tatsächlich auch 
vielfach gebunden bleibt, wo er sich nicht mehr gebunden fühlt. 

41. Dem Sprachgebrauch, der so sehr die breite Masse des auf 
die Wortbedeutungen bezüglichen sozialen Willens enthält, daß man fast 
immer anstatt des Wortes (Sprachgebrauch) das Wort Sprache schlecht- 
hin anwenden kann, steht außer den genannten indirekten Fällen keine 
eigentliche Sprachgesetzgebung g^enüber. Indessen gibt es 
doch ein baleutendes Analogon dazu durch die Tätigkeit der 
Grammatiker und Lexikographen, wenn diese mit einer gesellschaft- 
lichen Autorität von Staatswegen ausgestattet ist, oder sich solche 
durch ihr eigenes Gewicht erwirbt; der Gesetzgebung näher im 
ersten Falle. Typisch dafür ist die französische Akademie, deren 
Dictionnaire die Sprache zu unifizieren und zu reinigen mit so 
grossem Erfolge unternommen hat; ein Satiriker nannte die hyper- 
kritischen Urheber 

^souverains arbitres des mots^. 

Eine viel schwächere Analogie bietet der Einfluß von Schrift- 
stellern, die als mustergültig anerkannt werden; wir werden ihm an 
einer anderen Stelle aufs neue beg^[nen. 

42. In verwandter Art aber mit solchen Autoritäten und auch 
in vielfachen direkten Berührungen mit der Gesetzgebung verfährt 
und wirkt Wissenschaft auf die Sprache. Sie ist gesetzgebend 
für die Bedeutungen von Wörtern, die sie für ihre bestimmten 
Zwecke aus dem Sprachgebrauche ablöst und definiert, d. h. die 
Bedeutungen als sein- sollende setzt; auch ist ihr die Bildung von 
neuen — im Sprachgebrauche gamicht vorkommenden — Wörtern nicht 
fremd, die sie zugleich mit Fixierung ihrer Bedeutungen ins Leben 
ruft, sei es, daß sie die Wörter erfindet oder, wie in der R^d, 
einer fremden Sprache entlehnt. Die Bedeutungen selber kann sie 
wiederum entweder durch eben solche Kunstwörter oder durch 
natürliche Wörter ausdrücken, denen sie ihren gebräuchlichen Sinn 
gelassen oder einen neuen verliehen hat Ihre volle Souveränität 
aber macht sie erst geltend, wenn sie ihre eigentümlichen Objekte 
schafft, d. h. unabhängig von dem was sonst vorgestellt und ge- 
dacht wird, Gegenstände konstruiert und diesen alte oder neue 
Namen beil^ Ihre Worte gewinnen dann eine besondere Bedeutung. 

Tönnies, Philos. Terminologie. 2 



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— 18 — 

Z. B. das Wort »Kreis« hat Im Sprachgebrauche sonst mannigfache 
Bedeutung, durch Gesetzgebung wird das deutsche Wort Name 
eines künstlich abgegrenzten Verwaltungsbezirkes, für die Wissen- 
schaft bedeutet es, und in jeder zivilisierten Sprache ein entsprechen- 
des Wort, den Begriff eines in keiner Erfahrung vollkommen 
möglichen Dinges, nämlich einer geschlossenen Linie, die in jedem 
ihrer Punkte die gleiche Entfernung von einem Mittelpunkte hat: 
wo schon die Worte Linie und Punkt ebensolche spezifisch wissen- 
schaftliche Bedeutung haben. Man nennt solches nun auch einen 
wissenschaftlichen Sprachgebrauch — im Sprachgebrauch. Wir aber 
unterscheiden und definieren hier, achten daher nicht des Sprach- 
gebrauchs; dadurch selber ein Beispiel gebend der wissenschaftlichen 
Freiheit, B^ffe zu bilden und zu klassifizieren; einer Freiheit, die 
nur limitiert wird durch die Kritik ihrer Zweckmäßigkeit (wir ge- 
denken daher, durch den Verlauf der Abhandlung unsere Idee zu 
rechtfertigen). 

43. Wenn wir aber die soziale Gewohnheit, den Brauch, des 
näheren untersuchen, so findet sich, daß so etwas regelmäßig ent- 
steht, wo ein Zusammenleben von Menschen auf den ihm am 
meisten natürlichen Grundlagen beruht Wie sich individuelle Ge- 
wohnheiten am leichtesten und häufigsten aus ursprünglichen und 
starken Neigungen (Geschmäcken, Bedürfnissen) entwickeln, so 
entwickeh sich soziale Gewohnheit aus wechselseitiger und gemein- 
samer Neigung. Alle Neigung offenbart, vielmehr vollendet sich 
in Tätigkeit, denn sie ist der Beginn solcher Tätigkeit. Aus der 
Stärke und häufigen Erneuerung der Neigung folgt eine häufige 
Wiederholung der entsprechenden Tätigkeit; diese wird subjektiv 
zur Gewohnheit, wenn durch die Häufigkeit selber die Neigung 
verstärkt oder sogar ausschließlich bedingt wird, da das wiederholte 
Tun auch aus minder freiwilligen Quellen fliessen kann. Imm^ ist 
Gewohnheit eine von der Neigung verschiedene Disposition zu 
bestimmten Tätigkeiten, als solche mehr bindend und regulierend, 
die Freiheit des Willens wird durch sie in besonderer Weise deter- 
miniert, sie wird als nötigend, ja zwingend empfunden, der »Menschte 
ist »Sklave« seiner Gewohnheiten, und doch sind diese wesentlich 
nur festere Gestaltungen flüssiger, aber darum nicht minder not- 
wendiger und nötigender Antriebe. Ganz so wirkt im sozialen 
Leben der Brauch und verhält sich ebenso zum sozialen Instinkte, 
oder wie immer wir das ursprünglich Verbindende nennen wollen, 
das auch für die Bedeutung von Zeichen maßgebend ist 



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~ 19 — 

44. Wenn schon das Verständnis natärlicher Zeichen z. B, 
von Geberden, Rufen durch die Ähnlichkeit der Organe bedingt, 
durch soziale Gefühle und gewohntes Zusammenleben erleichtert 
wird, so differenzieren sich, wo diese Förderungen vorhanden 
sind, künstliche Zeichen in kaum merklicher Weise davon. Wenn 
der Hilfstrieb — ein- oder g^enseitig — stark ist, so wird 
der Versuch eine bestimmte Gefahr durch einen Laut anzuzeigen, 
auch wenn dieser Laut nicht mehr oder nicht zuerst expressiv odest 
imitatorisch ist, rasch verstanden, kommt leicht in Umlauf, whd auf- 
und angenommen. Indem gegenseitige Nachahmung Ausdruck der 
Einmütigkeit ist, darf diese, die natürliche Harmonie der Ge- 
müter, als erste Ursache einer kurrenten Bedeutung von Wörtern, 
wie von anderen Zeichen, begriffen werden. Man kann in jeder 
Kinderstube, im Schöße jeder glücklichen Familie beobachten, wie 
neue Bezeichnungen für Menschen und Sachen erfunden und ver- 
standen, wie sie aus Wohlgefallen an ihnen selber oder an ihrem 
Erfinder — z. B. dem Schall nachahmenden Kinde — aufgenommen 
und wiederholt werden. Ähnlich ist es, wenn in größeren Sprach- 
gemeinden Redner und Schriftsteller neue, besondere Wörter oder 
neue Bedeutungen alter Wörter aufbringen; dadurch, daß sie ge- 
fallen oder durch den Eindruck und Einfluß des Erfinders, gewinnen 
sie, wenigstens für eine Zeit lang, Kurs, d. h. werden nachgeahmt, 
wiederholt Und so muß auch der Ursprung der Sprachen 
gedacht werden, daß diese Quellen der freien Erfindung, der Ver- 
suche zur Einführung, und der zeitweiligen Geltung, reichlich ge- 
flossen sind, nachdem einmal die Organe gewöhnt waren, eine 
Mannigfaltigkeit von Lauten zu bilden. Was dann in dauerndem 
Brauche sich erhält und auf jüngere Generationen übertragen wird, 
ist durch Auslesen aus diesem Reichtum ursprünglicher Wortkeime 
gewonnen; Auslesen, die selber immer aufs neue sich wiederholen.^ 
Die psychologische Ursache jener üppig wuchernden Urkeime, in 
denen die Wörter zugleich mit ihrer sinnlich empfundenen Bedeutung 
erzeugt werden, können wir als Sprachgefühl, Sprachinstinkt oder 
besser als »Sprachbildungstrieb« bezeichnen, und diesen also als dem 
Sprachgebrauche zu gründe liegend darstellen. Bekannt ist es, daß 
gerade rohere Sprachen mit einer Überfülle von Synonymen be^ 
lastet sind, wie auch, daß in ihnen die Verschiedenheit der Mund- 
arten zumeist bis in die engsten lokalen Bezirke sich fortsetzt 

45. Sprache wird, wie andere Systeme, von Zeichen, z. B. Schrift- 
zeichen, Noten, Signale durch Lehre überliefert. In bezug auf die 



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— 20 — 

Muttersprache pfl^ freilich die Lehre mit dem Gebrauche vermischt 
zu sein und in unmerklichen kleinen Dosen, die durch Kontinuität 
um so stärker wirken, eingegeben zu werden. Immer aber ist es 
die Autorität des Erziehers, die als Tatsache mitteilt, daß das Ding 
so und so heißt, daß das Wort und der Satz (als Einheit mehrerer 
Wörter) solche Bedeutung haben. Dieser Aussage muß nicht allein 
B^erde und Fähigkeit zu verstehen, dem Gedächtnisse einzuprägen 
und nachahmend sich kund zu geben, sondern auch der Glaube 
des Lernenden entgegenkommen. Leicht geglaubt wird aber alles, 
was nicht in entgegengesetztem Wissen, in persönlichem Mißtrauen 
oder in Mißfallen an der Sache seine psychologischen Widerstände 
findet. Glaube ist Aufnahme und Bestätigung, gleichsam ein Indos- 
sament durch Unterschrift, mithin eine Willenshandlung; und da 
auch der Lehrer das, was er überliefert, in gutem Glauben empfangen 
hat, so darf man auch den gemeinsamen Glauben als eine der 
Formen des sozialen Willens ansprechen, die Wörtern wie anderen 
Zeichen ihre Bedeutung geben. 

46. Dies aber ist in ausgeprägter Weise erkennbar, wenn es 
sich um besondere Zeichen und besondere Wörter handelt, denen 
der Glaube oder verwandte Arten eines gefühlhaften Wollens, als 
Ehrfurcht, Begeisterung, eine besondere und erhöhte Bedeutung ver- 
leihen. So geschieht es in weitem Umfange mit Zeremonien und 
damit verbundenen Zauberworten, die für heilig und auf über- 
natürliche Weise wirksam gehalten werden. Wörter, deren eigentliche 
Bedeutung nicht verstanden wird, z. B. wenn sie einer fremden 
Sprache entlehnt sind, empfangen so die Bedeutung, eine Kraft in 
sich zu enthalten, die über die Kräfte gewöhnlicher Wörter, mensch- 
liche Gefühle und Empfindungen zu erwecken, weit hinaus geht. 
Der Glaube sagt, daß sie auf die Natur oder auf Götter und Dä- 
monen wirken, die durch und für ihn (den Glauben) in der Natur 
vorhanden sind. So hat in charakteristischer Art der gemeine Aber- 
glaube die unverstandenen Worte der Eucharistie ^Hoc est corpus 
(meum)« als »Hokus pokus« zu Zauberwörtern schlechthin gemacht, 
die gleich dem Hexen-Einmaleins zum notwendigen Apparate derer 
gehören, die das Unmögliche zu verwirklichen scheinen. So denken 
auch die Theologen den Schöpfer, nicht als unmittelbaren Urheber 
des Himmels und der Erden, etwa durch sein Wesen oder seinen 
Willen allein, sondern er muß das schöpferische Fiat sprechen 
[dies keineswegs der jüdisch-christlichen Idee eigentümlich; auch »in 
indischen und persischen Religionssystemen wird ... die Schöpferkraft 



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— 21 — 

des Wortes an die Spitze des Seins gestellt«; der Laut ist »Bmhma«, 
heißt es im Mimansa, durch das gesprochene Wort schafft Para- 
brahma die Welt »Als Ahriman, der Todesschwangere, die Erde 
durchstfirmt, spricht Ormuzd das Honover, das reine, das heilige, 
das schnellkräftige Wort, um die Schöpfung zu erhalten und zu 
schätzen« (BASTIAN)], und so macht die an solche naive Vorstellungen 
sich heftende Spekulation das Wort selber zum Gotte oder zum 
offenbarten Sohne Gottes, und wie das Wort alles schaffen, alles 
verwandeln kann, so schafft und verwandelt es sich selber in Fleisch 
und wandelt als Mensch unter den Menschen. Aber auch außer 
der Sphäre des Wunderglaubens wird dem Worte ein geheimnis- 
voller sachlicher Wert beigelegt, daher gewissen Worten eine gute 
oder üble Vo r - B e d e u t u n g. Auch beruht die Macht des gesprochenen 
Wortes, zumal der öffentlichen Rede, großenteils darauf, daß ge- 
wissen Wörtern und (Rede-) Wendungen vom Hörenden eine Mit- 
Bedeutung gegeben wird, die seine Gefühle erregt: Liebe, Ver- 
ehrung, Begeisterung; Haß, Abscheu, Entrüstung. Man denke an 
den »Zauber« von Worten, wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, 
und dagegen an die düsteren Assoziationen, die durch Worte, die 
mit Blut zusammengesetzt sind, «r^ werden: Blutschuld, Blutrache, 
Blutbad und dergl. 

47. Es gehört zur Kunst des ^Redners, durch richtige Anwen- 
dung, Hervorhebung, Betonung solcher Wörter die »Stimmung« zu 
erwecken und zu erhalten, die für Aufnahme seiner Gedanken, Be- 
folgung seiner Ratschläge bereit macht. 

48. Mit der religiösen und aller feierlichen Rede ist wesentlich 
die kunsthafte, die poetische Sprache verwandt; auch sie hat ihre 
ursprüngliche Kraft und Geltung durch den Volksglauben, für den 
das eigentlich und wirklich ist, was in der poetischen Sprache als 
Bild und Gleichnis bleibt; gläubige Phantasie erfüllt die Welt mit 
lebendig tätigen Geistern; die Naturmenschen und ihnen voran- 
schreitend ihre Lehrer — Priester, Seher — glauben, daß es 
überall menschlich zugehe, sie sehen den menschlichen Willen, 
menschliche Leidenschaften in die Dinge hinein und machen diese 
sich dadurch vertraut und verständlich, Dichtung ist zugleich Erklä- 
rung. Alle merkwürdigen Naturerscheinungen, ebenso auch Ereig- 
nisse des menschlichen Lebens sind für solche Denkungsart über- 
sinnliche Dämonen, Riesen, Götter u. dgl. oder werden durch diese 
verursacht Die Neigung und Gewohnheit, lebende Wesen gleich- 
sam in jeden Winkel zu setzen, wird durch besondere Erzählungen, 



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— 22 — 

Fabeln, Mythen, erhöht und verstärkt, wie sie darin sich offenbart; 
und diese stehen in fortwährender Wechselwirkung mit der Sprache 
— teils wird der sprachliche Ausdruck durch den Mythus, teils wird 
dieser durch jenen hervorgerufen. Bei weitem überwiegt aber der 
erste Zusammenhang: die Personifikation der Dinge oder der Ursachen 
von Vorgängen ist die natürliche Assimilation des Fremdartigen an 
das Bekannte, und diese geschieht, wenn einmal Sprache vorhanden 
ist, notwendigerweise mit deren dargebotenen Mitteln, die aber jene 
für sich und nach sich gestaltet. Die Erzählungen sowohl als die 
generellen Aüsdrucksweisen werden in und mit der Sprache gelehrt, 
-überliefert, empfunden, sie verwachsen mit dem Volksgeiste, mit der 
Sitte, der Religion; aber sie scheiden sich auch wieder davon, wenn 
die gemeine Denkungsart nüchterner, besonnener, verständiger wird, 
wenn die. Poesie als Kunst sich über das Leben erhebt Die Be- 
deutung vieler Wörter, die bisher eben so eigentlich war, wie die 
der Aussagen über wirkliche Erlebnisse, wird vermindert, sie werden 
nicht mehr als Zeichen von Wirklichkeiten, sondern nur noch als 
Zeichen von Bildern gedacht, und so »erblassen Gedanken, die einst 
einen realen Sinn hatten, zu bloßen poetischen Redeformen« (TYLOR). 
Auf der anderen Seite aber macht auch die Sprache, zuerst Mythen, 
sodann wenigstens sinnliche Vorstellungen von den Dingen, die viel 
zäher als jene sich erhalten. Auch außerhalb der Personifikationen 
des Unlebendigen behandelt die sprachliche Ökonomie alle Vor- 
gänge nach Analogie von animalischen Tätigkeiten, alles Gedachte 
nach Analogie des Wahrgenommenen, alles Wahrgenommene nach 
Analogie der organischen Wesen, zu denen das eigene »Ich« des 
Redenden gehört. Wo aber Tätigkeiten von Dingen vorzuliegen 
scheinen — ein Schein, den oft die Redeweise erst hervorbringt — 
da ist der Schluß gegeben ab esse ad posse^ vom Tun auf die 
Kraft des Tuns, und so werden die »Eigenschaften« des »Dinges«, 
wahrnehmbare und verborgene (okkulte Qualitäten) zu »Kräften«, 
aus denen die wirklichen Ereignisse notwendiger oder doch begreif- 
licher Weise hervorgehen. Für bekannt darf erachtet werden, daß 
diese Deutungen, durch das Vehikel der sogenannten Metaphysik, 
tief in die Wissenschaften eindringen; und nur mit großer Mühe 
wieder ausgeschieden werden. Das natürliche Denken genügt durch 
Beilegung von Namen unmittelbar dem jeweilig entstehenden Be- 
dürfnisse nach Wissen, nach Erklärung; und dies hängt auf das 
engste mit jener phantastisch-poetischen Belebung der Natur zu- 
sammen, die daraus immer neue Nahrung zieht, wenngleich sie 



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— 23 — 

allmählich trockener und prosaischer wird. Auch nachdem das 
wissenschaftliche Denken soweit fortgeschritten ist, wie in unseren 
Tagen bei den am besten Gebildeten, gibt jenes Bedürfnis noch 
r^elmäßig sich zufrieden, wenn die Tätigkeit eines Menschen als 
Ursache einer Erscheinung hingestellt oder aufgezeigt wird; zuhöchst 
geht etwa die Forschung noch nach seinen Beweggründen und 
zieht auch diese gleichsam auf Namen ab, die etwas allen bekanntes 
bezeichnen, z. B. Zorn, Rachsucht, Liebe, Haß usw. Das natürliche 
Denken erklärt nach dieser Analogie alles; und in der Gestalt, in 
der es auch uns, außerhalb der menschlichen Wirkungen, geläufig 
bleibt, begnügt es sich mit einer Reduktion der Analogie, nachdem 
die menschenartigen Eingriffe übersinnlicher Wesen nicht mehr 
geglaubt werden. Man findet einen Eichenstamm zersplittert ^»Das 
hat der Blitz getan,« »er muß mit furchtbarer Gewalt hier einge- 
schlagen haben« — so etwa sagen wir, wenn wir unserem natür- 
lichen Denken folgen; der phantastische und abergläubige Mensch 
früherer Zeiten oder einfacher Kulturzustände sagt und meint: 
»Zeus oder Gott zürnte dem Besitzer dieses Grundstückes, darum 
hat er durch einen Blitzstrahl diese Eiche gefällt«. So oder auf 
ähnliche Art kann aber auch einer reden, der es nicht glaubt: dann 
ist es eine poetische oder rhetorische Figur; aus einer derartigen 
Anschauung und Fiktion kann endlich ein bloßer metaphorischer 
Ausdruck entstehen, z. B. der Blitz hat hier gewütet Alle Rede- 
figuren, von denen die Metapher bei weitem die wichtigste und 
am meisten charakteristische ist, haben dies gemein, daß in ihnen 
die Wörter eine uneigentliche neben ihrer eigentlichen Bedeu- 
tung haben — jene soll durch diese gleichsam hindurchscheinen, 
sofern die Figur verstanden sein will; es kann aber auch geschehen, 
daß der Redner nicht oder wenigstens nicht von allen, die ihn 
hören, verstanden sein will; er ist zufrieden, ja es ist ihm lieber, 
wenn nur einige ihn verstehen, vielleicht wünscht er sogar, gar- 
nicht verstanden zu werden, nämlich nicht auf die vollkommene 
Art verstanden zu werden, worin die uneigentliche Bedeutung mitver- 
standen wird. Er will dann nur sich selber verstehen, und das, 
was er wirklich meint, nur stückweise oder nur den Schein oder 
endlich sogar das Gegenteil davon mitteilen. Die rednerische Phrase, 
z. B. die Ironie, besonders aber die Hyperbel, grenzt so an die 
Lüge und geht darin über. Lüge ist ein Gebrauch der Worte zu 
einem ihnen (d. h. dem in ihnen enthaltenen sozialen Willen) 
fremden individuellen Zwecke — zu dem Zwecke, durch scheinbare 



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— 24 — 

Mittdiung der eigenen Meinung eine Vorstellung zu erregen, die 
von dieser verschieden, im extremen Falle ihr widersprechend ist — 
Der herrschende Glaube — wofür man auch mit einem nahdi^en- 
den Oleichnisse sagen kann: der Kredit, dessen der Redende ge- 
nießt — ist auch in diesem besonderen Sinne das, was den Wörtern 
ihre wahre Bedeutung gibt Es unterscheidet diese Bedeutung auch 
die Persönlichkdt und ihre Worte: diesdben Worte haben das volle 
Gewicht ihrer eigentlichen Bedeutung, wenn ein redlicher Mann 
sie gebraucht hat, und sind leere Worte im Munde eines Wichtes 
oder gar Schwindlers. 

49. Wir hatten als Hauptformen des Bedeutung gebenden 
sozialen Willens den Sprach-Oeb rauch und die Sprach-Oesetz- 
gebung dnander gegenüber gestdlt. Ersichtlich ist nun, daß 
»Volksglaube« und »Wissenschaft« in analoger Weise einander g^en- 
sätzlich entsprechen. Beide Formen des sozialen Willens können 
gleichsam als Abgeordnete (Dd^'erte), Volksglaube des Sprach- 
gd>rauches, Wissenschaft der Gesetzgebung angesdien werden, d. h. 
als Willensträger, die innerhalb der Gesamtsphäre, die der Gestal- 
tung des Sprachgd>rauches, bezw. der Gesetzgd>ung untersteht, mit 
einem speziellen Mandate ausgerüstet sind, das sie dadurch erfüllen, 
daß sie Gruppen von Wörtern ausgezeichnete Bedeutungen anhängen. 
In Anwendung auf Sprachen wollen wir den Volksglauben Sprach- 
gen ius nennen. 

50. Es bleibt nun noch eine wichtige Form des sozialen Willens 
zur Erörterung übrig, die der Gesetzgebung und Wissenschaft ebenso 
zu gründe liegt, wie die natürliche, wir dürften sagen, animalische 
Übereinstimmung, das »Einverständnis«, dem Sprachgebrauche und 
dem Volksglauben. Jene Form nennen wir ihrem allgemeinen 
Wesen nach »Vertrag« und in besonderer Anwendung auf die Be- 
deutung von Zeichen »Verabredung«. Unter der Voraussetzung 
von lauter getrennten individuellen Willen ist Vertrag die natürliche 
und notwendige Form für ihr »Zusammenkommen«, ihre Verbindung 
oder Vereinigung in einen sozialen Willen. Diese Form hat das 
Dasein zweier oder mehrerer freier Personen, d. h. solcher, die durch 
ihren eigenen Wunsch sich bestimmen lassen, einander fremd zu 
bleiben oder zusammen zu kommen, zur Voraussetzung. Die ge- 
gebene Materie, d. h. der b^fflich einfachste Inhalt des Vertrages 
ist der Austausch von Sachen: hier werden zwei Willen, die vorher 
entgegengesetzt waren, indem jeder seine Sache so stark als mög- 
lich zur Geltung bringen will, »sich einig«, daß zwei Sachen einander 



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— 25 — 

gleich gelten sollen oder, wo der Ausdruck der Geltung in einer 
bestimmten Sache fiblich geworden ist, daß eine vorli^ende Sache 
so und so viel, d. h. so und so viel Einheiten des »Wertmaßes« 
gleich gelten solle, möge nun diese Geltung den Akt des Aus- 
tausches überdauern oder nicht Ebenso können aber beliebig viele 
Willen sich darüber vereinigen, daß ein Maßstab oder eine Norm 
»gelten« solle, auch wenn das: »wie viel« die einzelne Sache gelte, 
entweder dem Vergleichen, genauer dem Messen einer oder mehrerer 
Personen, oder aber vielfachen Übereinkünften fiberlassen werden 
muß. Am besten bezeichnet die griechische Sprache solche Ver- 
einbarung als »Zusammensetzung« (5uv9-iQxir)) — hier entsteht gleich- 
sam auf sichtbare Weise der gemeinsame Wille dadurch, daß mehrere 
einen Beitrag ihres eigenen Willens dazu leisten; und dies kann 
nicht anders geschehen, als, indem sie ihren Willen »erklären«, d. i. 
durch Zeichen kundgeben. Solches Zeichen kann die Obergabe 
einer Sache sein, es kann aber — als Abkürzung — ein gesprochener 
Satz, endlich ein Wort genügen. Und nur in Worten kann der 
g^enwärtige Wille eines zukünftigen Willens — ein Versprechen — 
ausgedrückt werden. Ebenso kann nur in Worten ein Befehl, über- 
haupt ein Satz, der etwas für eine über den Augenblick hinausge- 
hende Zeitdauer Gewolltes enthält, ausgedrückt werden. Solcher 
Satz ist aber der Satz über Geltung von Zeichen, daher möglicher- 
weise auch über die Bedeutung von Wörtern. Der darauf ausge- 
hende Imperativ bleibt entweder ohne Ausdruck oder er drückt 
sich in Worten aus. Auch Maßstäbe, Gewichte, Münzen sind 
Zeichen, nämlich Zeichen einer verabredeten oder sonst festgesetzten, 
jedenfalls aber zunächst nur in Gedanken existierenden Maß- Einheit 
oder eines Vielfachen davon. 

51. Verabredete Zeichen zwischen Zweien und Mehreren sind 
eine Sache, die jedermann kennt Sie sind dadurch charakterisiert, 
daß sie von dem Wesen natürlicher Zeichen sich beliebig weit ent- 
fernen können und regelmäßig sich weiter davon entfernen, als 
Zeichen, deren Bedeutung in naturwüchsigem sozialem Willen be- 
gründet ist So hat z. B. die schräge Stellung einer Briefmarke 
oder hat eine gelbe Rose im Knopfloche, nicht die geringste Ähn- 
lichkeit oder andere Verwandtschaft mit einer Ankündigung »heute 
Nachmittag 5 Uhr Rendezvous in der Konditorei« und können doch 
beide, wenn nur die vorherige Abrede getroffen ist, vor- 
trefflich zum Zwecke solcher Ankündigung dienen. Die Macht des 
menschlichen Willens, etwas zum Zeichen zu machen, tritt hier 



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— 26 — 

in ihrer elementaren (sozial wirksamen) Gestalt entgegen. Auch 
die Verabredung über eine besondere Bedeutung von Worten, 
sogar von sonst sinnlosen Worten, spielt im sozialen Leben eine 
bedeutende Rolle. Besonders gibt dazu die rasche, aber kostspielige 
Mitteilung in weite Ortsfeme Veranlassung, es entsteht z. B. im Ver- 
kehr zwischen England und Indien eine verabredete »Kabelsprache«, 
zunächst etwa innerhalb einer Familie oder eines Geschäftes, so daß 
etwa der Silbe »Tar« die Bedeutung vorausg^eben wird: »ich bin 
gesund angekommen« oder der Silbe »Ver« die Bedeutung: »der 
Silberpreis zieht an«. Sehr nahe liegt es dann, solche Zeichen zu 
Mitteln geheimer, d. h. auschließlicher Verständigung, im Gegensatze 
zum öffentlichen Gemeingut der Volkssprache, zu machen. Viel 
älter und größer ist in diesem Sinne die Anwendung verabredeter 
Schriftzeichen, die ebenso ihren besonderen Wert als Mittel 
geheimer Anzeigen und Mitteilungen erhalten. Alle solche Privat- 
zdchensysteme haben aber regelmäßig, wie die Schrift selber, eine 
vorhandene Sprache zur Voraussetzung und beziehen sich darauf, 
so daß sie Zeichen von Zeichen darstellen: als verkürzte Schrift, 
gleich der Stenographie, gleichsam Zeichen in dritter Potenz. Die 
Zeichenqualität der Originalzeichen kann dabei völlig vergessen sein, 
und pflegt vergessen zu sein; ja, es kann als Regel ausgesprochen 
werden, daß diese, sofern sie durch einen natürlichen sozialen 
Willen ihre Beglaubigung haben, niemals als gewollte Zeichen 
deutlich bewußt gewesen sind; ganz klar ist dies, wenn sie als 
natürliche Zeichen empfunden, ja dafür gehalten werden, wozu in- 
dividuelles wie soziales Gewohntsein drängt. Hingegen gehört es 
zum Wesen der hier erörterten Derivativzeichen, daß sie als 
Zeichen, mithin als Mittel für gemeinsame Zwecke, von denen, 
die ihnen Bedeutung geben, gedacht und gewollt werden. Andere 
freilich, die nicht auf diese Weise tätig gewesen sind, können dem 
Inhalte einer solchen Verabredung beitreten: sie nehmen es dann 
in ihren Willen auf, ohne daß sie über Wesen und Ursprung der 
Zeichen nachzudenken brauchen, diese können ihnen daher eben so 
natürlich werden, wie die »Muttersprache« und die gewohnten Um- 
gangsformen. Andererseits ist aber auch der Ursprung für den 
konventionellen Charakter von Zeichen und Zeichensystemen 
nicht allein entscheidend. Zeichen jedes Ursprunges können kon- 
ventionelle werden, dadurch, daß sie als solche, d. h. wesentlich 
als äußerliche Mittel, empfunden, gedacht, angewandt werden. Deut- 
lich ist dies eben an den Umgangsformen; man kann sich naiv und 



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— 27 — 

gläubig zu ihnen verhalten, dann nimmt man Versicherungen der 
Hochachtung, Verehrung, der Teilnahme usw. für »baare Münze«, 
und gibt sie auch nur dann, wenn man sie mit »gutem Gewissen«, 
d. h. mit Zustimmung seines Denkens, aussprechen kann — mit 
Recht wird man dann bald über die gesellschaftlichen Lügen sich 
entrüsten — ; oder man nimmt und gibt sie als bloße »Scheine«, 
man weiß, daß sie nichts als Mittel sind, eine verkehrswillige Ge- 
sinnung auszudrücken und seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten 
Gesellschaft, insbesondere zu derjenigen, die sich die gute nennt, zu 
dokumentieren. Es gibt dafür, dem B^ffe nach, nur das eine 
Mittel, daß man ihre Regeln beobachtet, und zu diesen R^eln ge- 
hört der Gebrauch solcher Redewendungen. Sie sind nicht ernst 
gemeint, es sind bloße Formen — ohne allen oder doch ohne 
entsprechenden Inhalt — »hohle Phrasen«, oder wie immer dies 
ausgedrückt wird. Wer aber mitspielen will, muß sich den Spiel- 
r^eln unterwerfen. — Es ist klar, wie dieser Gebrauch der Worte 
mit dem von Redefiguren verwandt ist. Hier wie dort neigen die 
Übergänge leicht in das Gebiet der Lüge. Die Lüge hebt die eigent- 
liche Bedeutung, den buchstäblichen Sinn der Wörter hervor und 
verlangt, daß diese hingenommen, geglaubt werden; sie (d. h. der 
Lügende) meint nicht die uneigentliche Bedeutung, sondern gar 
keine. Das Lügen wird aber durch die figürliche Bedeutung sehr 
erleichtert — man denke an die Rhetorik von Liebesschwüren 
und Freundschaftsbeteuerungen — ; ebenso wird es erleichtert durch 
die gesellschaftliche Bedeutung oder vielmehr Entwertung der Worte. 
Wer sich durch Schmeichelworte Vorteile zu verschaffen sucht, kann 
sich darauf beschränken, Redewendungen zu gebrauchen, die in 
seiner Gesellschaft gang und gäbe sind, über deren wahren Sinn 
in der Regel sich niemand täuscht Er kann sie doch mit der 
Absicht und dem Erfolge der Täuschung gebrauchen: er hat nur 
nötig, einen besonderen Akzent, eine Wärme des Tones hineinzu- 
legen, die sonst »vom Herzen kommt«; sollte man aber Verdacht 
gegen ihn merken lassen, so kann er immer sich darauf zurück- 
ziehen, daß er ja nur die üblichen konventionellen Reden geführt 
habe. Die Variationen, die sich hier beobachten lassen, sind 
mannigfach. 

52. Wenn nun in dieser Sphäre Teile der sonst gesprochenen 
Sprache gleichsam aufgeweicht und in einen Kuchenteig geknetet 
werden, so ist auch eine ganze Sprache möglich, in der alle Wort- 
bedeutungen einen konventionellen Charakter hätten, sei es, indem 



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— 28 — 

sie unmittelbar auf Gegenstände oder (was wahrscheinlicher), indem 
sie auf viele empirische (natürliche) Sprachen bezogen würden. Alte 
und neue Versuche, eine Weltsprache zu konstruieren, entsprechen 
einer durchaus vernünftigen und notwendigen Idee, die bei der 
gegenwärtigen Ausbreitung des Verkehres früher oder später tiefere 
Wurzeln fassen und rasch emporwachsen wird. Es läßt sich freilich 
nicht leugnen, daß in vielen Rücksichten besser wäre, eine gegebene, 
natürliche Sprache zum Range eines internationalen Verständigungs- 
mittels zu erheben; und dahin arbeiten ökonomische und politische 
Entwicklungen mächtig vor, am meisten zu gunsten der englischen 
Sprache, die zufälligerweise auch gewisse konstitutionelle Vorzüge, 
gerade für solchen allgemeinen gesellschaftlichen Gebrauch, besitzt, 
Vorzüge, durch die sie auch leichter erlernbar ist als die übrigen 
modernen Sprachen. Wir sind heute geneigt, zu vergessen, daß 
noch alle Wurzeln unseres Kulturlebens in einem Zustande liegen, 
der durch allgemeine Herrschaft einer solchen Weltsprache, des 
Lateinischen, charakterisiert war; daß von dieser Geltung noch viele 
höchst bedeutende Reste erhalten sind; daß sie in einigen Gebieten, 
nämlich als Sprache der Höfe und der Diplomatie, unmittelbar ab- 
gelöst wurde — im 1 7. Jahrhundert — durch das Französische 
und daß auch diese Sprache noch ein hohes Maß von internationaler 
Anwendung behalten hat. In allen diesen Fällen kann man von 
einer »konventionellen« Geltung mit gutem Grunde reden. Das 
Verhältnis, das jeder zu einer fremden Sprache empfindet, ist, zu- 
mal so lange ihm diese noch nicht »in Fleisch und Blut« überge- 
gangen ist, sehr verschieden von dem Verhältnisse zur Muttersprache: 
jenes ist dem Gebrauche eines Werkzeuges, dieses dem Gebrauch 
eines angeborenen Organes ähnlicher. Daher auch, wenn mehrere 
zusammen eines solchen Werkzeuges zu gegenseitiger Verständigung 
sich bedienen, sie sich ähnlich dazu verhalten, als wenn sie durch 
Verabredung die Bedeutungen dieser Zeichen festgesetzt hätten. Zu- 
nächst sind sie freilich an den Geist, d. h. den Willen oder die 
Assoziationen dieser fremden Sprache gebunden, aber je mehr sie 
ihre besonderen, gemeinsamen Angelegenheiten in diesem Stoffe 
ausdrücken, um so leichter verfügen sie mit einer gewissen Freiheit 
darüber, ohne den Hemmungen zu begegnen, die das »Sprachge- 
fühl«, d. i. die Gewohnheit und das Gedächtnis für die Regeln der 
eigenen Sprache sonst entg^enstellt. Aber auch in der Mutter- 
sprache entwickelt das »Geschäft«, d. i. aller menschliche Verkehr, 
bei dem jeder seinen eigenen Vorteil in bewußter Weise verfolgt, 



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— 29 — 

Erfindung und Gebrauch von Worten und Redewendungen spezi- 
fischer Geltung, die einer verabredeten gleichartig ist Der soziale 
Wille, der darin enthalten ist, unterscheidet sich vom naiven Sprach- 
bildungstrieb durch seine »reflektierte« Beschaffenheit, er ist in reifer 
Gestalt nur auf Grund einer alten Kultur denkbar, seine Sprache 
ist wesentlich Schriftsprache, sein Stil ein papiemer Stil. 

53. Die freiere Verfügung über gegebenen Stoff ist für alle 
Formen charakteristisch, in denen ein freierer sozialer Wille sich 
ausprägt; das aber ist ein solcher, der auf die eigenen Akte der 
verbundenen Individuen zurückgeführt werden muß. Wir rechnen 
hier dazu sowohl den Willen, der in einer normalen Gesetzgebung, 
als den Willen, der in einer normalen Wissenschaft zum Ausdrucke 
gelangt. Es ist klar, wie aus Konvention Gesetzgebung hervorgehen 
kann. Wenn irgend eine Gesellschaft eine Kommission wählt und 
ihr den Auftrag gibt, die in ihr gültigen konventionellen Regeln auf- 
zuzeichnen, auch je nach Bedünken zu verändern, minder zweck- 
mäßige durch zweckmäßigere zu ersetzen und in Übereinstimmung 
beschließt, nach diesen neuen Regeln sich richten zu wollen, — so 
wird diese Kommission ein gesetzgebender Körper. Solcher Ur- 
sprung, solche Autorisierung der Gesetzgebung wird hier als nor- 
maler Fall gedacht Es ist wahr, daß sich in der Erfahrung Einzel- 
personen und Körperschaften zeigen, die ihr Recht, Gesetze zu 
geben, auf ganz andere Weise beglaubigen, und zwar vorzugsweise 
durch übersinnliche Ordnungen der Dinge. (Itis divinum) Aber 
die Erfahrung lehrt auch, daß Gesetzgebungen dieser Art weit mehr 
auf Fixierung gegebener Zustände und Gewohnheiten, als auf freie, 
planmäßige, zielbewußte Neuerungen ihr Absehen haben. Sie ge- 
hören regelmäßig unter jene Form des sozialen Willens, die wir 
als Volksglauben bestimmt haben. Dieser ist zwar — auch in seinem 
Verhältnisse zum Sprachgebrauch — förmlich frei, zu bilden und zu 
gestalten; er hat aber eine ausgesprochene, ihm wesentliche Vor- 
liebe für das Alte, als das Bewährte und Geheiligte, ohne über 
seinen Nutzen in bezug auf bestimmte einzelne Zwecke zu reflek- 
tieren. Altertümlich ist auch die Rede der Religion, ja nicht selten 
in einer Sprache gehalten, die nur für die Geweihten und Gelehrten 
verständlich ist; so die Sprache der heiligen Kunst frommen Ge- 
sanges; während sonst die Entwickelung der Sprache, wie aller 
Zeichensysteme, auf Abkürzungen hingeht, so wird hier absichtlich 
den langgedehnten Formen als den herkömmlich-feierlichen der Vor- 
zug gegeben. Überhaupt erstreckt sich die so beglaubigte »Gesetz- 



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— 30 — 

^ebung« mehr auf die Formen als auf den Inhalt des Lebens. Sie 
berührt sich dadurch — und dies gilt vom Volksglauben schlecht- 
hin — mit der Konvention, so daß das Konventionelle oft »nur« 
ein anderer Name für das Heiliggehaltene ist Auch die Konvention 
ist zunächst und bleibt in gewissem Umfange immer »konservativ«, 
daher das »Steife« der »Etikette«, die gewundene, umständlich- 
feierliche Sprachform alter Kourtoisie, des Briefstils usw. Es liegt 
aber in ihrem Wesen, sich davon abzulösen und zur launenhalt 
wechselnden, neuerungssüchtigen »Mode« zu werden. Mit viel 
stärkerem Überwiegen jener Vorliebe für das Alte bewegt sich auch 
zwischen Volksglauben und Konvention das Recht, wie es auf 
Grundlage des Gewohnheitsrechtes geübt und gesprochen, gelehrt 
und erörtert wird; ebenso die besondere Sprache des Rechts, die 
als technische an die gelehrte und heilige Sprache sich anlehnt, dann 
aber als Sprache einer Kaste (eines Standes — ordo — , einer Fakul- 
tät) auf freiere, d. h. auf mehr konventionelle Art angeeignet und 
umgebildet wird. In rücksichtsloser Weise wirkt dann aber auf 
sie — dies wurde schon vorausgeschickt — die bewußte Gesetz- 
gebung, wie auf das Recht selber, und im engsten Zusammenhange 
damit — Durch freiere Verfügung über gegebenen Denk- und 
Sprachstoff, sagten wir, sei mit Konvention und Gesetzgebung 
Wissenschaft gleichartig. Auch hier ist — wie bei Gesetzgebung 
und genau besehen auch bei Konvention — unser Begriff von 
Wissenschaft das Thema. Was im Sprachgebrauch so genannt wird 
{wenigstens im Deutschen), z. B. Theologie, Jurisprudenz, politische 
und moralische Disziplinen, das ist nicht (in unserem Sinne) freie 
Wissenschaft, es blieb an Herkommen und Volksglauben, oft auch an 
Konvention und Gesetzgebung, bisher r^elmäßig gebunden. Unserem 
Begriffe von Wissenschaft entsprechen am vollkommensten die Mathe- 
matik und die mathematische Physik. Alles was Wissenschaft heißt, 
wie auch alles, was Kunst heißt, hat seine Terminologie, seine 
technischen Begriffe. Diese aber sind zumeist nicht Begriffe in dem 
Sinne, wie wir sie jetzt im Auge haben, sondern nur besondere 
Namen für besondere Gegenstände, — Dinge und Tätigkeiten, die 
in der Erfahrung derer, die solchen Künsten und Wissenschaften sich 
hingeben, hervorragende Bedeutung haben. Dies involviert keines- 
wegs, daß jene Dinge und Tätigkeiten nicht objektiv, also für jeder- 
mann, vorhanden wären. Anders ist es mit der eigentlichen Wissen- 
schaft Sie (d. i. die sich ihr widmende Denktätigkeit) bildet ihre 
Begriffe, ausschließlich für ihre eigenen Zwecke, als bloße Gedanken- 



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— 31 — 

dinge, gleichgültig gegen ihr Vorkommen in irgendwelcher Erfah- 
rung, ja mit dem Wissen der Unmöglichkeit eines solchen Vor- 
kommens. Die natürliche Entstehung allgemeiner B^[riffe, die besser 
Allgemeinvorstellungen heißen, wird in der Regel nicht oder 
doch nicht mit genügender Schärfe von dieser künstlichen, bewußten 
Bildung »abgezogener« (wie man im XVIII. Jahrhundert »abstrakt« 
ins Deutsche übersetzte) Begriffe unterschieden. Die natürliche 
Entstehung allgemeiner Vorstellungen geht der Entstehung beson- 
derer Vorstellungen voraus; jene ist eine unvollkommene, mangel- 
hafte Vorstellung, mit der regelmäßig ein zugehöriger Name an 
wenige oder gar an ein einziges hervorstechendes Merkmal wahr- 
genommener Gegenstände sich heftet Merkmale sind, wie das Wort 
andeutet, Kennzeichen für die Erinnerung, und zwar werden sie für 
den sprechenden Menschen unmittelbare Ursache für das »Einfallen«* 
des Namens. Alle Namen sind ursprünglich Eigennamen und 
Gattungsnamen zugleich. Das oft angewandte Beispiel des kleinen 
Kindes, das jeden nicht durch ein neues Merkmal neue Gefühle er- 
regenden Mann »Papa« nennt, ist typisch für die Verbindung von 
Allgemeinvorstellungen mit Namen. Allgemeinvorstellung ist jede 
Apperzeptionsmasse (im Sinne Herbarts und Steinthals), die einmal 
mit einem Wortzeichen verbunden die Idee dieses Wortzeichens aus- 
löst, sobald sie durch aktuelle Perzeptionen angeregt wird. Der 
Fortschritt des Erkennens knüpft sich an den Besitz und die Kenntnis 
mehrerer Namen für denselben Gegenstand, an deren Unterscheidung, 
d. i. Beziehung auf verschiedene Gründe, oder schlechthin auf die 
Tatsache des So-Heißens; mithin ebenso an die Kenntnis verschie- 
dener Namen für getrennte Gegenstände, insofern sie verschieden 
von einander sind, wie an diejenige gleicher Namen für eben die- 
selben Gegenstände, insofern sie einander irgendwie ähnlich sind. 
Denken wir einen Zustand, der von allem, was wir als Wissenschaft 
verstehen mögen, unberührt sei, so wird doch das Kind ebenso 
darüber belehrt, daß dieser Hund »Phylax« heißt (ohne daß es den 
Grund dieses Namens zu lernen braucht), wie darüber, daß dies 
Tier, ebenso wie die Jagdgefährten des Nachbars, »ein Hund ist«, 
d. h. diesen gemeinsamen Namen hat; der Unterschied ist eben, daß 
es, um diesen Namen richtig anzuwenden, den Grund kennen 
lernen muß: nicht alle vierbeinigen Lebewesen nennen wir »Hund«, 
sondern diese emst-blickenden, die durch ihr »Bellen« sich bemerk- 
lich machen; andere, größere, gemahnte Vierbeiner heißen »Pferd«; 
sowohl Hunde als Pferde heißen »Tier«. Auf Grund dieser leichten 



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— 32 — 

Unterscheidung durch rohe Allgemeinvorstellungen b^nnt erst mit 
einem Kennenlernen von Merkmalen , die nicht der unmittelbaren 
Wahrnehmung sich aufdrängen, speziellere Benennung einzelner 
Gruppen innerhalb eines schon feststehenden Ganzen, viie die Zu- 
sammenfassung mehrerer Ganzen in abg^:renzte größere Ganze; 
denn zunächst gilt: je allgemeiner, desto unbestimmter die Vorstel- 
lung. Während aber alles praktische Wissen in der Kenntnis 
jener spezielleren Allgemeinvorstellungen und Namen besteht und 
daran sich entwickelt, so hängt sich das theoretische Interesse 
viel mehr an die Verallgemeinerungen und deren bessere, genauere 
B^[ründung und Bestimmung durch wirklich charakteristische Merk- 
male. So entstehen neben den Allgemeinvorstellungen, wie Pferd, 
Hund, Tier, die in B^:riffe umgearbeitet werden, neue B^ffe, die 
erst zu Allgemeinvorstellungen werden, wie Säugetier, Wirbeltier, 
Molluske, endlich Begriffe von Lebewesen, an denen nicht nur die 
gemeinsamen Merkmale ohne Studium unerkannt bleiben, sondern 
die selber für die natürlichen Sinne unwahrnehmbar sind, z. B. der 
B^jiff »Bazillus«. In allen diesen wirklichen B^ffsbildungen ge- 
schieht aber doch nichts als die Verbindung vieler vorgestellter 
Gegenstände in eine einzige neue Apperzeptionsmasse, die um so 
weniger Merkmale besitzt, je allgemeiner sie ist Nicht wesentlich 
anders verhält es sich, wenn die Gegenstände oder B^iffe nicht 
Dinge, sondern Qualitäten oder Vorgänge sind. Es sind immer nur 
einzelne — sinnliche oder unsinnliche — Eindrücke, an die ein 
Name sich heftet, der nun als auf viele solche Eindrücke anwendbar 
sich erweist Alle diese B^iffe sind so wenig, als die natürlichen 
Allgemeinvorstellungen, »abstrakte« Begriffe in unserem Sinne, son- 
dern die ihnen beigelegten Namen bezeichnen viele konkrete Gegen- 
stände in bezug auf bestimmte, ihnen gemeinsame Merkmale. 
Immerhin ist ein großer Unterschied, ob man Gegenstände oder 
Ideen zu benennen meint: das Allgemeine ist nicht in den Gegen- 
ständen, wohl aber in den Ideen. — 

54. Ein abstrakter Begriff wird erst gebildet, wenn mit dem 
Namen der zu benennende Gegenstand »erfunden«, d. h. fingiert 
und konstruiert wird, so daß hier Idee und Gegenstand sich 
decken — der Gegenstand möge als Ding oder als Vorgang ge- 
dacht werden. Was wir vom B^ffe aussagen wollen, das müssen 
wir bei der Bildung unseres B^iffs vom abstrakten B^jiffe un- 
mittelbar anwenden. Wir definieren also den abstrakten Begriff als ein 
Kunstgebilde des wissenschaftliehen Denkens, das wissenschafüiche 



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— 33 — 

Denken aber als ein Operieren mit solchen Gebilden, indem sie 
teils miteinander, teils mit konkreten B^jiffen oder Einzdvorstd- 
lungen verglichen werden. Der abstrakte BegrUf ist ein G^en-- 
stand, dem beliebige »Merkmale« gegeben werden, sinnlich vorstell* 
bare oder nicht, in Wirklichkeit (»in der Erfahrung«) miteinander 
verbunden angetroffene oder nicht; entscheidend ist nur der End- 
zweck, dem das Gebilde dienen soll, und dieser Endzweck ist die 
Erkenntnis der Verhältnisse zwischen erfahrenen und erfahrtiaren 
Gegenständen. An der Spitze der abstrakten B^jiffe steht daher 
der B^ff des Denkbaren schlechthin, dem ein beliebiger, ihn re- 
präsentierender Name, z. B. A beigelegt wird, und die Operationen 
des wissenschaftlichen Denkens beginnen damit, daß dieser Begriff 
sich selber gleichgesetzt wird, was durch »Worte« in der Gestalt 
des Urteiles A = A geschieht, des so oft mißverstandenen Satzes 
der Identität. Der Satz bedeutet den Willen des wissenschafUich 
Denkenden, seinen B^jiff als sich selber gleich, d« i. als der Ver- 
änderung nicht unterworfen zu behandeln, und dieser Wille macht 
darauf Anspruch, ein gältiger Wille zu sein, weil er jenem End- 
zwecke innerhalb weiter Grenzen angemessen ist Denn in einem 
gewissen Maße sind auch alle erfahrbaren G^enstände der Verän- 
derung nicht unterworfen, d. h. sie können so gedacht werden, und 
dieses Denken ist wiederum zweckmäßig, ja notwendig, weil nur 
unter dieser Voraussetzung eine Vergleichung solcher 
G^enstände mit Bqjiffen, und folglich miteinander, geschehen 
kann. Denn die Vergleichung der erfahrbaren G^enstände ge- 
schieht dadurch auf vollkommene Weise, daß sie auf den gedachten 
G^enstand bezogen und darin ausgedrückt werden. Der gedachte 
G^enstand ist ein Maßstab. Er kann als ein individueller be- 
schrieben werden. Während die Allgemeinvorstellung, je weiter 
und allgemeiner, desto ärmer an Merkmalen, kann der abstrakte Be- 
griff, wenn er auf noch so viele Erscheinungen bezogen werden 
soll, mit Merkmalen so reich ausgestattet werden, wie der Zweck 
es erfordert Er repräsentiert seine eigene Idee, die Idee eines All- 
gemeinen, das zugleich singuIär (individuell); er ist selber ein 
Zeichen, ein Symbol und nichts anderes. Er ist um so zweck- 
mäßiger, je mehr seine Merkmale scharf und bestimmt, je mehr sie 
durch einander bedingt, also aufeinander in Gleichungen beziehbar 
sind; er wird dagegen unbrauchbar, wenn seine Merkmale schon 
als gedachte einander ausschließen oder — was dasselbe heißt — 
einander widersprechen. 

Tönnies, Philos. Terminologie. 3 



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— 34 — 

55. Definitionen sind nachdem gewöhnlichen Sinne des Wortes 
nichts als Erklärungen von Wörtern, die Allgemdn-Vorstellungen 
bezeichnen. Sie sollen also den Umfang dieser Allgemein -Vor- 
stellungen angeben; die alten Rq;eln sind bekannt, daß dies geschehen 
mfisse durch Verbindung der Gattung mit der spezifischen Differenz, 
und was daraus abgeleitet wird: daß die Definition nicht zu weit, 
auch nicht zu eng sein dürfe, daß sie also genau das decken solle, 
was das Wort wirklich bedeute. Die Untersuchung der wirklich, 
d. h. fast immer im Sprachgebrauche oder in einem speziellen 
Bezirke dessen, geltenden Bedeutungen ist an und ffir sich dne 
wichtige wissenschaftliche Aufgabe; aber mit den besonderen Zwecken 
des wissenschaftlichen Denkens schlechthin, hat sie nichts zu tun. 
In solcher Anwendung vermischt sich daher die Aufgabe in der 
Regel mit der ganz anders gearteten, daß der Ddinierende angeben 
solle, in welchem Sinne er den allgemdnen Namen gebrauchen 
wolle. Wir sagen: die Aufgaben werden vermischt; denn tdls ist 
man sich des Unterschiedes bei wdtem nicht immer bewußt, teils 
wird erwartet, daß das wissenschaftliche Subjekt sich nicht als Sou- 
verän geberde, d. h. daß es sich möglichst nahe an den Sprachge- 
brauch halten werde, ja es wird vorausgesetzt, daß der Definierende 
sdner Aufgabe am besten gerecht werde, wenn er in der Tat nur 
den Sprachgd>rauch expliziere, mit anderen Worten^ wenn er das 
denke, was Alle denken. Geschieht es nun, daß der flüssige und 
mannigfache Sprachgebrauch in eine feste und einheitliche Form ge- 
bracht wird, so kann allerdings eine solche Abgrenzung der Bedeutung 
für viele Zwecke genügen. Sie ist auch der Sinn, in dem Gesetze 
die Bedeutung von Wörtern bestimmen: hier fällt aber jeder Ge- 
danke in sich zusammen, daß es sich um die Explikation des 
Sprachgebrauchs handle; der offenbare Zweck ist vidmehr, die un- 
bestreitbaren Grenzen der Gdtung des Gesetzes festzusetzen. Ganz 
analog ist aber auch der Zweck, auf den die wissenschaftliche Defi- 
nition immer bezogen werden muß: Gdtung innerhalb einer Ge- 
dankenfolge, also eines Buches» eines Systems usw. Wer daher einen 
wissenschafüichen Begriff ausprägt, der tut es auf seine Verantwortung 
und mit völliger Freiheit gegenüber dem Sprachgebrauch. In diesem 
Sinne sagte PASCAL: ^Rien n' est plus libre que les ddfiniH<ms<s^. 
Und so haben die schärferen Logiker immer eingesehen, daß wissen- 
schaftliche Ddinitionen Sätze sind, deren Wahrheit auf dem Willen 
dessen beruht, der sie aufstdlt Auch wenn ein Name schon in 
irgend wdchem z. B. wissenschaftlichem Sprachgebrauch einen B^friff 



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— 35 — 

bezeichnet, d. h. eine bestimmt abgrenzte Allgemein-Vorstdlung, 
so muß doch der Definierende diesen B^ff und zugleich diesen 
Namen sich zu eigen machen, wenn die Definition auch in seinem 
Oedankenzusammenhange gelten, d. h. für ihn wahr sein soll. 
Vollends ist aber die freie Definition notwendig, wenn mit jenen 
ganz individuellen Denkgebilden operiert wird, die wir hier als ab- 
strakte B^[riffe verstehen. Solche Definition ist mehr als eine 
Erklärung, was ein Name bedeuten solle (und noch weiter entfernt 
von dem, was er »in Wirklichkeit« bedeuten mag); sie will haupt- 
sächlich die Sache, d. i. den gedachten Gegenstand beschreiben 
und legt ihm dann, als abgekürztes Kennzeichen dieser Beschreibung, 
einen Namen bei, der am besten willkürlich gewählt wird, als ein 
jeder anderen Bedeutung barer. Die Beschreibung ist hier nicht 
bloß eine Angabe von Grenzen, die sich wesentlich auf den Umfang 
des Baffes beziehen muß; sondern eine möglichst vollkommene 
Determination seines Inhaltes, ohne Rücksicht auf den etwanigen Um- 
fing. Es ist nur ein Notbehelf, wenn sie in (nicht definierten) 
Worten des Sprachgebrauchs geschieht; Wissenschaft bedient sich 
dieser nur, wenn und so weit sie keine anderen, von ihr selbst 
definierten Ausdrücke hat Treffend bezeichnet dies SIOWART mit 
den Worten: »jede Definition setzt eine wissenschaftliche Termino- 
logie voraus«. 

Anmerkung i . Gleich anderen neueren Logikern unterscheidet Sigwart von blofi 
analytischen Definitionen, »in denen der Wert eines Wortes durch eine gleichgeltende 
Formel ausgedrückt wird«, synthetische Definitionen als solche, »die den Terminus 
für einen neuen Begriff einführen«; er bemerkt aber nicht, dafi alle Definitionen 
von wissenschaftlichem Sinne, wenigstens ihrer Intention nach, sjrnthetische Defi- 
nitionen sind und an dieser Idee gemessen werden müssen; ebenso nicht, dafi es 
bei dem Postulate von Real-Definitionen um nichts anderes als um diese sich 
handelt; obgleich er im angeführten Zusammenhange von Formeln spricht, die »äufier- 
lich einer Nominal-Definition gleich, der Sache nach von ihr verschieden« seien, so 
meint er doch (wenige Seiten vorher), dafi der Begriff der sogen. Real-Definition 
»für ims in der Logik keinen Sinn mehr habe«. 

Anmerkung 2. Wenn Bischof Berkeley lehrte, und damit immer von neuem 
Beachtung findet, dafi etwas Allgemeines überhaupt nicht gedacht werden könne, so läfit 
ach darüber streiten, wenn man überein gekommen ist, was als Allgemeines und was 
als denken zu verstehen sei. Wenn er aber darauf exemplifiziert und Neuere ihm 
darin folgen, daß ein Dreieck, das weder gleichseitig noch ungleichseitig usw. sei, 
nicht vorgestellt werden könne, so ist dies zwar richtig, beweist aber nichts. 
Denn niemand wird behaupten, dafi es eine natürliche Allgemein- Vorstellung des 
Dreiecks gebe; was aber den abstrakten Begriff Dreieck anbetrifit, so ist dessen 
Gegenstand in der Tat hinlänglich beschrieben als ein von drei geraden Linien 
eingeschlossener Raum der Ebene, wenn zuvor die Begriffe der Geraden und der 

3' 



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— 36 — 

Xinie definiert worden, die verschiedenen Sorten von Dreiecken, die in der Vor- 
stellung oder in der Zeichnung wirklich sind, verhalten sich zu dem Begriffe nicht 
wie Arten zur Gattung, sondern sind seine Abbilder oder Verwirklichungen (ersten 
und zweiten Grades) und als solche fflr und in bezug auf den Begriff völlig 
gleichwertig. Im flbrigen verhalten sie sich zu ihm, wie isolierende Experimente 
zu einem in abstraeto gedachten idealen Fall. 

56. Inwiefern aber, was in der Wissenschaft gilt, als durch 
sozialen Willen gültig gedacht wird, darüber wird noch eine kurze 
Erörterung sich notwendig machen, nachdem zuvor von den Be- 
deutungen eines höchst wichtigen anderen Zeichens gehandelt 
sein wird. 

57. Es ist beinahe ein philosophisches Herkommen, Worte 
(oder »Bqjiffe«, an denen nur ihre Bezeichnung dann gemeint ist) 
mit dem Oelde zu vergleichen, wie es auch in dieser Abhandlung 
schon geschehen ist, u. a. als erwähnt wurde, daß konventionelle 
Redensarten zuweilen für »bare Münze« genommen werden. In 
der Tat ist die Analogie durchgehend. Dem Worte wie dem Oelde 
ist es wesentlich, daß sie Zeichen sind, und daß sie — wonach 
im Deutschen das Geld genannt ist — »gelten«, d. h. daß sie durch 
sozialen Willen die Gegenstände, deren Zeichen sie sind, vertreten. 
Das Wort ist Zeichen von Gegenständen als Vorstellungen oder 
Ideen; das Geld ist Zeichen von G^enständen als Werten, d. h. in- 
sofern sie als nützlich -angenehm empfunden und gedacht werden^ 
also auf das, was wir Wollen oder Streben im Menschen nennen 
mögen, einen Eindruck machen, kurz: bejaht werden. Wir können 
aber ohne Mühe die Analogie auch auf den verschiedenen Sinn aus- 
dehnen, in dem Geld wie Wort »Bedeutung« hat Nämlich A^ 
durch naturwüchsigen sozialen Willen: das ist alles gemünzte Oeld„ 
B, durch künstlichen sozialen Willen: d. i. alles Papiergeld. Ebenso^ 
wie die Namen von B^iffen empirisch fast nur vorkommen, indem 
sie auf die natürliche Sprache zurückführbar sind, so hat auch Papier-- 
geld empirisch nur Bedeutung dadurch, daß es auf das »natüriiche« 
Geld bezogen wird; wie aber, der Idee nach, die Namen von Be-- 
griffen sich direkt auf fingierte, konsh-uierbare und daher gleiche 
Gegenstände beziehen, so führt auch das Papiergeld den notwen- 
digen Gedanken mit sich, direkt auf fingierte Werte, z. B. auf gleiche 
menschliche Arbeitsstunden bezogen zu werden. Der Gegensatz 
fordert etwas nähere Betrachtung. Wie das Wort aus dem, was 
noch nicht Wort, so entwickelt sich Geld aus dem, was noch nicht 
Geld ist Das ursprüngliche Geld ist von anderen Werten nicht 
verschieden, dann nur wenig verschieden. Bekannt ist, daß auf 



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— 37 — 

niedrigen wirtschaftlichen Stufen viele Werte die Funktionen des 
Geldes haben. »Wie rasch die allgemeine Absatzfähigkeit die Einbürge- 
rung eines G^enstandes als Geld ermöglicht, daffir bieten die Berichte 
neuerer Reisender unzählige Beispiele« (VON PHILIPPOVICH). 
Der soziale Wille ist hier noch von der sozialen Praxis wenig oder 
gamicht verschieden, wie der individuelle Wille auf seiner untersten 
Stufe nur das Gefühl der Tätigkeit und die daraus sich notwendig 
entwickelnden Gefühle gehemmter Tätigkeit (Unlust) und beschleunigter 
Tätigkeit (Lust) ist. Aber zweitens^ »Übung und Gewohnheit haben 
allmählich das absatzfähigste Gut (sollte heißen: die absatzfähigsten 
Güter) zum allgemein üblichen Tauschmittel (immo = zu allgemein 
d. h. in bestimmten Verkehrskreisen gültigen Tauschmitteln) er- 
hoben« (VON PHILIPPOVICH). Das sind Metalle, mitzunehmendem 
Besitze die edlen Metalle. Dazu kommt drittens die Garantie des 
Gemeinwesens für ein bestimmtes Gewicht und bestimmten Gehalt 
In Kleinasien haben sich »die Anfänge des Münzwesens entwickelt, 
indem man Stücke edlen Metalles von bestimmtem Gewicht mit dem 
Wappen der prägenden Stadtgemeinde als einer Art von Garantie- 
stempel bezeichnete« (NASSE). Diese Garantie ist wesentlich eine 
moralische, daher empirisch r^elmäßig eine religiöse. Das Wort 
Moneta, das durch seinen Übergang ins Englische Weltbedeutung 
gewonnen hat (money)y rührt vom Tempel der Juno Moneta her, 
der ursprünglichen römischen Münzstätte.' — Mit der Garantie durch 
den öffentlichen Glauben ist aber auch der Täuschung, der Lüge 
das Tor geöffnet: hier liegt die historische Rolle der Münzver- 
schlechterungen, die hauptsächlich in der Zeit des Übergangs zum 
modernen Staate eine so übelberufene Rolle spielen. Der Staat, in 
seiner ersten Phase zumeist repräsentiert durch Fürsten und ihre 
Kriegskassen, verleiht den Münzen nicht so sehr durch moralische 
Garantie ihre Geltung, als durch den Zwang, der das allgemeine 
Tauschmittel zum gesetzlichen Zahlungsmittel macht Die Natur 
dieses Zwanges zeigt sich erst in reiner Gestalt durch die Papier- 
währung, die bedruckte Zettel zu gesetzlichen Zahlungsmitteln und 
dadurch auch zu gangbaren Umlaufsmitteln erhebt, wobei ihr wirk- 
licher Wert nicht sowohl durch den moralischen, als durch den 
kaufmännischen Kredit der Staatsr^erung bedingt ist Dieser, der 
kaufmännische Kredit, li^ überhaupt aller Geltung von Geldsurro- 
gaten, seien es beschriebene, gedruckte oder lithographierte Papiere, 
zu gründe. Er macht auch — und dies ist die Form, die wir 
gegenüber dem staatlichen Papiergelde als die frühere Stufe ver- 



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— 38 — 

stehen — konventionelles Papiergeld (möge es so genannt 
werden oder nicht) in Gestalt von numnigfachen Kredit-Umlaufsmittdn. 
Dahin gehören »Wechsel, Anweisungen, Checks, Coupons, Brief- 
marken« und charakteristischer Weise auch »einlösbares staatliches 
Papieiigeld« (A. WAONER). Diesem ganz ähnlich ist die Banknote, 
die von einer Monopol-Zettelbank ausg^fd^en wird, nachdem 
soldier Bank die Ausübung des staatlichen Notenr^[als fibertragen 
wurde. Die Verwaltung jeder großen Bank geschieht aber — in 
weit höherem Maße als die Verwaltung irgend eines Staates — nach 
wissenschaftlichen Prinzipien, insbesondere nach den R^eln 
der Wahrscheinlichkeits- Rechnung (des T^calcul des probabiliUso). 
Wir dürfen die Banknote (ihrer Idee gemäß) das wissenschaftliche 
Geld nennen. Darum haben sich auch die philosophischen Pläne 
einer Rekonstruktion der ökonomischen Gesellschaft so oft und 
leicht mit dem Gedanken einer reinen Kreditwirtschaft verbunden, 
die dann wohl als Synthese der Natural- und der Geldwirtschaft 
baffen wurde. Das soziale Wertzeichen wurde — wie das Papier- 
geld — nur von sozialem Willen sdne Gdtung ableiten; aber es 
wurde, anstatt auf Gdd — das halb-natfirliche Zeichen aller Werte — , 
sich, gleich dem Gelde, direkt auf alle Werte beziehen. Werte 
werden sonst gleich gemacht durch den Austausch, generell also 
durch den Handel — ihre Gleichheit hat den konventionellen Cha- 
rakter. Hier dag^en wfirde eine Gleichwertung nach wissenschaft- 
lichen Prinzipien geschehen: Werte würden insgesamt auf die in ihnen 
verkörperte notwendige Arbeit, diese am einfachsten auf die durch- 
schnittliche Arbeitszeit bezogen werden. Ein Mittleres zwischen jener 
realen und dieser idealen Gleichung kommt vidfach vor, z. B. in 
gesetzlicher Bestimmung von Honoraren, von Beamtengdialten, und 
liegt auch den gesetzlichen Beschränkungen der Arbeitszeit und 
anderen Einmischungen in den freien Vertrag als Preisregulator 
menschlicher Arbeitskraft, zu gründe. Femer kann aber die Idee 
einer Anweisung auf »geronnene Arbeitszeit« füglich mit den zu- 
gleich im Handd umgehenden und gesetzlich gültigen Besitz- 
und Forderungstiteln verglichen werden; diese lauten zwar auf 
dnen Geldbetrag, bei rdnen Besitztiteln (Aktien) ist aber dieser ohne 
Bedeutung gegenüber der Bedeutung als Anteil an einem Kapital, 
das mit seinem Geldwerte nur in der Rechnung figuriert 

58. Die Mannigfaltigkeit des Sinnes, worin man von dnem 
Worte oder anderen Zeichen sagen kann, daß es Bedeutung habe, 
läßt sich also auf folgende Art klassifizieren: 1. Bedeutung nach 



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— 39 — 

der Absicht des Individuums, das sich des Wortes Oder anderen 
Zeichens bedient (subjektive Bedeutung, die also hineingelegt 
wird). 2. Diese aber ist wesentlich bedingt hinsichtlich des Wortes» 
wie aller sozial gältigen Zeichen, durch die Bedeutung, welche sie 
im r^;elmaßigen Gebrauche haben (objektive Bedeutung). Die ob* 
jektive Bedeutung aber ist wesentlich verschieden, je nachdem der 
soziale Wille, den wir als ihren Urheber denken, diese Bedeutung 
mit dem Zeichen selber schaffend entwickelt, oder sie für bestimmte 
Zwecke dem Zeichen beigd^ hat Wir nennen jene die natür- 
liche, diese die kfinstiiche Bedeutung. Jede modifiziert sich nach 
drei Gestaltungen des ihr zu Grunde li^^enden sozialen Willens, 
die wir unterscheiden nach einem Prinzip, das in der ersten Gat- 
tung (A) der Einteilung von Willenshandlungen in triebhafte, ge- 
wohnheitsmäßige und gedankenhafte entspricht; sie wurden genannt: 
natürliche Harmonie, Sitte, Glaube, oder in bezug auf die Sprache: 
Sprachbildungstrieb, Sprachgebrauch, Sprachgenius. 

59. Die Gestaltungen des sozialen Willens der anderen Gat- 
tung (B) aber werden in analoger Weise unterschieden, je nachdem 
er 1. auf seiner ersten Stufe aus den individuellen Willen hervor- 
geht (sensuelle Stufe), 2. durch einen standigen, anerkannten Trager 
repräsentiert wird (sensuell -intellektuelle Stufe), 3. als denkender, 
durch mehrere, wenn auch nicht anerkannte Subjekte repräsentiert 
wird (rdn intellektuelle Stufe). So unterscheiden sich Konvention, 
Gesetzgebung, Wissenschaft, die wir in Anwendung auf die Bedeu- 
tung von Wörtern 

Abmachung Bestimmung Definition 

nennen mögen. Nun soll in Kürze gezeigt werden, wie den Arten 
des Sinnes, die so klassifiziert wurden, verschiedene Methoden für 
Mitteilung und Ausl^^ung von Bedeutungen — der Wörter und 
anderer Zeichen — entsprechen. Zuerst der Mitteilung, und zunächst 
in bezug auf Wörter: hier ist der Redende oder Schreibende zu 
beobachten. Auf der ersten Stufe ist die Mitteilung, und ent- 
sprechender Weise das Verständnis, leicht unter gewissen primi- 
tiven Bedingungen. 1. Je intimer die gegenseitige Zuneigung, Sym- 
pathie oder auch ntu: die gegenseitige Kenntnis und Vertrautheit;, 
wie leicht hier jedes Zeichen verstanden wird, jede »Andeutung« 
genügt, läßt sich auch bei entwickelter Sprache im täglichen Lebens 
bemerken, z. B. bei einem Liebes- oder Ehepaar, unter intimen? 
Freunden u. dgl. Der Sinn der Worte ist hier am meisten mit 
dem Sinne der Töne, also mit der Musik, der »Sprache des Gefühls« 



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— 40 — 

verwandt und verwoben. 2. Auch in weiterem Kreise, je näher 
noch die Lautzeichen den natfiriichen Zeichen stehen (expressive und 
imitative Laute). 3. Je mehr sie durch andere Zeichen, insbeson- 
dere durch die Oeberdensprache untcrst&tzt werden (demon- 
strative Laute) oder auch die bloß assoziativen Laute durch diese 
und durch die vorher genannten beiden Arten unterstutzt werd^. 
In umgdcdirtem Verhältnisse ist die Mitteilung schwierig, erfordert 
daher die entsprechenden Hilfsmittel, wo sie ihrer entbehrt Die 
Qeberdensprache tritt am häufigsten als »gemeinverständlich« vika- 
rierend ein, wo die Wortsprache fehlt oder Ifickenhaft ist oder 
wq[en organischer Defekte versagt — Bei schriftlicher Mitteilung 
fallen aber die sub 2 und 3 genannten Hilfsmittel weg, nur 
daß die gewollte Betonung wenigstens angedeutet werden kann, 
teils durch besondere Zeichen, teils durch den »Bau« der Sätze, 
femer kann das Verständnis des Geschriebenen durch bildliche Dar- 
stellungen — von denen die Schrift abstammt, wie die artikulierte 
Sprache von der unartikulierten — erleichtert, imter Umständen er- 
setzt werden. — Auf dieser Stufe ist also die Mitteilung an indi- 
viduelle und natüriiche Bedingungen gdcnüpft. Sie hat die (in 
einem größeren Kreise) verstandene Sprache noch nicht als fertiges 
soziales Organ, dessen jeder in dieses soziale Leben Hineingeborene 
und Hineinerzogene mit relativer Leichtigkeit und Sicherheit sich 
bedient Dies ist der Fall, in dem Maße als der Sprachgebrauch 
eine Macht geworden ist Hier hat sich eine Masse von festeren 
Bedeutungen herausgebildet, so daß sogar regelmäßig Wortvorstel- 
lung und Gegenstandsvorstellung verschmolzen sind. In vielen Aus- 
drücken, zumal solchen, die dem Alltäglichen ferne liegen (den Aus- 
drücken »komplexer Ideen«), ist jedoch der Sprachgebrauch vieldeutig 
und schwankend, läßt daher ihrer individuellen Anwendung große Frei- 
heit Je mehr diese Freiheit gebraucht wird, desto mehr fällt der 
Redende auf die Bedingungen der ersten Stufe zurück oder muß 
seine Meinung, d. h. die Bedeutung, die er seinen Worten beigelegt 
wissen will, in gewöhnlicheren, daher im Sprachgebrauch fester an- 
gesiedelten Worten auseinanderlegen, sie also gleichsam »übersetzen« 
(die komplexen Ideen explizieren). Die Sprache des Sprachgebrauchs 
als ein Allgemeines gegenüber den vielen Mundarten unterscheidet 
sich in fortgeschrittenen Bildungszuständen als Schriftsprache von 
der Umgangssprache. Hier ist die Mitteilung individuellen Sinnes 
in einem sozialen Stoffe zwar noch mit allen Mängeln behaftet, die 
beim Gebrauche der Zeichen von Zeichen unvermeidlich sind; aber 



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— 41 — 

die Kenntnis der schriftlich fixierten Sprache nötigt auch zu einer 
bewußteren Unterordnung unter gegebene, durch Lehre mitgeteilte 
Normen und Regeln, deren Beobachtung wiederum das Verständnis, 
also die soziale Anwendung, erleichtert. Ähnliches gilt auch für die 
mündliche Mitteilung auf der dritten Stufe. Die Mitteilung bew^ 
sich hier zum großen Teile in festen Formen, die durch Alter und 
Autoritäten geheiligt, daher als wertvolles Erbe überliefert und jedem 
Teilhaber bekannt werden. Auch verbindet sich hier die auf der 
zweiten Stufe vorherrschende Mitteilung von Vorstellungen mit der die 
erste Stufe charakterisierenden leichteren, der Erregung von Gefühlen: 
von sozialen Gefühlen differenzierterer Art, wir dürfen sagen, von 
Feiertagsgefühlen. Sofern dies die Erfüllung ist, stört auch die 
minder verständliche oder gar unverständliche Sprache nicht, die 
also dann ihre eigentliche Bestimmung verfehlt, indem die Wörter 
wieder auf die Assoziationen ihrer Klangbedeutung reduziert werden. 
Mit dieser vermählt sich auch die poetische Rede: obgleich sie, wie 
alle Kunst, ursprünglich durch Volksanschauung, Tradition, Kultus 
:streng gebunden ist, neigt sie doch, phantastischer Eingebung fol- 
gend, zu freierem Gebrauche der Sprache, und wird dadurch 
schwerer verständlich, wenn nicht diese Tendenz wieder aufgehoben 
wird dadurch, daß ihr die Phantasie der Hörer entgegenkommt, 
an die sie durch bildliche Ausdrücke, durch Gleichnisse, durch Rhyth- 
mus und Metrtim sich wendet. Echte Poesie ist die reinste Ge- 
stalt des Sprach-Genius selber. 

60. In schriftlicher Mitteilung fehlen der künstlerischen, feierlich 
erhabenen oder schönen Rede wiederum die besten ihrer Ausdrucks- 
mittel. Wo dennoch solche Rede gerade für dauernde Beurkun- 
dung, daher für das Verständnis späterer Geschlechter dienen soll, 
ist sie teils auf kurze zusammenfassende Formeln und auf »sym- 
bolische Handlungen <*;, deren Bedeutungen leichter verständlich sind, 
sich besser in gleichem Sinne erhalten, teils auf weitläufige »Um- 
schreibungen« angewiesen. Daher die Bündigkeit des Lapidarstiles 
neben der Breite des Kanzleistiles — beide wollen die Bedeutungen 
ihrer Worte tief einprägen. Die »Schriftsprache« empfängt von 
diesen Stilen, weit mehr aber von allen künstlerischen Stilen des 
Wortgebrauches bedeutende Einflüsse, und wirkt um so mehr auch 
auf den mündlichen Sprachgebrauch zurück. 

61. Die folgenden drei Stufen stehen, wie schon angemerkt 
wurde, in einer gewissen Korrespondenz zu den drei ersten; sie 
stehen aber auch in einem sozialen Zusammenhange, so daß die 



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— 42 — 

vierte in der ganzen Reihe sich an die dritte, die fünfte an die 
vierte anschließt usw. Alle drei spateren Stufen haben im allge- 
meinen eine hohe Kultur, eine zu mannigfachstem Gebrauche aus- 
gd>ildete Sprache, folglich auch die Schriftsprache, zur Voraussetzung» 
Es wurde schon gesagt, daß sie sich der Sprache als eines Werk- 
zeuges frei bedienen: das Wort wird in bewußter Weise zum Mittel 
ffir den Zweck der Mitteilung gestaltet: daher fällt alles unwesent- 
liche »Beiwerk«, das Gefühle ausdrückt und Gefühle err^ weg;, 
die Sprache wird prosaisch, darum genügt der »trockene«, schrift- 
liche Ausdruck; das Individuelle taucht unter, es herrschen bestimmte,, 
soziale Stile, Formen, Methoden wie Schablonen, — alles dies um 
so mehr, je reiner sich in der Wirklichkeit darstellt, was diesen Be- 
griffen entspricht Auf der anderen Seite li^ aber gerade hier ein 
entwickelter Individualismus oder Egoismus zu gründe — Bestre- 
bungen, die sich um jeden Preis, also auch auf Kosten der anderen, 
durchsetzen wollen, und auch die sozialen Ordnungen und R^da 
nur als Mittel für ihre Zwecke betrachten, daher sich solchen nur 
widerwillig und bedingter Weise unterordnen. Das soziale und 
individuelle Prinzip balancieren also und streiten gegen einander^, 
beide zur Schärfe und eben dadurch zu Gegensätzen entwickelt. 
Für die Mitteilung in Worten ergibt sich daraus folgendes: das Ver- 
ständnis ist auch hier nur leicht für den, der die »Sprache«, aber 
auch die Ideen kennt; es ist sogar oft nur möglich dadurch, daß> 
man »eingeweiht« ist; übrigens ist es im weiten Umfange femer- 
bedingt durch Kenntnis der Person dessen, der seinen Willen oder 
seine Meinung kundgibt, denn je nach ihrer Vertrauenswürdigkeit 
muß erkannt werden, ob es ihr darum zu tun ist, etwas Wirkliches 
mitzuteilen oder ob sie etwa gehaltlose konventionelle Phrasen, 
»dreschen«, wenn nicht geradezu täuschen oder doch sich zwei- 
deutig ausdrücken will; ebenso ob der Gesetzgeber etwa durch, 
mehrdeutige Worte Schlingen 1^ oder Fallen stellt (man denke aui 
sogenannte »Kautschuk-Paragraphen«!); ob der Gelehrte sich absicht- 
lich in Dunkel hüllt und, weil seine B^;riffe schwach sind, der Worte- 
Schwall vermehrt Immer bleibt hier, zumal wenn nur die Schrift- 
zeichen von Worten vorliegen, der Auslegung (Interpretation) das 
weiteste Feld. Diese ist ihrem Wesen nach immer Übersetzung in 
eine leichter verständliche Sprache oder Ausdrucksweise. Sie ist 
im allgemeinen innerhalb der gleichen »Sprache«, d. h. eines formal 
zusammenhängenden Systemes, um so schwieriger, je weiter die Worte 
von ihren ursprünglichen sinnlichen Bedeutungen oder von dem. 



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— 43 — 

ursprfinglich in ihnen enthaltenen sozialen Willen sich entfernt haben. 
Die Methoden der Deutung sind daher 1. auf der ersten Stufe die 
Etymologie, 2. auf der [zweiten die Erforschung des besten, d. h, 
festesten, regelmäßigsten Gebrauches, 3. auf der dritten die der zu 
Grunde liegenden Anschauungen, Meinungen, Vergleiche, Bilder 
usw., um besondere Bedeutungen auf allgemeine, höhere auf ein« 
fache, uneigentliche auf eigentliche zurückzuführen. Um solche 
Zurückführung handelt es sich auch bei allen folgenden Stufen. 
Hier ist nicht sowohl der ursprüngliche, als der gerade jüngste, 
moderne Sinn zu erforschen, den die Wörter nach Absicht der 
konventionell verbundenen Individuen, nach Absicht des Gesetz- 
geberSy nach Absicht der wissenschaftlichen Autoren haben sollen. 
In überwiegendem Maße sind es Begriffe, die hier bezdchnet 
werden, d. h. Gedankengebilde bestimmter Intention, die nur in 
Worten der gewöhnlichen Sprache (1—3) erklärt werden kann. Je 
mehr diese Worte vieldeutig, ungewissen Ursprungs, schwankend 
im Sprachgebrauch, figürlich sind, desto schwieriger ist die klare 
und sichere Interpretation. Daher die Massenhaftigkeit von Kom- 
mentaren und von Kontroversen zu rituellen Vorschriften aller 
Art, nachdem sie zu konventionellen erstarrt sind; zu Gesetzbüchern, 
die Rechtskraft erlangen oder erlangen sollen; zu philosophischen 
Systemen, je zweifelloser solche als gültig anerkannt werden, wie 
so viele Jahrhunderte hindurch Physik und Metaphysik des Aristoteles, 
wie neuerdings zu KANT, geraume Zeit zu HEGEL usw. Ebenso 
machen aber auch Dichter und andere Autoren, die als »klassisch« 
gelten, Erläuterungen ihres Sprachgebrauches notwendig. Vollends 
heilige Bücher und gar »Orakel«, die geflissentlich mehrdeutiger 
Worte sich bedienen. 

62. Es bedarf nur einer kurzen Hinweisung auf die Tatsache, 
daß die Analogie des Zeichens »Geld« mit dem Zeichen »Wort« 
auch auf die Arten der Mitteilung und Erklärung sich ersh-eckt, 
wenn gleich diese Analogie nicht ins Detail sich verfolgen läßt In 
engen Lebenszuständen, wo die Bedürfnisse gleichartig, werden 
dauerhafte Werte leicht als Geld angenommen, bei höherer Ent- 
wicklung r^fdmäßig nur Metallstücke; diese aber muß der Einzelne 
noch prüfen auf Gehalt und Gewicht, bis der Garantiestempel den 
Umlauf erleichtert und das Geld zum Gleichnis aller Werte macht 
In der Regel ohne Zweifel zu erregen, wenn auch Falschmünzerei 
jedem, der am Verkehr teilnimmt, Gefehr bringt. Papiergeld ist 
seinem eigentlichen Sinne nach immer nur eine Anweisung auf Geld, 



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— 44 — 

also ein Zeichen des Zeichens, es kann aber völlig dessen Stelle 
vertreten, also auch für alle möglichen Werte gelten. Es ist der 
Fälschung noch mehr ausgesetzt, als die Mänze; besonders aber 
steigert sich die Gefahr einer schädlich vermehrten Emission, die 
das einzelne Stück entwertet, d. h. seine wirkliche und als vernünftig 
anerkannte Geltung unter den »Nominalwert« herabdrfickt Ver- 
gleichbar ist auch hier der Überfluß an Worten, den Redner und 
Schriftsteller doloser oder fahrlässiger Weise emittieren; und gut- 
gläubige Kommentare dazu können wohl an der Einfalt dessen ge- 
messen werden, der sich Assignaten hat aufschwatzen lassen und nun 
meint, daß man sie zu ihrem vollen Werte ihm wieder abnehmen 
müsse, weil dieser Wert doch gedruckt, durch Stempel und Unter- 
schriften beglaubigt, dastehe. 

63. In diesem Zusammenhange bleibt noch die Erläuterung des 
Sinnes übrig, worin wir »Wissenschaft« als eine Form des sozialen 
Willens bestimmt haben, des Sinnes also, wodurch B^ffsnamen 
ihre Bedeutung oder, sagen wir, ihren Kurs erhalten. Denn dieser 
Sinn ist, seiner normalen Gestalt nach, durchaus bedingt durch die 
Methode der Übertragung und Interpretation solcher Bedeutungen. 
Dies ist auf den früheren Stufen nicht der Fall. Zwar veit)indet 
sich auf allen die Lehre mit den übrigen Weisen der Bekannt- 
machung oder des Bekanntwerdens öffentlicher oder geheimer Be- 
deutungen von Wörtern; aber auf keiner bildet sie ausschließlich 
das Wesen des sozialen Willens, so daß dieser durch Lehre entsteht, 
erhalten und for^epflanzt wird. Von dieser Art ist aber die Wissen- 
schaft: durch Lehre bildet sich eine Gemeinde, die an dem Besitze 
ihrer B^jiffe, d. h. Kenntnis ihrer Bedeutungen und der Kunst, mit 
ihnen zu operieren, Anteil nimmt Auch für die (korrespondierende) 
dritte Stufe fanden wir Lehre charakteristisch; aber dort ist sie 
nur die angemessene Form der Überlieferung, wie sie in minder 
entwickelter Gestalt schon die spontane Nachahmung als Anleitung 
dazu befördert. Der soziale Wille, den wir dort als Glauben be- 
stimmten, ist ihr präexistent und bedingt sie selber. Hier aber wird 
gedacht — auch dies ist ein idealer Grenzfall — , daß der soziale 
Wille zunächst nur durch die individuelle Gestalt des Lehrers reprä- 
sentiert wird; es sammeln sich um ihn die Schüler, die aus eigener, 
freier Einsicht in die Anerkennung der von ihm gebildeten B^jiffe 
und somit deren Zeichen gelten zu lassen, einwilligen. Hier ist die 
Lehre weit davon entfernt, einen Glauben an die Zeichen, Teilnahme 
an deren abgesonderter und heiliger oder auch nur ästhetischer Be- 



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— 45 — 

deutung beizubringen; vielmehr sind ihr die Zeichen an und für 
sich völlig gleichgültig, sind nichts als Zeichen, d. h. als Mittel 
für die Bezeichnung, ohne allen »inneren Wert«. Wir unterscheiden 
so die Begriffe und untersuchen hier nicht, wie in Wirklichkeit die 
Arten der Lehre sich zu einander verhalten; man sieht aber leicht, 
daß sie zahlreiche Obergange aus der einen in die andere Gattung 
darstellt Dagegen ist offenbar, wie der T^free assenU^ mit dem 
Locke so eindringlich dem, der die Wahrheit suche, höchst vor- 
sichtig umzugehen empfiehlt, mehr den Zweifel als den Glauben 
zur Basis hat, daß er aber zu allererst den Begriffen gegeben werden 
muß, die in Urteilen enthalten sind; und daß diese freie Überein- 
stimmung B^jiffe zu konventionell gültigen Mitteln der Erkenntnis 
stempelt In der Tat können freie Personen, auch ohne als Lehrer 
und Schüler sich zu einander zu verhalten, über die Gültigkeit von 
Baffen einen Vertrag schließen und die Bedeutung auch solcher 
Wörter vereinbaren. Wir bringen aber durch Absonderung der 
Wissenschaft den Gedanken zum Ausdruck — dem eine breite Wirk- 
lichkeit entspricht — daß regelmäßig die Bildung und Ausprägung 
von B^;riffen geniale Individuen zu Urhebern hat, die sich also 
gewissermaßen, zunächst aber zu ihrer Schule, als Gesetzgeber ver- 
halten. So sehr auch anderseits die Überlieferung und der blinde 
Glaube in diesem Gebiete, wie in jedem anderen, eine große Rolle 
spielt, so ist doch in einem Zeitalter wissenschaftlichen Lebens die 
Entwickdung, Umbildung, Neuerung von Baffen, gleich den Um- 
wälzungen der Technik, in weitestem Umfange der Beobachtung 
offen. »Je mehr geistiges Leben eine Zeit enthält, desto 
mehr wird sie die überkommene Lage der Terminologie 
verändern.« (EUCKEN.) — 



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II. 

64. Es ist gefragt worden nach den Ursachen der Unklarheit 
und Verwirrung in psychologischer und philosophischer Termino- 
logie. Die Tatsache, daß solche Unklarheit und Verwirrung vor- 
handen sei, wird als gegeben vorausgesetzt Es gehört daher nicht 
zu unserer Aufgabe; diese Tatsache zu erhärten; den Zweifelnden 
aber mössen wir auf Vergleichung der am meisten anerkannten und 
je in ihrer Besonderheit hervorragenden Werke, europäischer und 
amerikanischer Provenienz, hinweisen, von denen fast jedes in diesen 
Oebieten mit anderen oder doch anders bestimmten Begriffen operiert. 
Aber auch innerhalb eines jeden einzelnen Werkes wird man bei 
scharfer Prüfung nicht immer eine durchgeführte Terminologie 
antreffen, sondern oft den S3nn, in dem ein Kunstausdruck eingeführt 
wurde, ja die Definition, die ihm mi^egeben wurde, im Verlaufe 
der Erörterung verlassen und scheinbar vergessen finden, so daß der 
Leser, der daran wie an einem Stab sich halten wollte, diesen unter 
seiner Hand zerbrechen fühlt. »Wer die Philosophie ins Auge faßt, 
«owdt sie sich mit dem Gesamtleben berührt, der wird die der 
Unsicherheit und Verworrenheit der Sprache entstammenden Miß- 
stände schmerzlich empfinden« (EUCKEN). 

65. Wir richten also unsere Forschung ausschließlich auf die 
Ursachen jener Unklarheit und Verwirrung, um dann auf die 
Mittel zur Verbesserung so unerwünschten Zustandes bedacht zu sein. 

66. Die wesentlichen Ursachen werden teils in allgemeinen 
Hemmnissen, teils in den historischen Bedingungen enthalten sein, 
die dem Stande und der Bew^^ng dieser Wissenschaften zu gründe 
liefen. Diese aber sind von mannigfacher Art Wir müssen sie 
hier darstellen, wie sie uns, für die Beurteilung dieser Kausalität, in 
schärfster Ausprägung erscheinen. 

67. Wir müssen aber zuvörderst feststellen, daß die Bemerkung 
selber und die Klage über diesen Zustand nicht der gegenwärtigen 
Zeit allein angehört, sondern von altem Datum ist Um von Stimmen 



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— 47 — 

aus der Antike abzusehen, so hat seit der Erneuerung der Wissen- 
schaften eine Reihe hervorragender Denker auf das Übel einer un- 
klaren Terminologie hingewiesen und den Ursachen nachgeforscht 
Im 16. und 17. Jahrhundert verbreitete sich unter den freier Denken- 
den die Überzeugung, daß der ganze herkömmliche Betrieb der 
Philosophie auf den Universitäten — die Scholastik — wertlos sei. 
Leere Wortwissenschaft werde gelehrt; unter einer ausgebildeten 
Terminologie halte sich Unwissenheit und Abeiglauben verborgen. 
Verhöhnt wurden die Kunstworte, verachtet die subtilen Distinktionen. 
Man bekundete den Entschluß, diese ganze Oberlieferung von sich 
abzutun, um unmittelbar zu den Dingen vorzudringen. Das Buch der 
Natur hielt man allein für lesenswert; sei es, daß man, wie BACO, 
von einzelnen Erfeihrungen zu Verallgemeinerungen sich erheben 
wollte oder, daß man, wie GALILEI, erklärte, das Buch der Natur 
:sei in geometrischen Figuren geschrieben, wer es verstehen wolle, 
mfisse die Sprache der Triangd und Quadrate erlernen. 

68. Die mathematische Richtung übertraf aber jene induktive 
bei weitem an Gehalt und Wirkung; sie b^^ündete die moderne 
Philosophie. Soweit nun diese die wissenschaftliche Aufgabe der 
Naturerklärung sich setzte, ja in erster Linie Physik war, kam ihr 
in der Tat die ausgebildete Zeichensprache der geometrischen 
Figuren, der Arithmetik, und bald audi der Algebra in hohem 
Maße zu Hülfe. Auf dem Werkzeuge der mathematischen Formel 
beruht noch heute das internationale Verständnis der großen Theo- 
reme, die in jenem Gebiete si^^reich geworden sind. Daneben hat 
in jüngerer Zeit auch die wesentlich auf Induktion und Experiment 
b^;rfindete Chemie ihre eigentümliche Formelsprache ausgebildet 
Aber auch, was in Physik und Chemie über die Formeln hinaus- 
geht, hat terminologisch geringe Schwierigkeiten gemacht Zum 
guten Teile rührt dies günstige Resultat daher, daß man in der 
Terminologie nicht neuerungsüchtig war; und dies wiederum ist 
dem Umstände zuzuschreiben, daß trotz freien Schaltens der Ab- 
straktion, die zu gründe liegenden Dinge und Vorgänge der Be- 
obachtungund dem Experiment offen liegen, oder doch, als erschlossene, 
in hohem Grade wahrscheinlich gemacht werden. Einmütig über 
den Gegenstand der Vorstellung oder des B^rnff es, wird man gegen 
die Bezeichnung gleichgültig, und läßt gern einen überlieferten 
Terminus, wenn dieser auch ehemals eine andere Bedeutung hatte, 
gelten, da niemand diese Bedeutung wiederherzustellen sich versucht 
fühlt; oder man nimmt den von einem Meister geprägten Ausdruck 



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— 48 — 

dankbar entgegen, auch wenn er etwa »nicht glficklich gewählt« 
scheint; um dem Streite über Oeschmacksachen vorzubeugen. So 
ist denn im wesentlichen das erreicht worden, was die kühnen 
Propheten des neuen Zeitalters verlangten. Um theoretische Logik, 
daher auch um die Prinzipien der Terminologie, hat man sich wenig 
gdcümmert; die ganze Scholastik ist über Bord geworfen, mit der 
Theologie ist ihre Schwester, die Metaphysik, in einen Winkel ge- 
schoben, von dem aus sie den Naturforscher nicht stören können: 
Metaphysik hieß ja jene in »abstrusen Distinktionen« und unver- 
ständlidien Ausdrücken sich ergehende Scheinweisheit, die zusammen 
mit der Logik das »pedantische Studium des barbarischen Mittel- 
alters« erfüllt hatte — auch durch die Logik wähnte man über die 
Dinge selber, denen doch nur durch Erfahrung und durch Rechnung 
beizukommen ist, etwas ausmachen zu können. Wenn diese Stellung 
der modernen Naturwissenschaften zu den alten Säulen der Philo- 
sophie bezeichnend dafür ist, daß jene sich völlig selbständig ge- 
macht haben und beinahe völlig streich geworden sind, so hat 
doch eine eigene Entwicklung der Logik und der Metaphysik nicht 
gefehlt, so wenig, wie eine Ausdehnung des wissenschaftlichen 
Denkens auf Gebiete, die der Physik und Chemie wenig oder gar- 
nicht zugänglich sind, dem philosophischen Interesse aber mindestens 
ebenso nahe liegen. Da ist denn nicht zu verwundem, daß von 
jener Zeit an, da die Mechanik mitten in die Werkstätte der Natur 
hineinzuführen schien, resolute Forscher unternommen haben, das 
Werkzeug, dem dieser Erfolg am meisten verdankt wurde, teils zu 
vorausnehmenden Verallgemeinerungen, teils zur Erweiterung der 
Sphäre des Wissens überhaupt anzuwenden: das Werkzeug der 
mathematischen Methode. Daher im stolzen und starken 17. Jahr- 
hundert die energische Bemühung, neben der Physik auch die 
Psychologie, die Moral und Politik ^more geometrico^ zu traktieren, 
d. h. zu demonstrieren. Worin lag aber die Stärke dieser Methode? 
Man war darüber einmütig: im lückenlosen Fortgange von ge- 
sicherten Ausgangspunkten aus, mit anderen Worten in der Verknüpfung 
unbezweifdter und unbezweifelbarer Sätze zum Beweise von Sätzen, 
die sonst bestritten werden können. Einige erklärten: die Grund- 
lagen sind lauter Definitionen, andere hielten sich an die gegebene 
Form der Mathematik und meinten, weil jene absolute und höchste 
Methode unmöglich sei — denn es gebe Urwörter, die man nicht 
definieren könne — so müsse man darauf verzichten und sich be- 
gnügen, alle Termini zu definieren, deren Sinn nicht durch sich selbe* 



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— 49 — 

klar und bekannt sei (vgl. PASCAL). Alle mußten die schärfste Auf- 
merksamkeit auf die Terminologie gerichtet halten, und versuchen, 
die Fundamente zu legen, die man für unentbehrlich hielt Man 
war geneigt zu glauben, daß der größte Teil der Streitigkeiten 
zwischen philosophischen Sekten verschwinden würde, wenn man 
nin- über die Bedeutung der Wörter sich geeinigt hätte, man nahm 
also an — und die Erfahrung des Tages lehrte es damals wie 
heute — , daß viele Disputanten einander gamicht verstehen, daß 
mancher mit seinem Gegner einverstanden sein würde, wenn er ihn 
verstünde, d. h. wenn er wüßte, welche Meinung jener mit seinen 
Ausdrücken verbinde: für den von Vorurteilen gereinigten Verstand, 
der sich auf das Zeugnis der Sinne und, fügen einige hinzu, der inneren 
Wahrnehmung (reflection) verlasse, könne es über die allgemeinen 
Tatsachen und ihre nächsten Zusammenhange kaum eine Verschieden- 
heit der Meinung geben. Das Unheil sei nur darin gelegen, daß 
jeder diese Tatsachen anders benenne — also in der Sprachver- 
wirrung. Mehr oder minder ausgesprochen, mehr oder minder 
schrankenlos, war dies die Ansicht der Philosophen der »Aufklärung« : 
DESCARTES, HOBBES. SPINOZA, PASCAL und der Logiker von 
PORT- ROYAL, LOCKE, LEIBNITZ, BERKELEY, CONDILLAC, 
WOLFF mögen hier im großen Zusammenklange genannt werden. Viel 
seltener ist die Klage, daß unter gleichenAusdrücken sich Verschieden- 
heit der Gedanken versteckt halte. Mehrere dieser großen Autoren glaub- 
ten aber nicht, daß durch Definitionen aliein die Schwierigkeit gelöst 
werden könne; sie bezweifelten die Tauglichkeit jeder Natursprache für 
wissenschaftlicheZwecke. Die Anklagen, denen minder berühmteNamen 
sekundierten, lassen sich leicht auf die drei Begriffe beziehen, unter 
denen die gegenwärtige Abhandlung den natüriichen sozialen Willen 
betrachtet hat Sie gingen nämlich dahin: 1. daß den Dingen ihre 
Namen gegeben seien, auf Grund mangelhafter Erkenntnis, nach 
den Eindrücken der Fantasie, nach dem Scheine. 2. daß der 
Sprachgebrauch unsicher und unkonsequent sei, daß er in weitem 
Umfange mehr den widersprechenden Gefühlen und Interessen als 
den übereinstimmenden Einsichten und Gedanken der Menschen 
Ausdruck gebe. 3. daß die gewöhnliche Rede, aber auch insbesondere 
die philosophische Terminologie, angefüllt sei mit uneigentlichen 
bildlichen Ausdrücken, wodurch Unklarheit und Verwirrung ge- 
häuft werde. Die erste Ankl^^e richtete sich besonders gegen die 
Klassifikation der Organismen. Sie war um so schärfer, da nach 
der hergebrachten, bestautorisierten Lehre, die Gattungen und 

Tönnies, Philos. Terminologie. 4 



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— 50 — 

Arten für Realitäten gehalten wurden, so daß also eine reale Essenz, 
die durch den Namen bezeichnet werde, allen Individuen dieser 
Gattung oder Art gemeinsam innewohnen sollte. In der Tat hängt 
der »Realismus« der Schulen, in der Form, wie er gemeinhin ver- 
standen wurde, innig zusammen mit der Meinung, daß zwischen 
Dingen und Namen ein natürliches und notwendiges Band existiere, 
während die nominalistische, freiere Denkungsart die Erschdnungen 
in ihrer namenlosen Vereinzelung auffoßt, und das Recht in An- 
spruch nimmt, sie neu zu benennen, wie sie es als zweckmäßig er- 
kennt; praktisdi bedeutet das: sie nach ihren eigenen Gesichtspunkten, 
d h. nach Beobachtung der konstantesten und am meisten charakte- 
ristischen Merkmale zu unterscheiden, zu ordnen, zu klassifizieren. 
Wenn hierdurch zunächst eine kfinstliche Systematik b^nstigt, 
weil allein für möglich gehalten, schien, so mußte doch die Unter- 
suchung selber den Gedanken der natfirlichen Ordnung hervor- 
rufen, einer Klassifikation also, die den wirklich gemeinsamen Merk- 
malen jeder Tier- und Pflanzenart, Gattung, Familie gerecht werde; 
in diesem Sinne haben die großen französischen Naturalisten ge- 
arbeitet, die Subordination und die Korrelation der Organe festzu- 
stellen. Die Anerkennung und Aufdeckung eines »Bauplanes der 
Natur«, den man in seiner durchgehenden Einheit, wie in seinen 
mannigfachen Verzweigungen erforschte, hätte nun freilich, wenn 
der alte Streit noch gelebt hätte, als ein Sieg des Realismus erscheinen 
können, und hat durch die Lehre von der »Konstanz« der Arten 
allerdings in dieser Richtung gewirkt Zugleich aber führte die 
Morphologie unmittelbar in die Entwicklungslehre hinüber, die in 
en^^;engesetzter Richtung, also wiederum im Sinne des alten Nomi- 
nalismus, endliche Entscheidung zu bringen schien. Wie dem auch 
sei, mit Gewißheit darf gesagt werden, daß der Fortschritt der be- 
schreibenden Naturwissenschaften, und in Anlehnung an sie, 
der Biologie, jene Klagen in diesem Gebiete zu schänden gemacht 
hat; vom Standpunkte jeder Sprache — mögen nun ihre Be- 
nennungen von antiker Wissenschaft abstammen oder diese von der 
Volksanschauung noch ungetrennt gewesen sein — sind alle neueren 
Klassifikationen der Organismen unnatürlich, d. h. sie beruhen auf 
methodischem Studium innerer Verwandtschaft anstatt auf naiven 
Wahrnehmungen äußerer Ähnlichkeit — sind daher aus dem Groben 
in unendliche Feinheit entwickelt und angefüllt mit künstlichen 
Namen, die freilich auch neue Verwirrung durch die Verschiedenheit 
und den Streit der Systeme hervorbringen. Diese Terminologie 



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— 51 — 

aber — so wichtig auch die Biologie in philosophischer Hinsicht ist — 
betrachten wir hier nicht als spezifisch philosophische mehr. 

69. Hingegen besteht die zweite Anklage in voller Kraft noch 
heute. Sie betrifft, ihrem Wesen nach, hauptsächlich die moralischen 
Meinungen und Begriffe. Der Sprachgebrauch hat in bezug auf 
diese eine charakteristische Funktion. Seine Zusammenhänge mit 
den natürlichen Gefühlen und Gewohnheiten, aber auch mit dem 
Volksglauben und mit gültigen Normen des Urteiles, treten hier auf 
das deutlichste hervor. Die umlaufenden Prädikate, mit denen 
Neigungen, Handlungen, Charaktere und Menschen bel^ werden, 
gehören zu den Wörtern, die als ausschließliche Bedeutung oder als 
Mitbedeutung eine Bejahung oder Verneinung — Billigung oder 
Mißbilligung — des Redenden ausdrücken; sie geben aber diesem sub- 
jektiven Verhalten die Form einer objektiven Qualität — (wie es, den 
Lehren der reformierten Physik gemäß, in etwas anderem Sinne ebenso 
mit den sinnlichen Empfindungen der Fall ist). Wenn nun zwar in 
vielen Einzelheiten der individuellen Freiheit, mithin dem Zweifel und 
dem Streite, weiter Spielraum bleibt, so sind doch die Prinzipien des 
moralischen Denkens in der Sprache so festgelegt, daß ein Verstoß 
dagegen nicht allein als Übertretung des Sprachgebrauchs, sondern 
hauptsächlich als ein moralischer Frevel empfunden und verneint 
wird. Die offene — d. h. durch Worte oder andere Zeichen kundge- 
gebene — Billigung und Mißbilligung, generelle oder singulare, von 
Handlungen, Grundsätzen usw. untersteht selber, als eine Handlung, 
der öffentlichen Billigung und Mißbilligung und dem, was daraus 
folgen mag. Der soziale Wille dieser ÖffenÜichkeit deckt sich nun aber 
keineswegs mit demjenigen, der in der Sprache und ihrem Brauch sich 
verkörpert. Von jenem gibt es viele Arten, deren Kreise mit den 
Kreisen eines Sprachgebrauches zwar vielfach sich schneiden, hie und 
da sich decken, teils aber ihn umschließen, teils in ihm enthalten sind. 
Soziale Stände, Klassen, Schichten, Berufe, politische Körper, Korpo- 
rationen, Parteien, religiöse Gemeinden, Sekten, Kirchen, künstierische 
und wissenschaftliche Schulen und Richtungen — jede solche Gruppe 
hat, wenigstens in einigen Stücken, ihre eigenen Urteile über das, was 
gut oder böse, löblich oder verwerflich — freilich auch in weitem 
Umfange über das, was wahr oder falsch, zu nennen sei; denn auch 
dies involviert Bejahung und Verneinung und auch dies nicht allein, 
weil das Wahre gesucht, das Falsche gemieden wird, sondern auch, 
weil das, was gewollt wird, als wahr, was nicht gewollt wird, als 
falsch behauptet zu werden pfl^, nach den Gesetzen der 

4* 



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— 52 — 

menschlichen Natur. Jede solche Gruppe ist eben, wenn überhaupt 
einmütig, so über das, was sie will — möge es nun in Gewohn- 
heiten oder Gesetzen, in Glaubens- oder wissenschaftlichen Bekennt- 
nissen sich ausdrücken — und dies gibt jeder einen besonderen 
Sprachgebrauch in Anwendung jener bejahenden und verneinenden 
Namen. Teilweise sollen diese Namen, auch wenn sie sprachlich 
als Qualitäten auftreten, nur den Willen bezeichnen und kundgeben, 
teilweise aber nehmen sie allerdings in Anspruch, als den Dingen 
wirklich zukommend, also zugleich als Wahrheiten zu gelten. 
Philosophen nun haben sich oft bemüht, diesen Tatbestand aufzu- 
hellen und dag^en rein sachliche Gründe für solche Benennungen 
zu entdecken und festzustellen. Tatsächlich fließen aber in die 
philosophischen Systeme ganze Ströme von jenen Partei-Ansichten 
und Grundsätzen, so daß daraus notwendigerweise ein großer Teil 
der beklagten Unklarheit und Verworrenheit der Terminologie sich 
ergeben muß. Zum großen Teil hat dies seine direkte Ursache in den 
noch bestehenden Abhängigkeiten dieser philosophischen Disziplinen 
von der Theologie; diese Abhängigkeit selber ist aber nur eine besonders 
starke Ausprägung der Bedeutung, die solchen Lehren im öffentlichen 
Leben überhaupt, d. h. von jedem sozialen Willen beigemessen wird. 
Die Lehren sdber sind nur sozialer Wille in einer sublimierten 
Gestalt. Die moderne Gesellschaft und der moderne Staat haben 
freilich in einem gewissen Maße ein Interesse an der wissen- 
schaftlichen Bearbeitung auch dieses Gebietes. In dem Maße, als 
sie von den traditionellen moralischen Mächten sich losreißen, um 
so mehr, wenn sie sich ihnen en^egenstellen. Und femer in dem 
Maße, als eine wissenschafUich basierte Überzeugung gebildeter 
Menschen dem Frieden und der Ordnung innerhalb der Gesellschaft 
und des Staates — natürlichem Inhalte ihres Willens — nützen 
kann. Wo immer jene wissenschafUiche Bearbeitung enetigisch unter- 
nommen wurde, da hat sie naturgemäß fast alle jene unter sich 
streitenden Parteien zu übereinstimmenden G^;nem. Auch die 
Gesellschaft ist — wenigstens in Europa — selten ihrer so bewußt 
geworden, um eine reine und strenge Moralwissenschaft zu fördern» 
Der Staat aber laviert zwischen alten und neuen sozialen Mächten; 
je mehr er als materielle Stütze die neuen gebraucht, desto mehr 
glaubt er, seine moralische Stütze nur den alten anvertrauen zu dürfen. 
70. In Kraft ist auch noch das dritte Argument gegen die ge- 
wöhnliche Sprache. Die Sprache ist erfüllt von metaphorischen 
Ausdrücken. Und zwar besteht eine merkwürdige Wechselwirkung 



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— 53 — 

zwischen den Bezeichnungen für physische (objektive) und psychische 
(subjektive) Vorgänge. Während eine poetische oder mythologische 
Denkungsart — worauf schon hingewiesen wurde — in der Sprache 
dahin niederschlägt, daß die Dinge personifiziert und durch ihre 
freien Tätigkeiten das Geschehen zugleich ausgedrückt und erldärt 
wird, so wird andererseits durch Metaphern die überwiegende Masse 
der psychischen Tatsachen materialisiert und also objektiviert, ja 
schon durch die Gewohnheit, ein grammatisches Subjekt als »Ding« 
zu bezeichnen, Dinge aber als räumlich ausgedehnt oder körperlich 
vorzustellen. Mit beiden Arten natürlicher Ausdrucksweise hat auf 
Schritt und Tritt die psychologische Terminologie zu kämpfen. Die 
Überwindung des Anthropomorphismus ist ihr bereits in hohem 
Maße gelungen, aber Unsicherheiten und Rückfälle lassen sich doch 
überall beobachten. In der modernen glänzenden Entwicklung, die 
der Psychologie der Empfindungen und Vorstellungen zu teil ge- 
worden ist, hat doch vielfach eine neue Anwendung der Bilder- 
sprache stattgefunden: man denke an die Verschmelzung, die Schwelle 
des Bewußtseins, u. a. Termini, deren Bedenklichkeit hiermit aber 
nicht behauptet werden soll. Viel größeren Schwierigkeiten begegnet 
auch terminologisch die Analyse der Gefühle und des Willens, in 
deren Schilderung die poetische und rhetorische Sprache ihre Triumphe 
feiert Alle diese Schwierigkeiten hängen aber mit den Schwierig- 
keiten der Sache, auf die uns eine folgende Erörterung hinführt, 
aufs innigste zusammen. 

71. (2.) Unter den historischen Ursachen des betrachteten Phä- 
nomenes, wie es in g^enwärtiger Zeit sich darstellt, tritt zunächst 
am stärksten hervor: der Untergang der europäischen Gelehrten- 
sprache, des Neu-Lateinischen. So lange, als man diese besass, gab 
es, wenn auch nur der Wortform nach, eine wissenschaftliche Ter- 
minologie, die allen gemeinsam war; zugleich unterschieden sich 
äußerlich die gelehrten Kunstausdrücke von der flatterhaften Sprache 
des täglichen Lebens, der Dichtung usw. International war die 
lateinische Sprache als Kirchensprache; von der Kirche aus hatte sie 
über alte und neue Künste und Wissenschaften sich ausgebreitet. 
Je mehr sich diese von der Kirche entfernten und frei machten, 
desto mehr wurden sie »national«, das hieß zunächst nichts anderes, 
als einer größeren Schriftsprache-Gemeinschaft zugehörig, deren Ge- 
staltung sie selber beförderten. Wie das Latein die Sprache des 
geistlichen Standes, so gehörte die nationale Schriftsprache dem welt- 
lichen Adel und den bürgerlichen Schichten, die sich ihm an die 



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— 54 — 

Seite stellten. An diesen sozialen Mächten aber rankten die Natur- 
wissenschaften, und folglich die neue Philosophie sich empor. In- 
zwischen verharrte die offizielle Wissenschaft mit geringen Abwei- 
chungen, unter geistlichem Einflüsse; die Universitäten und Schulen 
blieben im wesentlichen, bis gegen das Ende des ISten Jahrhunderts, 
der lateinischen Sprache treu. Die neue Philosophie war ein Frei- 
meistertum g^enüber den Zfinften: von den Seite 49 genannten 
glänzenden Namen gehörte ein' einziger einem philosophischen Wür- 
denträger, und dieser einzige (CHRISTIAN WOLF) wurde im Jahre 
1723 unter Androhung des Stranges von seinem Hallischen Lehrstuhl 
vertrid)en; zu jenen Freimeistem gesellen sich noch u.a. HARTLEY, 
PRIESTLEY, HUME, VOLTAIRE, DIDEROT, HELVETIUS, ROUS- 
SEAU; unter den Deutschen möge noch aus dem 17ten Jahr- 
hundert TSCHIRNHAUS, aus dem ISten sollen LESSING und HER- 
DER genannt werden. Übrigens aber hebt der gelehrte Zustand der 
Deutschen von dem der beiden anderen leitenden Nationen — Italien 
versinkt nach GALILEIs Prozess in den Klerikalismus zurück — in 
höchst merkwürdiger Weise sich ab. Während die deutschen Univer- 
sitäten bis gegen Ende des 1 7 ten Jahrhunderts fast unberührt blieben 
von den neuen Paradoxen, so fand im ISten eine rasche und entschie- 
dene Aneignung und Verarbeihing der rationalistischen Prinzipien statt. 
Das war ein Erfolg des Systems der Konkurrenz und der kleinen 
Höfe. Charakteristisch dafür ist die Aufnahme WOLFs in Marburg; 
auch sind Gestalten, wie die von CHR. THOMASIUS und N. 
H. GUNDLING nur in der deutschen Kleinstaaterei jener Zeit vor- 
stellbar. Erst die Revolution brachte auch in Frankreich eine freie 
Universitätsphilosophie, die Schule CONDILLACs, zur Geltung. 

72. Von Deutschland aus war aber jenes vielbändige, in der 
gelehrten Sprache würdevoll wandelnde System der neuen Welt- 
weisheit ausgegangen, das den G^ensatz von scholastischer Formen- 
strenge und freiem Vemunftinhalt bis zu einer gewissen Höhe in sich 
vereinigte, das Werk CHR. WOLFs, des späteren K. Preußischen 
Geheimen R^ierungsrates. Zum ersten Male wurde dieser gesamte 
Inhalt planmäßig einer ausgestalteten, aus altem und neuem Material 
zusammengesetzten Terminologie unterworfen, die mächtig dazu 
helfen mußte, den Widerstand des Katheders, soweit er darin beruhte, 
daß in der hergebrachten Schale auch der alte Inhalt tradiert wurde, 
zu brechen. Ohne die Herrschaft der Wolfischen Philosophie auf 
den Universitäten läßt weder das tiefe Eindringen der Aufklärung 
in das deutsche bürgerliche Bewußtsein sich begreifen, noch der 



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— 55 — 

dadurch mitbedingte Aufschwung der poetischen Literatur, noch end- 
lich die umgestaltende Wirkung, die der größte, aus diesem Zustande 
hervorgegangene I>enker, IMMANUEL KANT, als Professor der 
Philosophie erzielen konnte. KANT, der mit großer Freiheit die Ter- 
minologie für seine Zwecke umprägte, blieb doch in breitem Um- 
fange von dem abhängig, was er aus den Büchern der Wolfianer 
empfangen hatte; bezeichnend dafür ist seine Gewohnheit, dem deut- 
schen Terminus die lateinische Fassung in Parenthese hinzuzufügen. 
Aber die gemeinsame Sprache der Gelehrtenrepublik ist im 19ten 
Jahrhundert, das er einleitete, tiefer als zuvor in den Hintergrund 
gesunken. Die Nachteile, die daraus sich ergeben, sind besonders 
für die kleineren Nationen bedeutend, und dadurch indirekt für die 
Gesamtheit, dass sie die Entwickdung tüchtiger Ingenien in diesen 
kleineren Nationen hemmen, das Bekanntwerden ihrer Werke noch 
schwerer machen, als dies für die Werke der großen Sprachgebiete 
zutrifft, wo wenigstens allgemeinere Fähigkeit gegenseitiger Kenntnis 
sich mehr und mehr ausbreitet, auch durch Übersetzungen leichter 
geholfen wird. Hingegen haben freilich die kleinen Nationen den 
Vorteil, daß sie dem Schrifttum dieser großen Sprachgebiete mehr 
oder minder indifferent gegenüberstehen, sich den Honig aus 
den Blüten saugen können, anstatt genötigt zu sein, durch die 
massenhaften Unkraut-Produkte jeder einzelnen Großsprache — wie 
die Gelehrten, die deren Gebiet angehören — sich ihren W^ zu 
bahnen. Dies ist auch für die Terminologie von Bedeutung; denn 
je weniger das wert ist, was einer gedacht hat, desto weniger lohnt 
es sich, mit dessen Kunstausdrücken sich zu plagen. 

73. (3.) Wenn einst den Universitäten — und zwar zum teil 
mit Recht — ein unnützes Raffinement der Terminologie, das über 
Worten oder doch über Begriffen die Sachen vergesse, schuld ge- 
geben wurde, so ist doch als Ursache des gegenwärtigen dissoluten 
Zustandes auch der Verfall der Schultradition und die verminderte 
Stellung der Philosophie im gelehrten Unterricht — wenigstens für 
Deutschland — anzusehen. Ober den letzten Punkt lese man 
PAULSEN. Die allgemeine Tatsache hängt in der stärksten Weise 
mit dem zuletzt verhandelten Gegenstande zusammen. Denn durch 
die feindliche Stellung g^en die Universitäten und durch den Aus- 
schluß von ihnen gewann die neue Philosophie ebenso wie durch 
ihre inneren Tendenzen eine Annäherung an die gemeinvemünftige 
Denkungsart oder, wie man sagte, den gesunden Menschenverstand 
— common sense — und damit zugleich an die freie, kritisch- 



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— 56 — 

räsonnierende Literatur der heimischen Sprache, die, zumal seit sie 
periodisch wird, zur Signatur des Zeitalters gehört Die große Arena 
der öffentlichen Meinung tritt an die Stelle der Disputatorien in 
Klöstern und Hörsälen. Das g^;enseitige Verständnis dort wird 
schon durch die grenzenlosen Entfernungen, den Mangel person- 
licher Bekanntschaft, die Massenhaftigkeit der durcheinander lautbaren 
Stimmen erschwert Und wenn auch das geschriebene Wort besser 
erwogen werden kann als das gesprochene, so entwöhnen doch schon 
die Hast der Produktion, dazu der Mangel an jeder Autorität, an 
jedem sichtbaren Richter, und die Erfolge der Kedcheit, der Schlag- 
wörter, den »Literaten« gar sehr von der Präzision des Denkens, 
von der sorgfaltigen Wahl der Wörter, von der Gewissenhaftigkeit 
des Eingehens auf eine etablierte Terminologie, zumal wenn sie im 
Gebrauche des Gegners ist Gerade die Häupter der anti-schola- 
stischen Philosophie sprachen wohl über exakte Terminologie, aber 
waren, nur zum teil, auch praktisch bemüht um Definitionen, wo- 
bei denn gerade in den heftigsten G^;nem der Einfluß der Tradition 
sich am stärksten erwies. Man wollte aber vor allem Verein- 
fachung — wenige, leicht erlernbare Kunstausdrücke, meinte man, 
müßten genügen. Mehr und mehr bildete sich eine philosophische 
Popularliteratur aus, die die Sprache der Höfe, der Salons oder der Märkte 
und Wirtshäuser redet — eine Gefahr für das genaue und strenge 
Denken, die mit großer Kraft ein Haupt dieser Popularphilosophie, 
JOHN LOCKE, signalisiert hat, „I con/ess'', erklärt er am Schlüsse 
des langen Kapitels über den Mißbrauch der Worte, „in discourses^ 
where we seek rather pleasure and delight, than information and 
improvement, such Ornaments, as are borrowed from them, can 
scarce pass for faults, But yet, tf we would speak ofthings as 
they are, we must allow that all the art ofrhetorick, besides order 
and cleamess, all the artifical and figurative application o/words, 
eloquence hath invented, arefor nothing eise, butto insintcatewrong 
ideas, move the passions, and thereby mislead the judgmenty and 
so, indeed, are perfect cheat .... where truth and knowledge are 
concerned, cannotbutbethought agreat fault, eitherofthelanguage, 
or person that makes use ofthem". In dem vorausgehenden Satze 
bemerkt er aber, daß „wit andfancyfinds easier entertainment in 
the World, than dry truth and real knowledge'', und dies gilt, 
trotz des enormen Fortschrittes der Wissenschaften, auch heute, zumal 
auf den Gebieten, die man nicht kennen zu lernen sucht um eines 
praktischen Nutzens willen, deren Nutzen man nicht einsieht, oder 



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— 57 — 

die auch eines unmittelbaren Nutzens, wenigstens für äußere Zwecke, 
sich nicht rühmen können. Gerade die Psychologie ist der natür- 
liche Tummelplatz des Witzes und der Phantasie, und Belehrung 
wird hier ungern aufgenommen, wenn sie mit der Unterhaltung in 
Wettstreit gerät. Und doch ist die unterhaltende Belehrung keines- 
wegs verwerflich; sie sollte nur möglichst scharf von der termino- 
logisch »trockenen« esoterischen Wissenschaft getrennt gehalten wer- 
den. Aber das Übel ist in einigem Maße der Entwickelung 
inhärent: die sich emanzipierenden, kühneren Gedanken durchbrechen 
die alten Formen, starren Regeln, steifen Kunstausdrücke, wie eine 
Flamme, verzehrend und erleuchtend, »einhergeht auf der eigenen 
Spur, die freie Tochter der Natur«. In Deutschland zumal wieder- 
holt sich, in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts, in verkürztem 
Maßstabe das Schauspiel, das die neue Philosophie als Ganzes gegen- 
über der Scholastik darbot. Eine neue Universitäts-Philosophie war 
etabliert worden. An ihrer Geschichte gehen wir hier vorbei. Sie 
gipfelte in HEGEL, der seine eigene Sprache redete, den »Jargon«, 
wie die Gegner spotteten. Als Universitäts-Philosophen, die seiner 
Alleinherrschaft entgegenwirkten, machten nur BENEKE, der nie ein 
Ordinariat erlangte, und besonders HERBART Schule. Dann aber tritt 
wieder, mit breiterem Einflüsse, eine Schar von Freimeistem auf, die 
ganz auf ähnliche Art, wie die Neuerer überhaupt gegen die Scho- 
lastik, besonders auch mit den charakteristischen Beschwerden über 
»Unverständlichkeit der Sprache«, wider die gesamte »spekulative« 
Philosophie beredt und rücksichtslos sich kehren und das Publi- 
kum um so mehr für sich gewinnen, da sie der gleichzeitig aufs 
neue von aller Philosophie sich losreißenden Naturwissenschaft, 
mehr oder minder mit Reserven, huldigen, und wiederum der Popu- 
lar-Literatur sich deutlich nähern. Die Namen SCHOPENHAUER, 
FEUERBACH, DÜHRING, VON HARTMANN — vielleicht muß man 
jetzt sogar NIETZSCHE hinzufügen — bezeichnen das Gemeinsame 
dieser Richtungen. Neue Schultradition, die, wenn auch in stark diver- 
genten Richtungen, sich ausgebildet hatte, ist rasch von neuem zersetzt 
worden. Über das Ergebnis dieser Gesamt-Entwickelung — von der 
die letzte Phase naturgemäß am lebhaftesten nachwirkt — für das 
g^enwärtige Thema, mögen wir das klare Zeugnis eines besonnenen 
Sachverständigen hören, das unsere eigene Kenntnis nur bestätigen 
kann. »So traten — heißt es bei EUCKEN — mannigfache Systeme 
und Richtungen auf und behaupteten neben- oder nacheinander 
Macht und Herrschaft Aber keinem gelang es, die Überlegenheit 



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— 58 — 

dauernd zu wahren. Das erweist sich auch in der Terminologie. 
An dem im allgemeinen wissenschaftlichen Sprachgebrauch Umlaufen- 
den lassen sich alle jene Systeme erkennen, wenn auch in sehr ver- 
schiedenem Grade (unbedingt überwi^ noch immer HEGEL). Ein 
gewisser Synkretismus ist unleugbar vorhanden, mit allen Mangeln 
und Gefahren (Zwar) erhält sich bei einzelnen Genossen- 
schaften und Sekten durch Ablehnung alles Fremden eine strenge 
Observanz. Indessen gleichen die Termini solcher Sekten den 
Scheidemünzen, deren Geltung nicht über das enge Gebiet hinaus- 
reicht Namentlich bei uns Deutschen hat sich mannigfaches 

und entg^engesetztes so sehr gehäuft und in einander geschoben, 
daß die technisch philosophische Sprache kaum noch ein Mittel der 
Verständigung bildet« Seitdem dies geschrieben wurde (vor etwa 
29 Jahren) hat sich der äußere Zustand etwas verändert Das philo- 
sophische Studium auf den Universitäten, das Jahrzehnte lang schatten- 
haft war, hat b^onnen, wieder aufzuleben; nun aber unter einem neuen 
Zeichen, dem die ganze Entwicklung vorgearbeitet hat: ȟberall beginnt 
man von den Wissenschaf ten aus zu philosophieren» (PAULSEN); 
die Wissenschaften aber, von denen aus es am meisten auf energische 
und hoffnungsvolle Art geschieht, sind nicht, wie im löten und 17ten 
Jahrhundert, die Naturwissenschaften, sondern die Geisteswissen- 
schaften, die sich nunmehr solider zusammenfügen: Psychologie und 
Soziologie (die auf Sozialpsychologie beruhen muß) sind ihre Zen- 
tren, Biologie bildet die Brücke zwischen den beiden großen Ge- 
bieten. Ausbildung und Einfluß dieser Wissenschaften beruhen 
aber auch auf Wechselwirkungen des deutschen Denkens mit dem 
Denken anderer Sprachgebiete. Soweit allgemeine (logisch-spekula- 
tive) Philosophie überhaupt noch geachtet wird, so hat unstreitig 
nur die deutsche in diesem Jahrhundert einen Rang gewonnen und 
macht ihre Einflüsse in allen Ländern geltend. Anders mit den 
Einzelwissenschaften und mit der Philosophie, die über ihnen sich 
aufbauen will. Hier findet ein vielfeiches, wenn auch nur in den 
Gipfeln und Ausläufern sich begegnendes Zusammenwirken statt, so 
daß der relative Anteil eines einzelnen Sprachgebietes, an dessen 
Ausdehnung gemessen, schwer sich herausrechnen läßt Dieses 
Zusammenwirken ist besonders da fruchtbar geworden, wo es, wie 
in Biologie und Individual-Psychologie, auf sachlich und termino- 
logisch festangesiedelten Nahirwissenschaften beruhte. Das inter- 
nationale Verständnis findet an diesen seine Grenzen. Indessen wird 
mehr und mehr die Psychologie der isolierten Empfindungen, durch 



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— 59 — 

experimentelle Methode gefördert, nach Art einer Naturwissenschaft 
abgehandelt (wozu die Anbahnung langst in der Physik der wahr- 
nehmbaren Qualitäten geschehen war) und prägt sich wenigstens 
eine beschränkte Zahl von Begriffen so aus, daß sie in alle Sprachen 
leicht übertragen werden und ffir die Herstellung einer identischen 
Terminologie dieses Zweiges das Fundament abgeben können. Die 
Einteilung aller psychischen Tatsachen in Empfindungen und Ge- 
fühle, obgleich dem englischen Sprachgeiste etwas widerstrebend, 
scheint sich durchzusetzen; sie ist nur eine, den heutigen Kennt- 
nissen angemessene Erneuerung der alten Dichotomie intellectus- 
voluntas: an die Stelle der einfachen Potenzen sind Komplexe von 
Akten getreten. 

74. (4.) Übrigens aber begegnet uns als ein mächtiges und zwar 
inneres Hemmnis der Verständigung in Worten (also als eine Haupt- 
ursache des vorhandenen Zustandes) die Verschiedenheit des Denkens 
selber. Prinzipiell muß die Frage, ob eine gemeinsame Terminolo- 
gie trotz differierender Grundsätze, Meinungen, Theorien, möglich 
sei, unbedingt bejaht werden. Das ist ja gerade der Zweck, dem 
zu Liebe eine wissenschaftliche »Sprache« immer geschätzt und ge- 
sucht wurde, dem sinnlosen und unfruchtbaren Streiten um 
Worte, nicht aber dem sinnvollen und fruchtbaren Streiten um Sachen, 
ein Ende zu machen. Aber mit Recht hat sich KANT g^en jene 
oft vertretene Maxime gewandt, »alle Streitigkeiten der philosophischen 
Schulen für bloße Wortstreitigkeiten zu erklären«. Nicht allein, daß 
auch das G^enteil vorkommt: scheinbare Übereinstimmung, die 
aber nur in Worten besteht, bei denen jeder sich etwas anderes 
denkt; nicht allein, daß verschiedenes Urteilen über Dinge und 
Vorgänge schon in den Kunstausdrücken sich ausprägt; sondern 
manche Disputationen sind desw^en leer, weil der Gegenstand, 
den A durch seinen Terminus bezeichnet, und von dem er etwas 
aussagt, dem B durchaus unbekannt ist, und weil B auch weder 
willig noch fähig ist, diesen G^enstand zu erkennen. 

75. Mit Recht weist EUCKEN überall auf die Zusammenhänge 
der philosophischen Sprache mit dem philosophischen Denken selber 
hin. Die Geschichte der Terminologie reflektiert die Geschichte der 
Philosophie. Wenn wir die Entwicklung aus der Scholastik, und 
wider sie, unter diesem Gesichtswinkel betrachten, so sehen wir zu- 
nächst ein großes Zerstörungswerk. Die Vereinfachung der Termino- 
logie, worauf wir schon hingewiesen, entspricht einer Vereinfachung 
des Denkens selber. Das Streben darnach durchzieht die ganze 



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— 60 — 

Epoche bis in unsere Tage hinein. Es befriedigt sich hauptsächlich 
in der mechanischen Deutung der körperlichen Dinge. Hinter dieser 
li^ das Trachten nach technischer Beherrschung der Materie 
und der »Slaturkräfte«. Wo die mechanische Erklärung der Vorgänge 
nicht hinanreicht — in der Chemie — , da diktiert sich um so mehr 
die Auflösung des Stoffes in letzte Elemente und elementare Ein- 
heiten: die Analyse zum Behufe der Synthese. Die gesamte Tendenz 
stellt den Menschen der ganzen übrigen Natur gegenüber. Der 
Mensch denkt — zunächst und hauptsächlich über Materie und 
Bewegung, deren Zusammenhang und Zusammenhänge er also er- 
kennt, um dann an sich zu denken, d. h. zu wollen, Materie und 
Bewegung seinen Zwecken dienstbar zu machen. Zur Materie und 
Bewegung gehört auch der menschliche Körper und sein Leben; 
der Mensch erkennt beides, um der Medizin willen. Maschinerie 
ist alles, nur allein in der menschlichen Maschine wohnt auf un- 
begreifliche Art, aber mit einem Vermögen, diese ihm zufällig ver- 
bundene Maschine teilweise zu dirigieren, dadurch aber auch in das 
ganze übrige Triebwerk hineinzugreifen, das denkende Ich, jenes 
völlig Andersgeartete, das die ihm fremde, gleichgültige, tote Materie 
— auch der Tiere und Pflanzen — seinem Erkennen und Wollen 
unterwirft. Diese Idee, deren Notwendigkeit wir hinlänglich begreifen, 
wenn wir sie in ihrer Abhängigkeit von der tatsächlichen historischen 
Entwicklung verstehen lernen, hat ihren klassischen Ausdruck ge- 
funden im Systeme DESCARTES', das diese Prinzipien auf eine beinahe 
vollkommene Art formuliert hat: die beiden entgegengesetzten Ex- 
treme, die daraus immer von neuem hervorgehen, der Phänomenalismus 
(oder Idealismus oder wie immer man — neuerdings auch Realis- 
mus — diese »Erkenntnislehre« benennen mag) und der Materialis- 
mus (in seiner vulgären Fassung) sind nur Modifikationen, in denen 
der Grundcharakter minder deutlich sich abbildet. DESCARTES ist es 
nun auch, der auf die Terminologie radikal zerstörend und 
nivellierend gewirkt hat — wenn andere mit ihm wetteifern, so ist 
jedenfalls sein Erfolg in dieser Hinsicht am stärksten gewesen. 
Er eroberte die Schulen — dies die innere Bedeutung des Wolfianis- 
mus — und wenn auch damit Gedanken und Termini vom Ein- 
fachen wieder zu komplizierten Gestalten fortschreiten (wie 
vollends in den einzelnen Naturwissenschaften), so erhält sich doch 
der strenge rationalistische Typus. DESCARTES hatte ihm die Signatur 
gegeben: klare und deutliche Begriffe, alles andere bannend. 
In der wichtigsten Anwendung, derjenigen auf die materielle Natur, 



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— 61 — 

bedeutet dies: ausschlieBliche Geltung der mechanischen Prinzipien. 
Wenn aber dieser revolutionäre Anspruch schon in der Physik, viel 
mehr aber in der Chemie, auf heftige Widerstände stößt, die nur 
Idee und Hoffnung fiberwinden, so scheint er zunächst ganz und 
gar zu scheitern in der Biologie. Was jener Anspruch eigentlich 
ausscheiden wollte, das ist das Nur-Denkbare; klares und deutliches 
Denken hält sich an die sinnliche Wahrnehmung, indem es sich 
von ihr trennt Es scheidet ihre subjektiven Bestandteile aus, um 
desto reiner ihren objektiven Gehalt — die Ausgedehntheit der 
Materie — darzustellen. Hier bleibt kein Raum fibrig für etwas 
Nur-Denkbares; die Teile der Materie sind wirklich und veriLndem 
nur ihren Ort, d. h. ihre g^enseitige Lage in der Bewq^ung. Nur- 
denkbar ist das Mögliche — daher die so von selbst verständ- 
lich scheinende Ausstoßung des Möglichen aus der Wirklichkeit 
Von selbst verständlich, ganz und gar naturlich, scheint in der Tat 
dem Rationalismus alles, was er will, und er sich selber; daher 
verwirft und verspottet er die scholastischen Begriffe als unsinnig. 
Die Cartesianer schalten schon die Gravitation der Newtonschen 
Physik als okkulte Qualität, der Begriff der chemischen Affinität 
war bei seinem Urheber, BOERH AAVE, nichts als ein neuer Ausdruck 
für die bei allen Neueren übelberufene »Sympathie« zwischen Kör- 
pern oder Elementen; der Rationalismus gibt diesen Begriffen all- 
mählich eine, wenigstens provisorische, mechanische Interpretation. 
Dag^fen verwirft er den B^ff der Lebenskraft ganz und gar, nd^st 
allen daraus abgeleiteten, spezifischen Kräften des Organismus. Lange 
Zeit schien er — während des letzten Menschenalters — hier zu 
triumphieren; es galt wie ein Axiom, daß das Leben allein aus den 
sonst bekannten physikalischen und chemischen »Kräften« erklärt 
werden könne und müsse. Nun ist zwar der B^jiff Kraft selber 
ein Nur-Denkbares; vollends gilt dies von dem ihn neuerdings ver- 
drängenden, anders formulierten Bq[riffe Energie. Aber der reali- 
stischen Forderung wird man leicht gerecht, indem man alle Kräfte 
auf Bew^^ngen von Massentdichen (invtstble parts, wie HERBERT 
SPENCER sagt) zurückführt oder die kinetische Energie als Grundform 
allen anderen Formen g^enüber behauptet, die als »potentidle« 
Enei^en voriäufig zusammengefasst werden. Aber in jüngster Zeit 
tritt eine Reaktion g^en die rationalistisch-mechanischen Tendenzen 
sdir merklich hervor. Eine vitalistische Strömung greift unter den 
Biologen aufs neue um sich; das anerkannte Gesetz der Erhaltung 
der Eneiigie, im Wandel ihrer Formen, wird sdber gegen die 



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— 62 — 

mechanische Deuhing geltend gemacht, diese als »willkfirliche Hypo- 
these«, als »schon aufgegeben« bezeichnet, das Aufsuchen media- 
nischer Äquivalente, trotz des berühmten Erfolges in bezug auf die 
Wärme, bei anderen Energieformen, wie der Elektrizität, für aus- 
sichtslos erklärt (OSTWALD). Diese erneute Opposition gtg^ die 
bisher und fortwährend treibende Kraft der naturwissenschaftlichen 
Vernunft beruht teils auf einer richtigen Einsicht, teils aber auf einer 
falschen Voraussetzung hinsichtlich des Zweckes und Wertes dieser 
ganzen Denkungsart, einer Voraussetzung, die freilich gerade von 
deren entschiedensten Vertretern am schärfsten verfochten wird. 
Auf einer richtigen Einsicht: denn die Meinung, daß die mechanische 
Kausalität vollkommen »b^jeiflich« sei, daß mit a.W. die Not- 
wendigkeit des ihr zu gründe liegenden Beharrungsgesetzes a priori 
erkennbar sei, ist die letzte Zuflucht jenes Wahnes, daß die »Welt« 
irgendwie »erklärbar« sei und sein müsse, in dem Sinne, den die 
Behauptung hat, daß sie von einem Gotte, d. i. einem Geiste »ge- 
schaffen« worden sei: der Glaube an zauberhafte Wirkungen ist 
dahinter verborgen. Am schärfsten und gründlichsten ist diese 
Meinung durch DAVID HUME aufgelöst worden; aber längst vorher 
war die Widerl^^ng und Überwindung in dem tiefsten und radi- 
kalsten Gedankensysteme, das dem christlichen Aristotelismus ent- 
gegengewälzt wurde, enthalten gewesen: im Systeme SPINOZAS; 
-denn SPINOZAS Satz: ratio = causa, der als Ausdruck des äußersten 
Gegensatzes gegen HUME, nämlich des Rationalismus in strengster 
Form, gedeutet zu werden pflegt, ist in Wahrheit etwas ganz anderes ; 
■er will sagen: es gibt keine ^^^^^J«, keine »realen« und also »wirken- 
den« Ursachen, es gibt nichts als »Erkenntnisgrund«, dieser aber 
ist die notwendige Form unseres Denkens, insofern, als es allge- 
meine Begriffe bildet, in denen besondere Begriffe enthalten sind 
und daraus folgen. In diesem Sinne ist der allgemeinste Bq[riff 
daher der gemeinsame Erkenntnisgrund oder die »Ursache« aller 
Erscheinungen: jenes Unendliche, d. h. in keiner Maßeinheit oder 
Zahl ausdrückbare, das SPINOZA als die Substanz oder als die Natur, 
und das die heutige Naturwissenschaft, nur in der Benennung ab- 
weichend, als die sich erhaltende Energie definiert — Jene Einrede 
beruht aber andererseits in einer falschen Voraussetzung: als ob 
nämlich die Reduktion der Energieformen auf mechanische Bewe- 
gung den Sinn haben müsse oder überhaupt haben könne, daß 
dadurch die mechanische Bewq^ng als das Realere oder als das 
allein Reale hingestellt würde. Dies ist allerdings wohl die unkritische 



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— 63 — 

Meinung der meisten Naturalisten. In Wahrheit kann es sich nur 
darum handeln, daß eine äußere Welt aus gleichen Einheiten (Kraft- 
zentren) bestehend, die an einander mechanische Arbeit leisten und 
damit ihre g^enseitige Lage verändern, für unser Denken der letzte 
Nenner ist, auf den eine mathematische Interpretation der Er- 
scheinungen alle Größen und ihre Veränderungen beziehen muß, 
wenn sie konsequent verfahren will. Diese Welt ist nicht in dem 
Sinne begreiflich, daß wir die Wirkung eines geraden Stoßes als 
notwendig einzusehen vermöchten, wohl aber in diesem Sinne, daß, 
wenn Bewegung als Quantum gedacht werden kann — was GALILEI 
zu denken gelehrt hat — dann ist sie der Vermehrung und Ver- 
minderung fähig, ihre Veränderungen also können der Rechnung 
unterworfen werden. Daß diese für unser Denken allein vorhandene, 
durch unser Denken vereinheitlichte Welt, überhaupt allein vor- 
handen oder irgendwie wirklicher wäre, als die von unseren Sinnen 
empfundene, wahrgenommene Welt, dies anzunehmen ist eine unnütze, 
unb^ründete Zutat zu jener »regulativen Idee«, um den erhellenden 
B^riff KANTS hier einzusetzen, in dessen Geiste dies gedacht ist 
Daß aber diese höchst kraftvolle Idee aufhören sollte zu regulieren 
und als leitende Maxime zu dienen, ist, nach dem bisherigen Gange 
der Entwicklung zu urteilen, ebenso unwahrscheinlich, wie es uner- 
wünscht sein würde für den Fortschritt der Erkenntnis. 

76. Je mehr man aber diese überwältigende Bedeutung der me- 
chanischen Prinzipien festhält und behauptet, desto mehr ist es geboten, 
um ihren absoluten Wert richtig zu schätzen, sich auf ihren Ur- 
sprung kritisch zu besinnen und ihrem Gebrauche danach seine 
Grenzen anzuweisen. Der Kritik muß dieses ganze höchst erfolg- 
reiche Denken als künstlich erscheinen, jede Auflösung der gesamten 
und irgend welcher für sich betrachteten Wirklichkeit in für sich 
subsistierende »Dinge« (Substanzen) als durch menschlichen Willen 
oder was hier dasselbe bedeutet, menschliches Denken, gesetzt; 
die Wirklichkeit selber ist es, zumal die materielle »Außenwelt«, 
und dem naiven Denken (der Fantasie) begegnen die Dinge als 
lebendigtätige Individuen innerhalb jener; der reflektierende Ver- 
stand baut dieses naive Denken gleichsam künstlerisch aus: er bevölkert 
die Welt mit wirksamen Qualitäten, Kräften und Seelen: dann aber 
folgt der wissenschaftliche Verstand, der über die Welt herrschen 
und darum sie berechenbar machen will; er negiert das naive Denken 
und die darauf beruhende Reflexion; er entkleidet die »Welt« alles 
dessen, was die Dinge als wesentlich (= qualitativ) verschieden er- 



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— 64 — 

scheinen ließ. In dem, was er übrig läßt, findet er, was er darin übrig 
gelassen hat — Materie und Bewq^ung, sie lassen sich der Rechnung 
unterwerfen, je mehr sie, nach Aufhd)ung ihrer sonst scheinbar 
vorhandenen Zusammenhänge, in nicht weiter reduzierbare gleiche 
Einheiten aufgelöst worden sind, die sich durch Denken, oder sogar 
durch wirkliche Tätigkeiten, nach Willkür in neue Verbindungen 
zusammensetzen lassen. Die kritische Besinnung konstatiert nun 
(wie gesagt), daß alle Scheidungen gesetzt sind, vor oder hinter allen 
jene von Subjekt und Objekt; »gegeben« ist nur deren Einheit und 
in Wirklichkeit (realiter oder, wie die Schule sagte, formaliter) 
unlösbarer Zusammenhang. Und auch, nachdem die Setzung einer 
objektiven »Außenwelt« kritisch reproduziert worden, muß sie von 
neuem, als Ganzes, in ihrer wesentiichen Einheit erkannt und aner- 
kannt werden, auch wenn sie von allen Subjekten (nicht allein von 
dem Denkenden selber) losgerissen, also die Entziehung aller sinn- 
lichen Qualitäten gleichsam genehmigt wird. Auch so muß das an 
die Anschauung — oder, was dasselbe besagen will, die reine Er- 
fahrung — sich anknüpfende Denken den mathematischen Verstand 
energisch korrigieren. Es spricht gleichsam zu diesem: »du siehst 
in der Welt nichts als gleiche Vorgänge, die sich von Ewigkeit her 
nach den Regeln, die du Naturgesetze nennst, wiederholen; du siehst 
in ihr nichts als diskrete Atome, die sich zusammensetzen und 
auseinandergehen, sich anziehen und sich abstoßen; diese deine 
Ansichten sind überaus nützlich und insoweit auch richtig; aber, 
wenn du einmal alle deine Zwecke und Pläne vergessen willst, so 
wirst du mir zugeben, daß du deine Materie nur als Kontinuum 
kennst, und daß du ebenso wie ich genötigt bist, ihre Größe oder 
Ausdehnung als unendlich, also als jedes Maßes spottend, zu setzen; 
femer mußt du zugeben, daß es in der Erfahrung keine vollkommen 
gleichen Vorgänge gibt; und daß uns das Dasein der Welt nur als 
ein einziger Prozeß gegeben ist, den wir als ganzen mit keinem 
anderen vergleichen können. Du glaubtest, daß die immer wieder- 
holten Umdrehungen der Planeten um ihre Axen und um die Sonne 
von Ewigkeit her angeordnet seien und in Ewigkeit dauern würden ; 
aber mit deinen eigenen Mitteln haben wir erkannt, daß die Ent- 
stehung dieser Planeten und der Sonne aus der ungeschiedenen 
Einheit glühender Gasmasse, ein einmaliger Vorgang ist, den wir 
uns wohl durch die bekannten Naturgesetze im einzelnen erklären 
mögen, aber nicht als gesamte Wirkung aus einer gesamten anteze- 
denten Ursache abzuleiten vermögen, weil er auf unermittdbare 



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— 65 — 

frfihere Weltvorgänge ins Unendliche zurückweist. Ebenso siod 
auch die Abkühlung der Erdrinde und die Entwicklung oi^ianischen 
Lebens auf ihr, Vorgänge, die ihresgleichen nicht haben, also nicht 
in dem Sinne begriffen werden können^ wie Vorgänge, die unter 
hinlänglich gleichen Bedingungen sich gleichartig wiederholen, oder 
gar künstlich, nach Belieben, reproduziert werden können. Wenn 
die Transformationen der Energie im Weltall überwiegend in der 
Richtung auf Wärme-Erzeugung geschehen, indem die Wärme immer 
von wärmeren auf kältere Körper übergeht und so sich gleichmäßig 
zu verteilen tendiert, wenn also die »Entropie« einem Maximum 
zustrebt, und der Gesamtzustand dem Aufhören der kmetischen 
Energie, wie aller Formen der Energie außer der Wärme — , so 
haben wir diese voraussehbare Geschichte des Weltalls, wie die ver- 
gangene, als einfache Tatsache hinzunehmen, deren Erklärung nichts 
weiter ist als ihre anders ausgedrückte Beschreibung«. 

77. Wir sehen in der Tat durch das ganze neunzdinte Jahr- 
hundert, wie Forschung und Erwägung zusammenlaufen zu einer 
Kritik des mechanistischen Rationalismus, in diesem Sinne, der ihn 
unversehrt aufgehen läßt in einem höheren Gedanken; wenn auch 
jene Kritik öfter als eine verständnislose, pure N^;ation in die Er- 
scheinung tritt In ihrem richtigen Verstände ist sie eine notwendige 
Evolution des sich selbst erkennenden und die Grenzen seiner Macht 
erkennenden Rationalismus selber. Dessen Fortschritt innerhalb der 
objektiven Naturwissenschaft wird bezeichnet durch das tiefere Studium 
der Vorgänge des Lebens. Als philosopische Folgerungen aber, 
in denen er seine Kurve beschreibt, sind es die folgenden, die An- 
erkennung heischen: 1. Das für ein deduktives Denken, Frühersein 
des Unendlichen vor dem Endlichen, daher wird auch denkbar die 
Einheit vor dem Mannigfachen, das Allgemeine vor dem Besonderen, 
das Ganze vor seinen Teilen. 2. Das Übergewicht und der Sieg 



Bew^^ng 
der Ideen Veränderung 
Werden 



Ruhe 
über die Ideen l Identität 
I Sein. 

Für das rationalistische Denken sind die siegreichen Ideen zwar 
unentbehrlich; aber sie werden als von außen hinzukommende be- 
griffen. Der Ruhestand usw. ist das natürliche, wie an einer kon- 
struierten Maschine, etwa (welches Gleichnis fast jeder von diesen 
Denkern wiederholt) einer nicht aufgezogenen Uhr. Der Anstoß 
muß der Materie von außen g^eben sein, da jeder Teil ihn von 
dem anderen empfängt; hier fordert das System seinen Detis als 

Tönnies, Philos. Terminologie. 5 



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- 66 — 

den Urheber der Bewegung, der Veränderung, des Werdens. Die 
andere Denkweise, die wir hier zunächst als die empiristische ver- 
stehen mögen, nimmt die bew^e Materie als Tatsache der Tatsachen 
hin, und bekümmert sich nicht um den alten Begriff, wonach Be- 
wegung nicht zum »Wesen« der Materie gehöre. Sie erkennt in 
den undurchdringlichen Atomen und den dazu gehörigen leeren 
Räumen nur Hfilfsbegriffe, wenn auch noch so sehr für das rationale 
Denken notwendige. Hier li^ auch der Punkt, wo die Lehre von 
Erhaltung und Verwandlung der Energie die alte Gestalt des mecha- 
nischen Systems bricht. 3. Wie im konservativem Systeme des Alls 
die Gesamtmenge der Energie sich erhält, unter steter Verwandlung 
ihrer Formen, so erhält sich das Ganze eines lebenden Organismus 
als Dauer der Relationen seiner Teile in deren fortwährendem Wechsel. 
Leben ist Reproduktion und Zerstörung zu gleicher Zeit; es ist also 
zugleich mit der Tendenz seines G^enteils, weshalb BICHAT es als 
Kampf g^en den Tod definierte, und ein anderer französischer 
Physiologe, CL. BERNARD, den dialektischen Satz wagte: ^La vie 
c'estla mort^. 4. So trägt die Wirklichkeit jedes Augenblickes, oder 
wie immer begrenzten Zeitabschnittes, die reale Möglichkeit, Anlage, 
Tendenz, Disposition, Kraft oder Fähigkeit, oder wie immer wir es 
nennen mögen, zu allen folgenden als ihre Verneinung in sich; 
Möglichkeit ist also keineswegs ein Nur-Denkbares, sondern ist die 
Wirklichkeit selber in ihrer notwendigen Beziehung auf die Zeit, 
d. h. auf Tätigkeit, Leistung, Vollendung. Es muß auf das schärfste 
bemerkt werden, wie hier die regenerierten aristotelischen B^;riffe 
mit den Begriffen der modernen Physik sich begegnen. Denn was 
ist Energie, die nunmehr als die eigentliche Realität angesprochen 
wird, anderes als Fähigkeit, Anlage, Tendenz (oder wie immer 
benannt) Arbeit zu leisten? — 

78. Von der allertiefsten Bedeutung ist aber diese gesamte 
Neuerung des Denkens für die Psychologie. Die kritische (oder 
empiristische oder positivistische) Besinnung hat zum Hauptergebnis: 
daß die Scheidung von Subjekt und Objekt in den gegdbenen Tat- 
sachen nicht begründet ist. Die kartesianische Fassung, die ein 
Subjekt nur mit dem menschlichen Leibe, und zwar als ein Wunder, 
verbunden sein ließ, wird durch die Entwicklungstheorie definitiv 
aufgehoben. So radikal sie gegenüber der Tradition und der naiven 
Meinung auftritt, so ist doch jene Auffassung zugleich ein Rest des 
uralten Glaubens, daß die Seele als ein anderes Wesen im Leibe 
ihren Sitz habe, eines Glaubens, der im Aristotelismus sehr verfeinert, 



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— 67 — 

aber in der christlichen Scholastik wenigstens ffir die anima rationalis 
wieder auf seine vulgäre Form zunickgeffihrt war. Bei DESCARTES 
wie bei seinen Vorgängern nimmt die Seele Bew^[ungen des Leibes 
wahr und wirkt auf sie zurück. Die wirklichen Tatsachen werden 
auf genügende Weise dahin beschrieben, daß der Leib sich selber 
wahrnimmt und auf sich selber wirkt, d. h. als Ganzes auf seine 
Teile. Wir können den Leib, insofern als er Subjekt, d. h. psy- 
chische Tatsache ist, in hergebrachter Weise »Seele« nennen. Leib 
und Seele sind dann verschiedene Namen eines und desselben 
G^^nstandes, der als Leib in seinen Teilen wahrnehmbar, als Ganzes 
aber, d. h. als beharrende Relationen der Teile (was die Aristoteliker 
Form nannten), ebenso wie die Seele, etwas Nur- Denkbares ist 

79. Zwischen DESCARTES als Intellektualisten (der die Seele un- 
abhängig von aller Erfahrung denken ließ) und seinen sensualistischen 
Bestreitem (GASSENDI, LOCKE, CONDILLAQ ist aus dem g^en- 
wärtigen Gesichtspunkte kein wesentlicher Unterschied. Auch diese be- 
halten die Seele als ein anderes Wesen, machen sie aber noch mehr 
zu etwas Passivem, weil sie aus den Wirkungen oder »Eindrücken« 
äußerer Objekte die sinnlichen Empfindungen hinlänglich zu erklären 
meinten und mit Recht das Denken — als Vorgang des Gedächt- 
nisses — aus Komplikationen beharrender Empfindungen ableiteten. 
Diese Auffassung hat sich in die ganze moderne Assoziations- 
Psychologie verpflanzt, die in Verbindung mit der Physiologie des 
Nervensystems einen so großen Teil der menschlichen Erkenntnis- 
Tatsachen in seine Atome (mit denen CARUS die isolierten Emp- 
findungen vergleicht) aufgelöst und synthetisch nachkonstruiert hat 
Oanz konsequent kommen aber die Philosophen dieser Richtung, 
insbesondere die Herbartianer, auf die Seele als ein einfaches Wesen, 
als etwas, das dem grammatischen und logischen (d. h. durch einen 
Namen bezeichneten) Subjekte entsprechen müsse, zurück. Aber die 
Klippe dieses Denkens sind die Gefühle, zumal j^er mit Gefühlen 
verbundene Komplex von Empfindungen, dem der Name Wille 
gegeben wird. 

80. Die unbefangene Selbsterkenntnis verbindet sich nun mit 
der Abstammungslehre, um Gefühl als mit der Tatsache des Lebens 
identisch und folglich als das allen lebenden Wesen gemeinsame, 
konstante und ursprüngliche Element zu setzen. Lebensgefühle sind 
Tätigkeitsgefühle, und die scheinbar einfache Tatsache des »Reflexes« 
menschlicher Sinnesorgane auf äußere Reize ist in Wahrheit das 
Gefühl einer höchst komplizierten, spät entwickelten Tätigkeit 



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— 68 — 

81. Es ist nicht unsere Aufgabe hier, diese Psychologie in ihre 
Konsequenzen zu führen. Uns kann nur daran gelegen sein, zu 
betonen, daß eine Terminologie, die an ihr Prinzip sich anlehnt, 
sich vermischt und streitet mit einer Terminologie, die im wesent- 
lichen auf die Einfachheit der Seelensubstanz und teils auf ihre 
passive, teils auf ihre menschlich-rationale Beschaffenheit zurückgeht. 
Bezeichnend für die Schwierigkeit, die jene biologische Betrachtung^ 
hat, sich durchzusetzen, ist es, daß selbst die in dieser Hinsicht am 
meisten fortgeschrittenen Psychologen fortfahren: 1. mit der Psycho- 
logie der Empfindungen zu beginnen. 2. die menschliche Psycho- 
logie als allgemeine Psychologie hinzustellen oder doch zu betsindeln. 
Damit hängt femer das hartnäckige Beharren bei der Meinung zu- 
sammen, daß Intelligenz zum Wesen der Seele gehört, was einer 
der geistreichsten Forscher für so gewiß hält, daß er die gewollte 
Anpassung von Mitteln an Zwecke als das Kriterium für die An- 
nahme psychischer Tatsachen überhaupt darstellt (JAMES). Endlich 
ist die Konfusion, die in den Terminis Bewußtsein, Unbewußtes» 
Unterbewußtes oft sich versteckt, zum guten Teil dem Umstände 
zuzuschreiben, daß vom menschlichen I>enken der Begriff des Be- 
wußtseins hergeleitet wird, weil aber Denken als Wesen der mensch- 
lichen Seele, so gilt »Bewußtsein« bald für einen Zustand, der nur 
durch Denken, d. h. regelmäßig durch Erinnerung von Worten ver- 
mittelt wird, bald für psychische Tatsachen, insofern sie vorhanden 
sind, schlechthin. Weil aber ihr Vorhandensein wiederum nach 
Analogie von Gedanken oder doch deren Elementen (Empfindungen 
und Vorstellungen) gedacht wird, so kommen die notwendigen 
Begriffe der Involvierung und Evolution, des Wachstums und der 
Dffferenzierung, aller jener Vorgänge, die das psychische genau so 
wie das physische Leben bezeichnen, nicht zu gehöriger Geltung^ 
und Benennung. 

82. Am meisten ist die Lehre vom Willen, die darunter, wie 
unter der Abhängigkeit der Terminologie vom Sprachgebrauch, 
leidet Wenn wir den Begriff des Lebensgefühls und der mannig- 
fachen organischen Tätigkeitsgefühle, in die es sich beim Tiere mit 
dem Organismus selber entwickelt, zu ^nindt legen, so ist jedes, 
wie das Leben in allen seinen Erscheinungen, zwiefach: assimilierend 
und ausscheidend, empfangend und abstoßend, bqahend und ver- 
neinend. Unter den Lebenstätigkeiten animalischer Wesen sind nun 
diejenigen des Nervengewebes, in ihrer urspründlichen Einheit mit 
denen des Muskelgewebes, durchaus charakteristisch, als Träger der 



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— 69 — 

durch äußere Reize bewirkten motorischen Veränderungen. Die 
Einhdt des Lebensgefühls scheidet sich in entsprechender Weise in die 
ihr gleichartig bleibenden Gefühle motorischer Tätigkeit und die 
sich starker modifizierenden, unendlich vermannigfachten Geffihle 
der Reaktion gegen äuBere Reize — die Empfindungen. Diese ani* 
malische Differenzierung deckt sich nicht mit der ursprünglichen» 
v^etativen, wenn sie ihr auch verwandt ist. Diese aber wiederholt 
sich in der ausgeprägtesten Weise mit der höheren Entwicklung der 
Empfindungen; ein psychischer Organismus innerhalb der Sede» 
wie die Großhirnrinde innerhalb des Leibes, bildet sich aus als 
komplexes Gewebe möglicher und wirklicher Verbände von Empfin- 
dungen, ein Gewebe, dessen wesentliche Funktionen die Setzung 
von Gleichheit und von Unterschied sind, d. h. eben Assimilation 
und Ausscheidung, Empfang und Abstoßung, Bejahung und Ver- 
neinung: im Menschen durch den Besitz des Zeichensystems der 
Worte sich vollendend zur Urteilsfunktion, eben dadurch zum Ge- 
danken. Nun haben wir das Wort »Wille«. Es bedeutet die Idee 
A, von etwas Tätigem (grammatisches Subjekt) B, von etwas »Leiden- 
dem« (grammatisches Objekt). Als A. ist die Idee: 1. gleich der 
Idee von Seele überhaupt; 2. gleich dieser, insofern sie gedacht 
wird als nach außen hin wirkend, im Gegensatz zum Intellekt, als 
der von außen aufnehmenden Seele; 3. speziell als herrschend, be- 
fehlend, lenkend, Bewegungen des Leibes verursachend. Als Bw ist 
sie etwas Gedachtes, ein Gedanke oder ein Komplex von Gedanken. 
Während daher die Idee A. überall anwendbar ist, wo ein Leib eine 
Seele in sich zu haben gedacht wird, daher wenigstens auf alle 
tierischen Organismen, so ist die Idee B. nur auf Menschen anwend« 
bar. Diese Ideen vermischen sich aber. Wie die Seele überhaupt, 
so wird alsbald der Wille mit der Intelligenz gleichgesetzt oder 
doch als etwas Intelligentes bestimmt; hier entspringt dann als 
Gegensatz zum intelligenten Denken der Begriff des intelligenten 
»Instinktes«; der Instinkt »leitet« das Tier, der Instinkt »sagt« ihm, 
»lehrt« es usw. Andererseits: als Produkt des denkenden Ich wird 
der Wille gleichsam dessen Werkzeug, vermittelst dessen es seine 
Befehle entsendet und vollzieht; sehr leicht wird er dann mit dem 
denkenden Ich einfach identifiziert, ist also sein eigenes Objekt, und 
dies entspricht am besten dem Gefühl und der Idee des »freien« 
Willens» Als Subjekt aber oder als Objekt, immer hat die Idee, die 
das Wort ausdrücken soll, eine Beziehung auf die Zukunft, auf ein 
Werden, daher schlechthin auf ein Gescbdien; sie läßt sich aber ohne 



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— 70 — 

Widerstand verallgemeinem und auch auf das Seiende beziehen; 
das Gemeinsame ist dann die Bejahung und — im Gegensinne — 
die Verneinung eines Zustandes oder einer Veränderung. Hierdurch 
wird sie identisch mit dem Gefühle der Lust und Unlust; diese 
aber sind unlösbar verbunden mit Beehren und Verabscheuen, 
Hoffnung und Furcht, kurz mit allen positiven und negativen 
»Wünschen«, die nun wieder durch Empfindung, Vorstellung, Denken 
eines zukünftigen Zustandes bedingt sind. So läßt sich, wenn man 
der Sprache folgt, Wille mit allen einzelnen und verbundenen Emp- 
findungen und Gedanken identifizieren oder davon unterscheiden; 
er kann als etwas ganz Unlogisches, Unvermitteltes (als eigentliche 
»Willkür« oder Bdieben), kann aber auch im Gegenteil als streng 
logisches, systematisches Gebilde begriffen werden. 

83. Physiologen und Psychologen plagen sich mit immer neuen 
Untersuchungen, was er denn eigentlich sei, finden aber ^ auch 
wiederum »Begehren, Wunsch, Wille seien Zustande des Geistes, 
die jeder kennt und die keine Definition deutlicher machen kann<3: 
(JAMES); sie werden aber dann unterschieden: 1. »wir begehren, alles 
zu empfinden, zu haben, zu tun, was im Augenblicke wir nicht 
empfinden, haben oder tun; 2. wenn damit ein Gefühl verbunden 
ist, daß die Erreichung nicht möglich ist, so »wünschen« wir ein- 
fach; aber 3. wenn wir glauben, daß das Ende (die Erreichung) in 
unserer Macht ist, so wollen wir, daß das begehrte Empfinden, 
Haben oder Tun wirklich sein soll.« In der Tat liegt hier eine 
willkürliche B^^enzung des Sprachgebrauches vor, die vielleicht 
nicht zu tadeln wäre, wenn der Autor ihr treu bliebe; aber nach 
einer sehr eingehenden Erforschung findet er, die Anstrengung der 
Aufmerksamkeit sei das wesentliche Phänomen des Willens und meint, 
jeder Leser müsse aus eigener Erfahrung wissen, daß dem so sei. 
Die erste Begrenzung schließt noch jeden »freiwilligen« Beginn einer 
Bewegung des Körpers ein, also auch solche »unwillkürliche«, die 
auf Empfindung oder Vorstellung unmittelbar folgen; die andere 
macht ausdrücklich »einen stabilen«, mit Anstrengung festgehaltenen 
Gedanken zur Bedingung des Willens: hier ist nur an »willkür- 
liche« Tätigkeiten der Menschen gedacht Auch WUNDT erklärte 
früher: »definieren läßt sich der Wille ebenso wenig wie das Be- 
wußtsein«; er ließ aber dann die »Apperzeption« oder die »von An- 
fang an mit dem Bewußtsein gegebene innere Willenstätigkeit« das 
entscheidende und allein genügende Merkmal des B^^iffes sein, und 
leitete die »äußere« Willenshandlung als »Apperzeption einer 



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— 71 — 

Bew^ungsvorstellung« daraus ab. Ganz anders betrachtet er in seiner 
jüngeren (kleinen) »Psychologie« den Willensvorgang, indem er ihn 
deHniert als einen Affekt (einen in sich zusammenhängenden Ge- 
fühlsverlauf von einheitlichem Charakter) zusammen mit der aus ihm 
hervorgehenden Endwirkung einer plötzlichen Veränderung des Vor- 
stellungs- und Gefühlsinhaltes. In den tiefen Erörterungen seines 
»Systems« endlich faßt er den Willen in einem Sinne auf, dem aus- 
drücklich der Parallelismus, ja die Identität von Leib und Seele zu 
gründe gelegt ist; er wird zum psychischen Inhalte des Lebens, zu- 
weilen unterschieden als der »reine Wille«, ein »transszendenter 
Seelenbegriff, den die empirische Psychologie als letzten Grund der 
Einheit der geistigen Vorgänge fordern, von dem sie aber schlechter- 
dings für ihre Zwecke keinen Gebrauch machen kann.« »Will sie 
aus ihm einen Seelenbegriff gewinnen, der zur empirischen Ableitung 
der Tatsachen der inneren Erfahrung brauchbar ist, so muß sie ihn 
sofort zu einer zusammengesetzten Einheit erweitem, welche die 
Möglichkeit einer Vielheit vorstellender Tätigkeiten in sich schließt.« 
Die Physiologen bleiben zumeist bei einem B^^iffe des Willens 
stehen, der ihn, nach Art der Descartes'schen Seele, zu einer ver- 
nünftigen Person innerhalb des Leibes macht, mit Vorliebe lassen 
sie ihn »telegraphieren« und Befehle erteilen; einige aber sind, wie 
HUXLEY, konsequent und materialistisch genug, alle animalischen 
und folglich auch die menschlichen Tätigkeiten, als »automatische« 
zu denken und alle »Bewußtseins- Erscheinungen« als bloße Neben- 
produkte des Lebensprozesses, ohne jede Rückwirkung auf ihn. Sie 
unterscheiden sich von der Identitäts-Psychologie nur noch durch 
das hartnäckig festgehaltene Vorurteil, daß nur das Objektive oder 
Physische »wirklich« sei, d. h. im Grunde nur durch die Ter- 
minologie; denn in welchem besonderen Sinne jenes wirklich zu 
heißen verdiene, das Psychische »Begleitende« aber nicht, hat 
nie jemand anzugeben vermocht Wir halten die Wundt'sche neueste 
Darstellung und auch ihre Terminologie für sehr fruchtbar, aber eine 
Psychologie, die aus dem allgemeinen und reinen Willen, nach dem 
g^ebenen Programm, die besonderen und die besondersten mensch- 
lichen Willen entwickelnd ableitet, hat auch WUNDT bisher nicht 
dargestellt. Auch für WUNDT bleibt noch der Name vor dem Bct 
griffe oder doch mit ihm simultan. Es ist aber ewig vergebens, 
dem nachzujagen, was eigentlich der Wille sei. Die fundamentale 
Ansicht der Tatsachen zu gewinnen, das ist die einzige wichtige 
Aufgabe, die allerdings dadurch so sehr erschwert wird, daß wir sie 



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— 72 — 

nur in Worten auszudrücken vermögen, die schon etwas anderes be- 
deuten. Versuchen ließe sich aber, solche Worte zu umgehen, den 
Begriff in lauter schon definierten Wörtern abzubilden und ihm 
dann den abkürzenden Namen, z. B. »Wille« beizulegen. In diesem 
Sinne haben wh*, wenn auch Begriffe antezipierend, versucht — im 
ersten Abschnitte dieses Traktats — als menschlichen individuellen 
Willen jede Ideenverbindung zu bestimmen, die für folgende Ideen 
und Ideenverbindungen irgendwie »setzend« (f»;^^/ gesetzgeberisch) 
ist oder »wirkt«; wir dürfen jetzt sagen, solche der Möglichkeit 
nach in sich enthält, sei es nun, daß sie sich (oder ihre »Wirkung«) 
m einer einmaligen »Handlung« vollendet und erschöpft, oder daß 
sie die Regel wiederholter gleichartiger Tätigkeiten, — d. h. der 
Gefühle von Tätigkeiten — bildet Wir behaupten nur den Wert 
dieses Begriffes für das Verständnis unbezweifelter Tatsachen, z. B. 
jener, daß etwas jemandem zum Zeichen oder Merkmal von etwas 
anderem wird, ohne es setner Natur nach zu sein. Der Name ist 
an und für sich völlig gleichgültig; wir meinen allerdings, daß er 
von allem, was sonst als menschlich-vernünftiger Wille gedacht wird, 
gleichsam die Quintessenz extrahiert, denn dies ist allen jenen Ideen 
gemeinsam: etwas sich selbst bejahendes, andere Gefühle und Vor- 
stellungen bejahend oder verneinend. Dies ist es auch, was das 
Verhältnis jedes Einzelwillens zu anderen begründet, und wiederum 
ist ein Begriff notwendig, der die Einheit mdirerer Willen, wie sie 
sich selbst bejaht, ihre Glieder »bejaht« oder veraeint, ausdrücke. 
Diese nannten wir »sozialen Willen«. In ihm wird es durchsichtig 
und klar, daß Wille oder wie immer die psychische Potenz genannt 
wird, nur scheinbar körperliche Bewegungen »bewirkt«, daß sie 
nichts ist als Macht über ihresgleichen: Vorstellungen und Gefühle. 
Nicht anders aber ist das Verhältnis des individuellen Willens zu 
sich selber und zu dem ihm zugehörigen Leibe. Dies ist schwer, 
aber nicht unmöglich zu denken. Es will erlerat und eingeübt 
werden. 

84. 5. Terminologie ist an Erzeugnis menschlichen Willens, 
aber auch das Denken und Erkennen selber ist Tätigkeit, worin sich 
Wille ausdrückt Wenn ein energischer, glekhartiger, gleichgerich- 
teter Wille zur psychologischen und philosophischen Erkenntnis vor- 
handen wäre, so würde die Einmütigkeit des Denkens sich bald in 
Einmütigkeit über Benennungen umsetzen. Wamm jener Wille 
nicht vorhanden ist? diese Frage führt uns auf einige Neben- 
ursachen des pathologischen Phänomens, das wir betrachten. Diese 



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— 73 — 

Nd>enursachen verzögern und hemmen die Überwindung der 
Sdiwierigkeiten, selbst wenn sie als solche erkannt werden. Da ist 
A, was das gesamte Gebiet der Psychologie angeht, die Beschaffen- 
heit der Gegenstände, die sich nicht abbilden, nicht als wahrnehm- 
bare Einheiten sich konstruieren, nur indirekt sich zählen und messen 
lassen. Auf sprachliche Zeichen sind wir mehr als sonst angewiesen, 
um psychische Wirklichkeit kundzugeben und zu schildern. Weil 
aber dies jedem, zumal dem phantasiebegabten Menschen, leicht 
wird, sonderlich die Schilderung von Qemätsbewegungen, deren 
Natur bei den Individuen nicht stark variiert, in bildlichen Aus- 
drücken, deren Sinn jeder, der die Sprache und die elementaren 
Naturereignisse kennt, versteht, so hält man oft auch psychologisches 
Denken für leicht Denken erfordert auch Phantasie, aber eine 
erstarrte; sie darf hier um so weniger schweifen, als die darzu- 
stellenden »Ejekte«, um somit CLIFFORDzu reden, nur durch Selbst- 
beobachtung gewonnen werden, die mehr als jede andere Beobachtung, 
von den Sinnen unabhängig, eine eigentümliche Anstrengung und 
Übung, ja ein eigentümliches Talent erfordert, das in der Regel nur 
mit starkem theoretischem Interesse sich verbinden wird. Nun ist 
aber B, ein solches Interesse, verhältnismäßig wenig gefördert worden. 
Es stehen keine mächtigen praktischen Interessen dahinter, die auf 
so eminente Weise der Entwicklung von Mathematik, Astronomie, 
Physik und Chemie zu gute kommen. Die praktischen Interessen, 
denen Psychologie und das auf ihr beruhende Philosophieren ihre 
Kräftigung verdanken müssen, sind selber ideale Int^'essen, d. h. 
Interessen, die gefühlsmäßig, daher in Verbindung mit Fantasie, 
Kunst, Religion sehr lebhaft sich geltend machen, aber im bewußten 
Denken um so schwächer zu bleiben pflogen, je mehr sie von jenen 
Mächten gleichsam mit Beschlag bel^ werden. C So ist denn 
der Einfluß der Naturwissenschaften auf das allgemdne und philo- 
sophische Denken ein unvergleichlich größerer gewesen und ist es 
noch jetzt, als der Einfluß dessen, was wir die Geisteswissenschaften 
nennen. Damit hängt denn eine gewisse Verachtung der Philo- 
sophie in den Stücken, die ihr am meisten eigentümlich sind, viel- 
fach zusammen: die Geringschätzung der Logik, der Verruf der 
Metaphysik. Nun mögen ja die Naturwissenschaften dieser Lehren 
entbehren können: die Geisteswissenschaften können ihrer nicht 
entbehren. Was die Metaphysik insbesondere angeht, so ist es ein 
Verhängnis, daß sie abgeschafft wurde, anstatt reformiert zu werden; 
abgeschafft wegen den Berührungen mit der Theologie, die ihrer 



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- 74 — 

Idee keinesw^[s wesentlich sind, so bedeutend sie ffir die historische 
Erscheinung waren. Ihrer Idee nach will sie — als »oberste Philo- 
sophie« — den notwendigen Inhalt des Denkens, das Seiende 
schlechthin (xi 8v % 8v), in Begriffen darstellen, klassifizieren, ent- 
wickeln, also ein System von Urteilen, worin solche Begriffe ver- 
bunden sind, aufstellen und beweisen. Auch heute noch gilt der 
Satz, womit CHR. WOLF seine Ontologie einführte und verteidigte 
{>vix aliud hodie contemtius notnen qtuim ontologiae^Y »Wer die 
oberste Philosophie nach wissenschaftlicher Methode abhandelt, der 
ruft die scholastische Philosophie nicht ins Leben zurück, sondern 
berichtigt sie«. Mit Recht auch hebt jener nüchterne Denker die 
wirklichen Verdienste der Scholastiker auf diesem Felde hervor, und 
mit Recht weist er hin auf den praktischen Wert der Ontologie, 
da man überall auf voreilige, unbesonnene Urteile stoße wegen des 
Mangels an geklärten Begriffen von jenen Denkgegenständen, deren 
Namen jeder im Munde führe, als: Ursache, Zweck, notwendig, 
zußllig, möglich, unmöglich, vollkommen, Einheit, wahr, Ordnung, 
Raum usw. In der Tat ist das Werk WOLFS seinem wesentlichen 
Inhalte nach eine, freilich mit unsäglicher Breite vorgetragene, Ent- 
faltung der Idee eines allgemeinen terminologischen Instrumentes, 
das zu konsequenten Verbindungen aller möglichen Begriffe dienen 
soll. Es ist eine völlig ungewollte Wirkung der Kantischen Kritik 
gewesen, die vernünftige Idee eines solchen Instrumentes ebenso zum 
Gespötte zu machen, wie durch DESCARTES und seine Genossen 
die Scholastik geworden war; so daß (zwei Menschenalter nach WOLF) 
HEGEL schrieb, das, was vor 25 Jahren Metaphysik hieß, sei mit 
Stumpf und Stil ausgerottet worden und aus der Reihe der Wissen- 
schaften verschwunden — er meinte, daß so »das sonderbare Schau- 
spiel herbeigeführt worden sei, ein gebildetes Volk ohne Metaphysik 
zu sehen — wie einen sonst mannigfaltig ausgeschmückten Tempel 
ohne Allerheiligstes«. Seitdem ist es HEGEL wiederum fast ebenso 
ergangen, wie vor ihm WOLF und vor WOLF den Aristotdikem — 
oder dürfen wir das Studium der Dialektik, wie es gegenwärtig auf 
englischen und amerikanischen Universitäten gepflegt wird, als eine 
neue Auferstehung, wenn nicht der spekulativen Philosophie, so 
doch jenes Allerheiligsten verstehen? das in Wahrheit dem Menschen 
der Spruch des delphischen Gottes befohlen hat, denn das ist die 
theoretische Selbsterkenntnis, daß man die Gedanken der Menschheit 
in sich aus- und umbilde, und daß man wisse, was man tut, wenn 
man urteilt und in Begriffen redet. Es ist immerhin bemerkenswert, 



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— 75 — 

daß von den drei hervorragenden System-Philosophen, die, nach 
HEGEL, in den drei führenden Sprachgebieten die Aufgabe ^ de faire 
une sp^ctaliU des gän^raliUs^ auf empirischer Grundlage erneuerten, 
der erste die Metaphysik nur als einen Bastard zwischen Theologie 
und Wissenschaft betrachtete (COMTE), der zweite schon wieder aus 
den »letzten Daten des Bewußtseins«, d. h. aus den Gesetzen des 
Denkens, die Prinzipien einer synthetischen Philosophie ableitet 
(SPENCER), der jüngste endlich, obwohl gleich jenen beiden durchaus 
im Boden der Naturwissenschaften wurzelnd, eine eigentümliche 
Aufgabe der Metaphysik darin erblickt, daß sie die Verbindung der 
Tatsachen nach dem Prinzip von Grund und Folge auf die Gesamt- 
heit aller gegebenen Erfahrung auszudehnen strebe, und folglich 
ontologische Einheitsideen neben kosmologische und psychologische 
setzt (WUNDT), was denn den Ausblick auf eine neue Verar- 
beitung aller transszendenten Begriffe eröffnet. 

85. D. Wenn die heutige Philosophie und also auch Einheit 
und Klarheit der Terminologie gleichsam nach rückwärts zu kämpfen 
haben, indem ihnen der Geruch der Unwissenschaftlichkeit, der an 
per Metaphysik haftet, den Weg versperrt — so begegnen sie an- 
do-erseits in ihrem natürlichen Fortschritte den Hemmungen, die 
alles wissenschaftliche Denken durch überlieferte, für heilig und not- 
wendig gehaltene Lehren und Meinungen immer aufs neue erfahren 
muß; und obwohl diese Widerstände ihre historisch größte Bedeu- 
tung gegenüber der entgeistigten Ansicht der Natur gehabt haben 
und noch haben, so werden sie ^och in gegenwärtiger Zeit viel 
lebhafter und, man darf sagen, schmerzhafter empfunden in den 
moralischen Disziplinen. Auch die Psychologie hat, wegen ihrer 
Bedeutung für diese, ein gemessenes Maß davon zu ertragen. Scharf 
wird dies bezeichnet durch gewisse Äußerungen in den Eröffnungs- 
reden zum Dritten internationalen Kongresse für Psychologie (Mün- 
chen 1896, 4 — 7. August). Der Präsident, ein gefeierter Psychologe der 
experimentellen Schule, kritisierte die sogenannte Paralldismus-Lehre 
und meinte dabei sich ausdrücklich dagegen verwahren zu müssen, daß 
er diese :» politisch oder moralisch verdächtigen« wolle. Wer sich ent- 
schuldigt, klagt hier freilich wohl nicht sich, um so mehr aber andere an. 
Der Kgl. bayrische Staatsminister des Innern, für Kirchen- und Schul- 
angelegenheiten, antwortete auf diese Rede und sprach zum Schlüsse 
die Hoffnung aus: »daß die psychologischen Kongresse dazu beitragen 
wei-den, die große Gefahr, welche dem öffentlichen Leben der 
Kulturvölker aus gewissen psychologischen Theorien erwachsen 



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— 76 — 

könnte, zu beseitigen«, und sogar seine Überzeugung, »daß diese 
Kongresse den alten Glauben an die Verantwortlichkeit des Menschen 
ffir seine Handlungen nicht erschüttern, sondern befestigen werden«^ 
86. Man denke sich einen Kongreß von Astronomen, dem ans 
Herz gelegt und die Zuversicht ausgesprochen würde, daß er die 
altehrwürdige Lehre von den Cycloiden und den überlieferten 
Glauben an die Bewegung der Sonne um die Erde, nicht erschüttern, 
sondern befestigen werde; oder einen Astronomen, der seine Kritik 
der neueren Ansichten von den Kometen damit beschließen wollte, 
daß ihm nicht darum zu tun sei, diese Ansichten politisch oder 
moralisch zu verdächtigen! Und doch waren vor nur 300 Jahren 
solche Reden durchaus möglich, ja, wenn astronomische Kongresse 
stat^[efunden hätten, so wären sie unvermeidlich gewesen. In Wahr- 
heit reflektiert sich die Gespensterfurcht hier, wie überall, in einem 
teils unklaren, teils falschen Denken. Unklarem: denn, wenn auch 
jener Minister ohne Zweifel »Tausenden« aus der Seele spricht, so 
dürften doch von diesen Tausenden kaum zehn Personen irgend 
welchen gedaditen Begriff mit dem Worte »Verantwortlichkeit« ve*- 
binden, und vielleicht keiner einen brauchbaren. Alle, die joie Ge- 
fahren wittern, dürften das Verantwortlichsein für eine Eigenschaft 
des Menschen halten, die ihm als vernünftigem Wesen anhänge. 
Diese Eigenschaft kann nicht wahrgenommen werden, man muß sie 
also durch Introspektion kennen. Auf das Bewußtsein des freien 
Willens wird hingewiesen. Dies Bewußtsein aber enthält, wie oft 
bewiesen worden, in praktischer Hinsicht nichts als die Tatsache 
des vernünftigen Denkens. Wenn »verantwortlich« nichts weiter ist 
als ein anderer Name für diese normale Tatsache, so kann weder 
Tatsache noch Name durch irgend welche Psychologie erschüttert 
werden. Aber die im Banne der Sprache Denkenden wären darauf 
aufmerksam zu machen, daß immer geredet wird vom »verantwort- 
lich machen«, daß es auch hier um einen Begriff sich handelt, 
dessen Wesen durch individuellen oder Zumeist) durch sozialen 
Willen konstituiert wird. Die Menschen machen einander g^:en- 
seitig, die Gemeinde macht die Bürger, Eltern machen ihre Kinder, 
Sitte, Religion, Gesetz und Moral nur den Menschen, der ihrer 
Idee eines vernünftigen Menschen entspricht, verantwortlich. Ob es 
richtig und erlaubt ist, daß sie es tun? es ist richtig und erlaubt, 
in dem^Maße, als es sinnvoll und zweckmäßig ist Im ethischen 
Sinne am höchsten steht es aber, daß der Mensch sich selber 
verantwortlich mache. — Und die Gespensterfurcht reflektiert sich in 



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— 77 — 

falschem Denken: in dem Wahne, daß Menschen in ihrem prak- 
tischen Verhalten durch psychologische Lehren sich bestimmen 
lassen. Hier liegt zuletzt jener Mangel an soziologischer, eben darum 
aber auch an psychologischer Einsicht selber zu gründe, ein Mangel, 
der in Anwendung auf politische Maximen noch immer ffir Reich- 
tum gehalten wird. 

87. E. Die Philosophie bewegt sich also gleichsam zwischen 
zwei Feuern: von den Vorausgeschrittenen wird sie als reaktionär, 
von den Zurfickgebliebenen als revolutionir angegriffen. Ihre be- 
klommene Lage verrät sich am deutlichsten durch die Stellung, die 
ihr im höheren Unterricht und im öffentlichen Leben eingeräumt 
wird. Im höheren Unterricht: wenigstens in Deutschland spielt sie 
nur die Rolle eines geduldeten Schutzburgers; auf vielen Universi- 
täten erhält sie sich, in schwacher Geltung, durch das noch bestehende 
Privileg der »philosophischen« Fakultäten, den »philosophischen« 
Doktortitel zu verldhen, der in neuerer Zeit einen gewissen Markt- 
wert, hauptsächlich für junge Chemiker, die sich der Industrie wid- 
men, besitzt Im fibrigen wird sie von den Vertretern der Medizin 
und Naturwissenschaften über die Achsel angesehen, von den Re- 
gierungen höchstens etwas gefördert, wo sie, wie die Psychologie, 
in einigen Beziehungen zu jenen emporzusteigen vermag. Dieser 
Lage entspricht der schlecht organisierte Zustand des Unterrichtes 
selber: Vorlesungen müssen »gemeinverständlich« sein, d.h. wenig; 
stens halbwegs zur Unterhaltung dienen, gleich Vorträgen für Laien- 
publikum; »Übungen« für Anfänger wird meistens KANT zu gründe 
gel^;t, weil die unkundige Menge ein dunkles Vorurteil hegt: ihn 
einigermaßen verstehen, heiße in die Geheimnisse der Philosophie 
eindringen; zudem ist er Nationalphilosoph. Die Methode aber, mit 
KANT zu beginnen, ist, als ob man europäische Kinder lesen lehren 
wollte am koptischen Alphabete. Welche heillose Wirkungen popu- 
läre Vorträge auf der einen Seite, Elementarunterricht durch Kritik 
der reinen Vernunft auf der anderen, in Schülerhimen haben, davon 
bleiben selbst bei den fähigsten, zumal wenn sie hurtig an eigene 
Produktion sich wagten, die Spuren oft genug als beliebige Mischung 
vulgärer und Kantischer Terminologie erkennbar. Mitschuldig 
daran ist auch die völlig unzulängliche Art, in der die Geschichte 
der Philosophie noch immer auf Kathedern und in Büchern vor- 
getragen wird — zum großen Teile nämlich als eine Geschichte 
von Einfällen und Fantasien. Das Ansehen, dessen das gefällige 
belletristische Werk des Geheimen Rats KUNO FISCHER sich noch 



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— 78 — 

im In- und Auslande erfreut, ist dafür charakteristisch. Für eine exakte 
Geschichte der Terminologie ist aus neuerer Zeit fast nur, als 
sehr schätzenswerte Vorarbeit, die Schrift von EUCKEN vorhanden. — 
Im öffentlichen Leben — wohl aller Lander — ist die Geltung der 
Philosophie gleich Null. Weder Psychologen noch philosophische 
Moralisten und Politiker (Soziologen) genießen als solche irgend 
welche Autorität Gesundheitswesen und Gerichte bedürfen oft 
psychologischer Gutachten, Ratschläge, Dienste; sie werden ausschließ- 
lich aus der medizinischen Fakultät bezogen. Für alle höheren 
Funktionen der R^erung genügt — im Deutschen Reiche — die 
gewöhnliche Bildung des Juristen: Kenntnis der Pandekten als Ober- 
lebsel, und neuerer Gesetzbücher — philosophische Bildung gilt 
eher als Kontra-Indikation der BeBhigung. Von philosophischer 
Ethik wird offiziell so gedacht, daß die Behauptung, Ethik sei ihrer 
Natur nach unabhängig von den Religionen, zuweilen als disqualifi- 
zierend für philosophische Professuren gilt — Philosophie hieß einst 
die Magd der Theologie. Damals diente sie einem guten Hause, in 
dem sie noch »Königin der Wissenschaften« blieb. Heute gleicht sie 
dner Vagabundin, die bald bei der Theologie, bald bei den Wissen- 
schaften sich ein Stück Brot erbettelt, von Zeit zu Zeit aber von 
der Polizei in sicheres Gewahrsam gebracht wird. Auch die Angst 
der Umherirrenden gibt sich oft darin kund, daß sie eine dunkle 
und verworrene Sprache reden. 



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III. 

88. Die Richtungen, in denen wirksame Abhülfe erwartet werden 
darf, sind im allgemeinen bezeichnet durch die Diagnose des Zu- 
standes und seiner Ursachen. Die Hauptrichtung ist darum g^eben 
durch den Fortschritt des Denkens selber, in den verschiedenen 
Zweigen, in denen es auf diese Sphäre Einfluß übt 

89. Am wichtigsten dafür ist sein zunehmender internationaler 
Charakter. Es wird in Zukunft einmal höchst problematisch er- 
scheinen, wie in so weitem Umfange, durch Vermischung mit den 
belletristischen Nationalliteraturen, der internationale Charakter wissen- 
schaftlicher Philosophie hat ausgelöscht werden können. Mehr 
und mehr wird erkennbar, daß es sich dabei nur um eine, für das 
Geistesleben der einzelnen Nationen mannigfach fruchtbare Unter- 
brechung gehandelt hat Philosophie ist von den Einzelwissen- 
schaften nicht trennbar. Diese aber sind auf die Kommunikation 
neuer Beobachtungen, neuer Erfindungen, neuer Methoden angewiesen, 
sie leben durch den Austausch von Gedanken. Die Psychologie 
wird besonders in den wichtigen Stücken, die durch Experimente 
und statistische Methode sich entwickeln, rasch zu einer internationalen 
Wissenschaft Die sogenannte Statistik, d. h. eine Masse von sozio- 
logischen Beobachtungen und Forschungen, die durch statistische 
Methode gefördert werden, ist längst als internationale Wissenschaft 
anerkannt Was die allgemeine Soziologie anbetrifft, so ist sie 
noch kaum konstituiert, im nationalen Universitätsbeh-iebe wenig in 
Geltung, aber schon ist ein internationales Institut, eine internationale 
Zeitschrift dafür ins Leben gerufen worden. Wenn aber Philosophie 
heute die Aufgabe hat, das psychologisch-biologische und das sozio- 
logische Wissen und Denken in ihrer Sammellinse zu vereinigen, 
so hat es offenbar keinen Sinn mehr, daß noch immer der Zufall 
nationalsprachlicher Abstammung für die Kenntnis der neueren Ge- 
dankensysteme entscheidender Faktor zu sein pflegt Der Vernunft 
ist ihr Anspruch wesentlich, allgemeine Geltung zu haben. 



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— 80 — 

90. Mächtig angeregt wird nun die Verständigung und das 
Zusammenwirken schon durch die Bedingungen und Mittel des 
heutigen Weltverkehrs. Die Vereinigten Staaten von Amerika, deren 
wissenschaftliche Eigentradition noch jung, sind zwar durch die 
Sprache, aber nicht durch nationale Vorurteile auf Beschränkung 
angewiesen, sie nehmen unbefangen aus allen Ländern die Akkumu- 
latoren der Qedankenkraft bei sich auf. Nicht viel anders die Kolonien 
des britischen Weltreiches, Japan u. a. Je mehr in der neuen Welt 
die innere Sammlung für tiefes Denken gewonnen wird, desto mehr 
hat Europa einen Rfickstrom junger Früchte zu erwarten. Studierende 
aus allen Weltteilen versammeln sich in den Hauptstädten der 
Wissenschaft, die Gelehrten der meisten Länder treten durch Reisen 
und Korrespondenzen wieder in lebhaftere Beziehungen. Wieder: 
denn noch im 1 7. Jahrhundert war dies, infolge des kosmopolitischen 
Wesens der Kirche und der lateinischen Sprache, trotz des überaus 
schwierigen Verkehrs, normaler Zustand gewesen. In modernem Stile 
bilden sich die Sammelpunkte, teils als periodische Druckschriften, 
teils als persönliche Kongresse aus; beide müssen auf Aus- 
gleichung immer stärker hinwirken. Es ist unvermeidlich, daß 
die Hemmnisse verschiedener Terminologie, besonders, sofern sie 
durch jene nationalen Einschränkungen bedingt waren, mehr und mehr 
zum Bewußtsein kommen, daß aber auch das Bedürfnis einer ge- 
meinsamen Sprache immer lebhafter sich geltend machen wird. 

91. Von den immer erneuten Versuchen, eine Weltsprache 
zu konstruieren, ist in früherem Zusammenhange geredet worden. 
Auch wurde angedeutet, daß sie zumeist in den Forderungen des 
Handelsverkehres ihre Antriebe haben. Hier aber ist nicht un- 
angemessen, daran zu erinnern, wie gerade das wissenschaftliche 
Bedürfnis ehemals in diesem Sinne gewirkt hat Von mehreren 
Versuchen und Plänen, die im 17. Jahrhundert Aufmerksamkeit auf 
sich zogen, ist keiner so merkwürdig und geistreich, wie das von 
unsäglicher Arbeitsmühe angefüllte Werk des Bischofs WILKINS. 
Sein Grundgedanke, so bedeutend, wie einfach, verdient in der Tat 
immer neue Erwägung, und eine gewisse Verwertung um so mehr, 
als er, ohne es selber zu wissen, nur verallgemeinert, was die 
Figuren- und Formelsprache der Mathematik längst dargeboten hat. 
Der Bischof will, für wissenschaftlichen Gebrauch, eine universelle 
Schriftsprache erfinden, d. h. ein Zeichensystem für »Begriffe 
und Dinge«, das zunächst geschrieben und nur akzidenteller Weise 
auch gesprochen zu werden bestimmt ist »Obschon es wahr ist«, 



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— 81 — 

bemerkt er, »daß die Menschen gesprochen haben, ehe sie schrieben, 
und daß folglich Schrift nur das Bild der Sprache, der Zeit nach 
also später ist; so ist doch in natürlicher Ordnung keine Priorität 
vorhanden .... Menschen, die je in ihrer Sprache fortfahren zu 
reden, können doch miteinander verkehren durch ein reales Schrift- 
zeichen (a real character)y das in allen Sprachen lesbar wäre«. Für 
jedes Ding, jeden Begriff, für grammatische Derivative und Flexionen 
hat er also ein Zeichen erfunden, und zwar stehen die ersteren so 
in Beziehung zu einander, daß sie dem Wesen (der Verwandtschaft 
usw.) der repräsentierten Dinge und B^^iffe entsprechen sollen. Er 
weiß wohl, daß dies eine richtige Theorie, eine universale Wissen- 
schaft zur Voraussetzung hat Gleichwohl wagt er es, den bei 
weitem größten Teil seines Folio-Bandes anzufüllen mit Tafeln, auf 
denen er alle wahrnehmbaren und denkbaren Gegenstände zu regi- 
strieren unternimmt. Vor ihm hatte auch DESCARTES die Idee 
einer Universalsprache entwickelt und gebilligt, worin gleichfalls 
alles, was in den menschlichen Geist eintreten könne, geordnet sein 
solle; »aber die Erfindung einer solchen Sprache hängt ab von der 
wahren Philosophie .... auf deren Basis würde sie allerdings 
dem Urteile so deutlich alle Dinge darstellen, daß es ihm fast un- 
möglich sein würde, sich zu täuschen, anstatt daß, ganz im Gegen- 
teile, die Worte, welche wir besitzen, gewissermaßen nur verworrene 
Bedeutungen haben, an die sich der menschliche Geist von langer 
Hand gewöhnt hat, infolgedessen er fast nichts auf vollkommene Art 
versteht. »Aber« — meint schließlich der große Denker — »eine 
solche Weltsprache hat große Veränderungen in der Ordnung 
der Dinge zur Voraussetzung; die ganze Welt müßte nichts sein 
als ein Paradies auf Erden, und so etwas darf man nur in 
Romanen der Einbildung zumuten«. Diese Idee war nicht dazu 
angetan, LEIBNIZ abzuschrecken, der immer, mit ahnungsvoller 
Unklarheit, solchen Weltgedanken nachging. So wollte er denn noch 
über WILKINS hinausschreiten, indem er meinte, für jede Idee ihre 
charakteristische Zahl auffinden zu können, so daß man alles 
Denken ebenso universell und sicher zu machen vermöchte, wie die 
einfache Arithmetik. Er dachte dabei an die Berechnung der Wahr- 
scheinlichkeit von Ereignissen, und folglich wohl auch an so etwas, 
wie heute in der Bevölkerungs- und Moralstatistik die Natalitäts-, 
Mortalitäts-, Nuptialitäts-, Kriminalitäts- usw. Ziffern bedeuten. 
Übrigens ist bekannt, wie in der Logik die Versuche einer graphi- 
schen Darstellung; wie auch einer mathematischen Behandlung von 

Tönnies, Philos. Terminologie. 5 



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— 82 — 

Baffen immer, wenn auch seither mit geringen Erfolgen, wieder- 
holt worden sind. 

92. Viele alte Vemunftentwfirfe, die noch vor einigen Jahr- 
zehnten ebenso als utopisch belächelt und weggeworfen wurden, 
wie noch jetzt die Idee einer solchen Weltsprache von vemfinftiger 
Skepsis abgewehrt wird, sind seitdem, wenn auch keineswegs voll ver- 
wirklicht, so doch in gewaltigem Fortschritte gefördert worden; 
man denke an den Weltpostverein, an das metrische System für 
Maß und Gewicht, an die lateinische Münzkonvention, an die mittel- 
europäische Zeit u. a. Überall handelt es sich um Beziehungen von 
Zeichen auf ein umfassenderes System, um Bestimmung von iMaB- 
Einheiten durch einen universelleren Willen. Im Angesichte dieser 
Tatsache darf man auf jene Träume, denen Denker von erstem 
Range anhingen, das Wort anwenden, das KANT von der plato- 
nischen Republik gebraucht: man würde besser tun, diesem Ge- 
danken mehr nachzugehen und ihn durch neue Bemühungen ins 
Licht zu stellen, als ihn, unter dem sehr elenden und schädlichen 
Vorwande der Untunlichkeit, als unnütz bei Seite zu stellen. 

93. In Wahrheit kann solche Idee höchst nützlich wirken, sie 
kann als ein ^Wegweiser dienen, wenn auch in unbekanntes Land, 
so doch in ersprießliche Richtung. Das Höchste muß gewollt, 
das Unmöglichscheinende muß versucht werden! Ein System von 
Begriffen ist denkbar, das alle möglichen Gedanken, soweit sie 
formalen Wert in philosophischen Urteilen haben können, in ihrer 
natürlichen Ordnung darstellt, ihre Verhältnisse zu einander, Ab- 
hängigkeiten, Verwandtschaften, Kontraste festsetzt, alle aber aus ein- 
fachen Elementen, von denen angenommen wird, daß sie dem 
gemein-menschlichen Bewußtsein angehören, entwickelt; für diese 
Elemente, die, wie das ganze System, in einer wirklichen Sprache, 
aber in einer so sehr als möglich universellen (wie der lateinischen) 
ausgedrückt werden sollten, ließen sich zugleich gewisse lineare 
Zeichnungen herstellen, so daß sich die komplexen Gedanken daraus 
zu geomeh-ischen Figuren zusammensetzen würden — ebenen, sphä- 
rischen und räumlichen. Diese Linien und Figuren würden den 
universellen Terminus zwar nicht ersetzen — denn diesen denken 
wir doch als sprachlich bezeichnet — aber auf eine leicht verständ- 
liche Art die Verhältnisse dieser Termini zu einander illustrieren; 
andere mathematische Zeichen wären daneben anwendbar. 

94. Gesetzt, z. B. man beschlösse, den Begriff der Cattsa dahin 
zu bestimmen, daß er ein besonderer Fall des logischen Verhältnisses 



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— 83 — 

eines Ganzen zu seinen Teilen würde, so könnte das Ganze durch 
ein Quadrat, die Teile durch eine beliebige Anzahl (z. B. 3) hinein- 
gezeichneter Quadrate mit gleichem Schwerpunkte symbolisiert werden; 
das besondere Verhältnis der Kausalität würde dann etwa durch 
Konstruktion der durch alle hindurchgehenden Diagonalen sich dar- 
stellen lassen. Hieraus mögen wir — argumenü gratia — den Be- 
griff der realen Möglichkeit entwickeln und durch ein hineinge- 
zeichnetes Kreuz differenzieren, den B^ff des Willens ferner durch 
eine um dieses Gesamtquadrat gezogene Kreislinie, den des sozialen 
Willens durch eine oder mehrere konzentrische Kreise mit größeren 
Durchmessern usw. Solche I>efinition und Konstruktion der Begriffe 
würde sie gleichsam zu Prototypen machen und von den losen 
Allgemein Vorstellungen, die in unendlicher Mannigfaltigkeit sonst 
mit den entsprechenden Wörtern verbunden werden, scharf abheben. 
Sie würde ein in jeder Sprache, in jedem Gedankensystem anwend- 
bares Gerät vorstellen, und dem Lernenden sie als feste Assoziationen 
einprägen, mit denen er an die Betrachtung und Analyse der Wirk- 
lichkeit gerüstet hinangehen würde. 

95. Für die Verwirklichung solcher Idee, die sich leicht weiter 
ausspinnen ließe, ist aber vor allem notwendig, daß eine Stelle 
vorhanden sei, die nicht allein sie auszubauen die Fähigkeit, sondern 
auch sie geltend zu machen die Autorität besäße. Solche Autorität 
kann niemals eine zwangsmäßige sein, wie die der politischen Gewalt, 
sie kann nur ihren Grund finden in ihren wirklichen Leistungen 
und in der diese anerkennenden allgemeinen Meinung. Nun fordert 
in jeder Hinsicht die wissenschaftliche Arbeit unserer Zeit, zumal 
die ungeheuren Arbeiten des Sammeins, Generalisierens, Registrierens 
— wozu denn auch die terminologische Klassierung und Etiket- 
tierung gehört — - fordert Beratung, Kooperation, Organisation. Die 
gegebene Form für eine solche gelehrte Körperschaft ist die Aka- 
demie. Was die nationalen Akademien für die Förderung der 
Naturwissenschaften leisten sollten und zum guten Teile gdeistet 
haben, das ist für die Geisteswissenschaften einer Internationalen 
Akademie als Aufgabe zu stellen. Jener lag das materielle prak- 
tische Interesse der Staatsmänner und Staatsbürger für die Entwick- 
lung des Handels und der Industrie zu gründe; Handel, Industrie 
und Wissenschaft verbunden haben die großen politischen Körper 
geschaffen, in denen die Nationen sich guten Teils eifersüchtig 
und feindlich gegenüberstehen. Diese internationale Akademie muß 
sich durch die Fülle und den Reichtum ihres Lebens von jenen, 

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— 84 — 

die von ihrer Geburt her etwas von einem toten, maschinenhaften 
Wesen an sich tragen, ebenso abheben, wie eine moderne Weltstadt 
von den steifen Ffirstenstädten des 18. Jahrhunderts. Jene waren 
Produkte des monarchischen Absolutismus und des militärischen 
Geistes; diese soll eine Schöpfung des demokratischen Relativismus 
(den wir als Kommunismus zu definieren freistellen) und des Geistes 
der friedlichen Arbeit sein. Ihrer Idee liegt das ideale praktische 
Interesse der Menschenerzieher und Weltbürger zu gründe, ein 
Interesse, das Psychologie und Soziologie zum Range der leitenden 
Organe in einem moralischen Körper erheben will, dem die ge- 
bildeten Nationen sich willig eingliedern und unterordnen werden. 
Diese Idee li^ nun, wie unter den Soziologen kaum ein nennens- 
werter bezweifeln kann, gleichsam in der Luft des Zeitalters. Sie 
ist die Oberstimme zu allen den Instrumenten, die im ökonomischen, 
im politischen und im geistigen Leben des Jahrhunderts g^eigt 
und geblasen werden. An der Wende eines neuen Jahrhunderts darf 
sie in diesem Konzerte vielleicht den Ton angeben. 

96. Eine solche Akademie soll in erster Linie eine Stätte für 
wissenschaftliche Forschung und Gedankenarbeit sein. Eben dadurch 
soll sie in zweiter Linie auch eine Stätte der Lehre sein. Nur 
nicht der Lehre als eines Mittels zur Ausbildung von Beamten oder 
zur Ausstattung wohlhabender Männer und Frauen mit dem Apparate 
unterrichteter Plauderei — sondern einer Lehre, die unmittelbar aus 
der Mitarbeit des Forschens und Denkens hervorgeht, die also in 
persönlichem Verkehr, im Einflüsse und Vorbilde der Meister ihre 
lebendigen Quellen habe, die nur den wahrhaft Wissensdurstigen 
zugänglich, auf diese aber auch intellektuell und moralisch befruch- 
tend wirken kann. Die Akademie ist nicht denkbar ohne eine ge- 
meinsame Sprache. Ob nun, wie wir schon vorausgesetzt haben, 
das Neulateinische darin seine Auferstehung feiern wird? Manche 
Gründe ließen sich anführen, um es wahrscheinlich, nicht wenige, 
um es wünschenswert zu machen. Völlig untergegangen ist es nie; 
unentbehrlich ist es noch in jeder technischen und wissenschaftlichen 
Terminologie, auch durch seine unbegrenzte Fähigkeit, die teils aus 
der Geschichte der Wissenschaft, teils aus neueren Bedürfnissen her- 
stammenden griechischen Wortformen sich anzubilden; überhaupt 
hat es eine lange Periode der Gestaltung für Zwecke eines mannig- 
fachen und verfeinerten Denkens durchgemacht; es hat dadurch eine 
gewisse Kühle und Nüchternheit gewonnen, die der Vernunft höchst 
angemessen ist; nur durch die archaisierende Philologie, daher nicht 



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— 85 — 

eigentlich als es selber, sondern als erneuertes Altlatein, hat es der 
Rhetorik dienstbar gemacht werden können; und auch diese An- 
wendung ist als bewußte dem Denken nicht so gefährlich, wie die 
unbewußte Rhetorik, die in jeder »lebenden« Sprache verborgen ist; 
endlich darf man sagen, daß die Tradition auch ihre Rechte hat, 
und daß jene tote Sprache jedenfalls als neutrale fiber allen Eifer- 
süchten der Nationen steht, mit deren Widerstand eine so erleuchtete 
und freie Tat, wie die B^^ndung dieser Akademie, allerdings wird 
rechnen müssen. Wenn wir in früherem Zusammenhange eine 
spontan sich bildende Herrschaft des Englischen als der Sprache 
kommerziellen und personlichen Weltverkehrs für wahrscheinlich er- 
klärten, so steht die hier gedachte Wiederaufnahme des Neulateinischen 
damit nicht in Widerspruch. So gut wie eine Umgangssprache und 
eine Schriftsprache, sehr verschieden von einander, oft zusammen 
bestehen, so könnten auch eine universelle Umgangs- und Schrift- 
sprache auf der einen, eine Schrift- und Qedankensprache auf der 
anderen Seite, ohne Reibungen neben einander hergehen. 

97. In dieser Schrift- und Qedankensprache, wie immer sie be- 
schaffen sei, wird das große philosophische System, werden ebenso 
die besonderen Corpora der Geisteswissenschaften, dargestellt werden 
müssen, deren Abfassung wir als das Werk unserer Akademie 
vorstellen, mögen auch viele sukzessive Generationen ihrer Mitglieder 
daran tätig sein. Modell-Begriffe auszuprägen genötigt, wird sie um 
die Ausdrücke dafür nicht verl^en sein, und das Wort LEIBNIZens 
endlich wahr machen, mit dem er auf die von LOCKE aufgezählten 
UnvoUkommenheiten der Natursprachen für wissenschaftliche Zwecke 
sich bezieht » Car ü dopend de nous^y sagt er, um zu b^^nden, 
daß jene Mängel ihren Bestand nur haben durch unsere Nachlässig- 
keit, T^de fixer les signißcations, au motns dans quelque langue 
savante, et d'en convenir pour ditruire cette tour de Babeh. 

98. Wem dies utopisch scheint, der werde an die Utopie des 
metrischen Systems für Maß und Gewicht nochmals erinnert und 
auf die ältere Literatur darüber aufmerksam gemacht, worin beklagt 
wird, daß der Wissenschaft nicht gegeben sei, die Macht des Her- 
kommens zu brechen, die nur Gewalt besiegen könne. Noch sind 
wenig mehr als 100 Jahre vergangen, seit die Pariser Akademie der 
Wissenschaften die Erdmessungen beendete, auf Grund derer die 
deponierten Mustermaße als Meter und Kilogramm zu gesetzlichen 
Einheiten für ganz Frankreich erhoben wurden, und schon seit 
etwa 30 Jahren ist auf Grund von Verträgen zwischen 17 Staaten ein 



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— Be- 
ständiges internationales Bureau für Maß und Gewicht ins Leben 
getreten. Wer nach dieser Analogie ein internationales Amt für 
psychologische und soziologische Begriffe denkt, wird ohne Zweifel 
bedeutet werden, daß er Unvergleichbares zusammenstelle; man wird 
vor allem den praktischen Wert nicht zugeben, wird darauf hin- 
weisen, daß die Triebkraft des Interesses solchen idealen Dingen 
immer fehlen werde. Wir haben selber darauf hingewiesen, daß 
die idealen Interessen von Fantasie, Kunst, Religion gleichsam 
mit Beschlag bel^ werden. Hier aber dürfen wir dagegen betonen, 
daß auch in dieser Hinsicht die Lebensbedingungen des gegen- 
wärtigen Zeitalters eine gewaltige Umwälzung deutlich vorbereiten. 
Die moderne Gesellschaft reckt ihre ungeheuren Glieder. Die soziale 
»Frage« err^ die Köpfe der Politiker und der Philosophen aller 
Länder. In einzelnen Problemen verdichtet sie sich, die schon als 
internationale anerkannt wurden: Kapital und Arbeit, Weltmonopole, 
Verbrechertum. Die Einrichtungen, Erfahrungen, Studien der ein- 
zelnen Länder ringen nach Verständigung miteinander. In der 
Richtung auf das zuletzt genannte Problem ist seit bald einem De- 
zennium die Internationale Kriminalistische Vereinigung — Union 
Internationale de Droit p^nal — in lebhafter Tätigkeii Über das 
Studium der Statistik, das für alle diese Probleme von so großer 
Wichtigkeit, ist noch ein Wort zu sagen. Statistik pflegt als be- 
sondere Wissenschaft zu gelten. Was aber heute unter ihrem Namen 
gedacht wird, ist nur die universell anwendbare numerische Methode; 
deren hauptsächliches Objekt ist — gemäß dem ursprünglichen Sinn 
des Wortes Statistik — Erforschung der Zustände und Veränderungen 
des sozialen Lebens, wofür man auch »empirische Sozialpsychologie« 
setzen kann. Ihre Wichtigkeit, ja Notwendigkeit ist von allen Staaten 
und von vielen Kommunalverbänden öffentlich anerkannt. Aber 
trotz und wegen dieser Anerkennung li^ sie noch im Banne der 
unmittelbaren adminishiativen Bedürfnisse, ja, ist dem tendenziösen 
Mißbrauche für R^erungs- und Parteizwecke ausgesetzt. Man kann 
sie mit dem Zustande der Astronomie vergleichen, jener Zeit, als 
die großen Herren Sternwarten bauten, um sich und ihren Frauen 
und Kindern das Horoskop stellen zu lassen. Dahinter lagen tiefere 
Interessen, die über solchen Zauber die Astronomie erhoben. So 
liegt auch hinter den Verl^enheiten von Ministem und Magistraten 
um »statistisches Material«, das Lebensinteresse der modernen Ge- 
sellschaft, sich zu erkennen, um sich zu beherrschen. Sie strebt 
nach Harmonisierung, Ausgleich, Frieden, aber es fehlt ihr an 



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— 87 — 

Organen; sie bedarf eines Ganglions, wäre es auch nur als eines 
Hemmungsmechanismus gegen den Wahnsinn und die Lügen leiden- 
schaftlicher Interessenkämpfe Hier, wie überall, kann nur aus viel- 
fachem Streben die Tätigkeit, aus vielfacher Tätigkeit das organische 
Gewebe sich bilden. Streben und Tätigkeit, eine universelle, echte 
Wissenschaft aus der »Statistik«, d.h. der Sozialbiologie und Sozial- 
psychologie zu gestalten, sind vorhanden und werden sich vermehren. 
Gesetzt aber, ein internationales Bureau für freie wissenschaftliche 
Statistik würde eingerichtet, und ein würdiger Nachfolger QUETELET's 
an dessen Spitze gestellt, wie hätte dies Wert und Folgen für philoso- 
phische B^jiffsbildung, also für Metaphysik und Ontologie, wie wir 
sie verstehen wollten? Dies ist nicht schwer zu erkennen. Die Statistik 
kann keinen Schritt tun, ohne alte Wortbegriffe zu dissoziieren, neue 
Gegenstände unterscheidend zu denken, also auch zu benennen. 
Ein Beispiel. Die amtliche Statistik hat in Frankreich, und nach 
diesem Vorbilde, im Deutschen Reiche, als notwendig erkannt, um 
die stärker agglomerierte Bevölkerung von der weniger agglome- 
rierten zu unterscheiden, Ortschaften von 2000 und mehr Einwohnern 
zusammenzufassen, gleichgültig dagegen, daß diese weder admini- 
strativ, noch dem Sprachgebrauche nach, eine Einheit bilden; weil 
aber in beiden Hinsichten allerdings ähnliche Unterscheidungen be- 
zeichnet sind, so paßt man diesen sich an, indem man die eine 
Gruppe »Stadt«, die andere »Landort» nennt. Würde diese einfache 
Norm allgemein durchgeführt, so wäre etwas gewonnen, was für 
wissenschaftliche Zwecke vorbildlich gelten kann. In allen Sprachen 
werden Stadt und Land unterschieden, zum Teil nur mit unbestimmter 
Größenvorstellung von Orten, zum Teil aber hat der Name Stadt 
positive, historische, d. h. rechtliche Begründung. Diese kreuzt sich 
mit dem Größenunterschiede. In neuerer Zeit ist die rechtliche 
Bedeutung des Stadtbegriffes stark zurückgetreten, die Unterschiede 
der Orte nach ihrer Volksmenge haben sich immer mehr davon 
abgelöst und zugleich sich immer stärker entwickelt. Für die Statistik 
haben diese Unterschiede elementares Interesse. Sie findet z. B., daß 
die stärker agglomerierten Bevölkerungen auch stärker zunehmen. 
Wenn sie dies, sei es am sprachgebräuchlichen oder am admini- 
strativen Gegensatze von Stadt und Land zeigen will, so muß sie 
stark agglomerierte Orte als Land, schwach agglomerierte als Städte 
registrieren — würde also ihrer eigenen Absicht entgegen handeln. 
Die Ergebnisse verschiedener Länder wären vollends unvergleichbar. 
Willkürliche, d.h. aber ihrem Zwecke bestens angepaßte Begriffsbildung 



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— se- 
ist unerlässlich. Der Name ist an sich gleichgültig; wenn aber der 
Name »Stadt« behalten wird und diese neue Prägung erhält, so 
können für diese Wahl wie für alles, was sich bestehenden Asso- 
ziationen anschmiß, gute Gründe geltend gemacht werden. Der 
B^jiff Stadt ist selber ein ontologischer in unserem Sinne. Von 
allen »Entitäten» bedürfen die sozialen am allermeisten solcher scharfen 
Bestimmung für wissenschaftliche Zwecke, zimial solche, wie Recht, 
Religion, hinter denen noch eine Entität, wie eine Seele hinter der 
Hirnschale, gesucht zu werden pflegt Daß aber die wissenschaftlich- 
amtliche Bestimmung psychologischer B^jiffe, denen die herge- 
brachten Namen Empfindung, Gefühl, Wille angemessen wären, 
minder zweckmäßig sei, als jene Abgrenzung von Phänomenen g^en 
einander, worauf die alten Namen Stadt und Land angewandt werden, 
wird sich nicht wahrscheinlich machen lassen. — Man kann mit 
Grund sagen, daß es sich hier um rein »äußerliche« Merkmale und 
B^jiffe handle. Allerdings; aber der W^ ins Innere geht immer 
durch das Äußere. Man muß die Grenzen eines Landes überschreiten, 
wenn man sein Klima, wenn man Land und Leute kennen lernen will. 
99. Vielleicht aber genügen diese Hinweisungen nicht, wenn 
man Vorschläge für unmittelbare praktische Beseitigung der vor- 
handenen Übel erwartet hat. Wir haben uns an das Thema ge- 
halten und nur die Richtungen gezeichnet, in die sich Hoffnungen 
begeben dürfen. Wir meinen auch allerdings, daß Erfahrung ge- 
nugsam lehrt: aus den Nöten und Strebungen des Lebens, aus dem 
Wachstum vorhandener Bildungen, aus den Wirkungen bedeutender 
Beispiele, muß der Fortschritt der Erkenntnis, mithin auch die Ver- 
vollkommnung ihrer Instrumente, hervorgehen. So wird auch in 
dieser Sphäre das alte Wort gelten: 

^Multi pertransibunt et augebttur scientia^. 



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— 89 — 



Additamente. 
i. 

(Auf Wunsch meines Freundes Dr. OSKAR VOGT schrieb ich im Jahre 1900 
ein Resumö diese Abhandlung, unter dem Titel »Tenninologische Anstöflec, 
gedruckt in der Zeitschrift fUr Hypnotismus Bd. X Heft 3, S. 121 — 130. Ich gebe 
den Artikel hier wieder, mit Ausnahme der zwei letzten Seiten, die zum gröflten 
Teil wörtlich aus dem Manuskript meines Traktates zitiert waren. Dieser Artikel 
hatte eine kurze, teils zustimmende, teils (in bezug auf das Neulatein als Welt- 
sprache) kritische Erörterung Über den Gegenstand von A. FOREL zur Folge 
(daselbst Heft 4). 

Wissenschaftliche Disputationen werden oft durch die Bemerkung 
unterbrochen: »das kommt auf einen bloßen Wortstreit hinaus«. 
Es wird dabei als Einverständnis vorausgesetzt; daß man über Worte 
nicht streiten wolle, wenn man über die Sache der gleiche^ 
Meinung sei. Es gilt nicht nur als töricht, über Worte zu streiten, 
sondern auch zumeist als vergeblich; denn man weiß oder fühlt 
doch: wenn einer einmal einen bestimmten »Begriff« mit einem 
Worte verbindet, so ist diese Verbindung nicht lacht lösbar; er ist 
keineswegs bereit oder geneigt, einen anderen B^ff an die Stelle 
h-eten zu lassen, oder für seinen Begriff ein anderes Wort als be- 
zeichnend gelten zu lassen. 

Man darf auf allgemeine Zustimmung rechnen, wenn man sagt: 
ein klarer Streit über Wirkliches kann sich erst eigeben, nachdem 
alle Wortstreitigkeiten ausgeschieden sind — am besten, wenn diese 
ganz unmöglich wären, wenn jede Gefahr eines Mißverständnisses 
ausgeschlossen wäre. Dann würde jeder durch Worte ausdrücken, 
was er gedacht hat, der Hörende würde diese Gedanken richtig re- 
produzieren und mit seinen eigenen »Ansichten« derselben Sache 
vergleichen können, wenn er solche hat Man würde sich verstehen 
— was im deutschen Sprachgebrauche oft schon so viel heißt 
als »übereinstimmen«, während es hier nur als die Voraussetzung 
dafür betrachtet wird, daß man Nicht-Übereinstimmung konstatiere. 
Die eine Übereinstimmung ist dafür notwendig: Übereinstimmung 
über die Bedeutung der Wörter. Und eben darum gilt der Streit 
»um Wörter« für töricht, weil man denkt, daß es unvernünftig 



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— 90 — 

sei »an den Wörtern zu kleben«, sie zu »klauben«; denn es müsse 
dem Vernünftigen gieichgiltig sein, ob er etwas so oder so benenne, 
ob ein Wort in dieser oder jener Bedeutung gebraucht werde. Es 
scheint leicht und einfach, sich über die Zeichen einig zu werden, 
wenn man nur wisse, was man bezeichnen will — in diesem Ge- 
biete, wie in jedem anderen, wo einer zu seinem eigenen (indivi- 
duellen) Gebrauche sich ein Zeichen »macht« oder mehrere zu ge- 
meinsamem Gebrauche darüber eine Verabredung treffen, d. h. eine 
Art von Vertrag schließen, wodurch sich jeder verpflichtet, das 
Zeichen anzuerkennen, d. h. es in einem bestimmten Sinne anzu- 
wenden und in einem bestimmten Sinne zu empfangen oder zu 
»verstehen«. 

Gegenüber diesem Bedürfnisse nach künstlichen Zeichen 
mit genau bestimmter Bedeutung besitzen wir nun aber in den 
Sprachen — und am meisten jeder in seiner »Muttersprache« — 
Systeme von natürlichen Zeichen mit vielfach unbestimmten, 
mehr gefühlten als klar und deutlich unterschiedenen Bedeutungen. 
Freilich wir verstehen einander im Allgemeinen genugsam für Zwecke 
des täglichen Lebens — daher besonders soweit es Gefühl und 
Wollen zu erregen gilt (aber auch nur im Allgemeinen: denn wie 
viel Feindschaft entsteht durch eigentliche und wörtliche Mißver- 
ständnisse!). Wenn es aber um wissenschaftliches Denken sich 
handelt, so ist von jeher für notwendig oder wenigstens für erwünscht 
gehalten worden, »die B^jiffe zu definieren«, d.h. zu erklären, in 
welcher Bedeutung man besondere Wörter anwenden wolle — ob 
dies Versprechen auch gehalten wird, bleibt dabei immer noch 
zweifelhaft. Nach der Absicht des Lehrers oder Schriftstellers li^ 
darin ein bedingtes Geheiß an den Schüler oder Leser: »wenn 
du mich richtig verstehen willst, so mußt du diese Wörter in 
diesem bestimmten Sinne verstehen, d. h. bei jedesmaligem Vor- 
kommen die Gleichung, die ihren Wert ausdrückt (d. i. meine De- 
finition), dir ins Gedächtnis zurückrufen«. Wer danach, um dieses 
ausschließlichen Zweckes willen (den Autor zu verstehen), sich 
richtet, erklärt damit nicht zugleich, auch seinerseits die Wörter 
in jenem Sinne gebrauchen zu wollen. Will und tut er dies, so 
geht er gleichsam eine terminologische Konvention mit dem 
Urheber jener Definitionen ein. Auf diese Weise können sich viele 
kleine Sprach-Inseln bilden — in der Philosophie als Sekten oder 
Schulen bekannt — deren Bewohner jenseits ihrer Grenzen von 
Niemandem verstanden werden, während sie unter sich die Wertzeichen 



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— 91 — 

ihrer Begriffe als vollgültig geben und empfangen. In diesem Sinne 
ist vor 60 und 70 Jahren der »H^;el-Jargon« berufen gewesen. 
Hieraus kann sich zunächst ein Zustand ergeben, dem ähnlich, der 
zwischen verschiedenen wirklichen Sprachen besteht Man kann 
aus einer Sprache in die andere übersetzen — aber man weiß 
auch, daß dies immer mangelhaft bleibt, zuweilen so gut wie un- 
möglich ist: manche Ausdrücke und Wendungen sind »unübersetz- 
bar«, warum? Weil das eine Volk kein Wort für die entsprechende 
»Sache« besitzt, und es besitzt kein solches Wort, weil es die »Sache« 
nicht kennt, d. h. aber (da es hierbei zumeist nicht um materielle 
Dinge sich handelt), w^il es kein Bedürfnis fühlte, einen gewissen 
Komplex von Vorstellungen und Gefühlen durch einen Namen zu 
»begreifen«. Dies zeigt sich besonders in dem Mehr oder Minder 
von Unterscheidung: was man nicht unterscheidet, das sieht man 
nicht, und auch jede Kombination oder Synthese muß als etwas 
Unterschiedenes und Besonderes vorgestellt werden^ um für ein Sub- 
jekt überhaupt »da zu sein«. So in der Philosophie. Man verlachte 
im 17. Jahrhundert die quidditas der Skotisten als sinnlos; für 
diese — in ihrem Systeme — hatte das Wort aber eine ganz be- 
stimmte Bedeutung. Im 17. Jahrhundert hatte man das Bedürfnis 
nicht mehr (oder so viel weniger), diesen Sinn zu unterscheiden, d. h. zu 
denken, man hatte sein Interesse in eine andere Richtung gewandt. 
Voraussetzung für das Bedürfnis einer gemeinsamen Aus- 
drucksweise ist ein gemeinsames Interesse und ein darin wurzelndes 
gemeinsames Denken. Nur insoweit als dieses vorhanden, ist es 
verhältnismäßig einfach und leicht, sich über die Ausdrücke »zu 
verständigen <<(. Dies »gemeinsame Denken« bedeutet nicht so viel 
als »gleiches Meinen« oder »übereinstimmendes Urteilen« — im 
Gegenteil, es soll ja auch die Basis dafür bieten, daß man über die 
wirklichen Differenzen des Meinens und Urteilens zur Klarheit 
also zur Verständigung gelange. Es bedeutet aber, daß man die- 
selben Gegenstände des Denkens erkennen und anerkennen, oder 

— in komplizierteren Fällen, daß man die Probleme, die Streit- 
fragen selber, in gleichem Sinne verstehe. 

Davon sind wir nun auf keinem Gebiete so weit entfernt, wie 
auf dem der Psychologie und dem mit ihr — wie ich behaupte 

— ganz und gar verwachsenen der Soziologie; eben darum aber 
auch in der »eigentlichen« Philosophie, denn diese ist — möge 
man sie als Logik, als Metaphysik oder als Erkenntnistheorie ver- 
stehen — nichts ohne psychologische Fundamente. 



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— 92 — 

Besser mfiBte es damit stehen, wenn das Bedürfnis der Ver- 
ständigung und also eines gemeinsamen, gleichartigen Denkens all- 
gemein empfunden wäre. Das ist eben nicht einmal zwischen den 
Teilhabern an derselben Sprache der Fall; geschweige denn zwischen 
verschiedenen Sprachgebieten, von denen jedes seine eigene gelehrte 
Sprache ausgebildet hat, seitdem die alte Odehrtensprache — das 
Neulateinische — in Verfall geraten ist Und in keinem ist diese 
gelehrte Sprache scharf geschieden von der Sprache des täglichen 
Lebens. Ja, es wird nicht nur für ein Verdienst gehalten, sondern 
sogar ziemlich ungestüm gefordert, daß wissenschaftliche Werke 
gerade auf diesen Gebieten »gemeinverständlich« sein sollen; die 
populären (exoterischen) und die strengen (esoterischen) Darstellungen 
derselben O^enstände werden nicht auseinandergehalten. Und doch 
ist eine Wissenschaft nicht möglich ohne Begriffe, d. h. ohne scharf 
b^jenzte Denkobjekte; dag^en hat die Sprache des täglichen Lebens 
solches Bedürfnis gamicht: sie ist zwar sehr reich in der Bezeichnung 
psychischer Wirklichkeiten; aber es sind immer nur die Gefühle, 
Empfindungen usw. dieser bestimmten redenden Menschen, die sie 
ausdrücken und wohl auch beschreiben will, aber nicht Gefühle und 
Empfindungen an und für sich, die als bei allen Menschen oder 
sogar Tieren vorhanden gedacht werden müssen. Da sie immer 
hauptsächlich auf die Fantasie wirken will, so hilft sich die Sprache 
des Lebens mit metaphorischen Ausdrücken; und diese gehen in 
die wissenschaftliche Sprache über, ohne in ihrer Ungenauigkeit er- 
kannt zu werden. Innerhalb dieser wissenschaftlichen Sprache werden 
zwar immer neue Versuche gemacht, die Wortbedeutungen zu fixieren. 
Damit verbindet sich aber allzuoft der Irrtum, als wäre dies ebenso- 
viel als das Wesen der Sache »erklären«. Es wird verkannt, daß 
Begriffe unter allen Umständen psychische Gebilde sind, die von den 
Sachen verschieden, diese nur repräsentieren, auch wenn die Sachen 
selber psychische Tatsachen und Gebilde sind; femer, daß es zwei 
Gattungen von Baffen gibt, die in der Logik wohl als analytische 
und synthetische unterschieden werden, die aber auch empirische 
und rationale heißen können: jene erwachsen unmittelbar aus den 
Vorstellungen, d. h. aus Erinnerungen, sie sind nur Allgemein-Vor- 
stellungen, daher je weiter, desto ärmer an Merkmalen, also an Inhalt 
Diese, die wohl auch unter dem Namen der »Idee« oder des »Typus« 
auftreten, sind reinere Gebilde des Denkens; ihnen wird der Reich- 
tum eines individuellen Objekts g^eben, das die Allgemein-Vor- 
stellung oder den empirischen Begriff repräsentiert, wie dieser die 



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— 93 — 

Menge der einzelnen Vorstellungen, aus denen er »abgezogen« ist. 
Die Gattung (B) verhält sich zur Gattung (A) wie in einem speziellen 
(alltäglichen) Gebiete ein Maßstab zur bloßen Allgemein- Vorstellung 
eines Längenmaßes. Der Armut an Merkmalen entspricht hier der 
Mangel eines materiellen Substrats; ohne dieses ist nur eine Schätzung 
möglich, z. B. nach der durchschnittlichen Länge eines männlichen 
Fußes (welche Vorstellung auf einer unbestimmten Menge von er- 
fahrungsmäßig bekannten Füßen beruht). Eine eigentliche Messung 
geschieht schon, wenn ich meinen individuellen Fuß als Maßstab 
gebrauche; was aber durch die Messung in der R^el erreicht werden 
soll, wird erst möglich, wenn eine bestimmte Länge, an einem 
bleibenden individuellen Gegenstande verifizierbar und korrigierbar, 
soziale Gültigkeit als Maß-Länge erworben hat, z. B. der rheinische 
Fuß, von dem ein Modell aufbewahrt wird. Und eine neue Aufgabe 
ist sodann, ein allgemein giltiges Längenmaß mit den Maßen 
anderer Größen in ein System zu bringen. 

In der Psychologie werden, soviel ich sehe, die beiden Gattungen 
von Begriffen noch nicht gehörig unterschieden; und soweit als 
eigentliche Begriffe zur Anwendung gelangen, kommen sie über das 
Stadium der individuellen Füße nicht hinaus, oder kommen höchstens 
dem in einer Landschaft, einem kleinen Verkehrsgebiete giltigen 
Maßstabe gleich. Oder, wie EUCKEN in seiner trefflichen, grund- 
l^enden »Geschichte der philosophischen Terminologie« vor 25 Jahren 
mit einem anderen Gleichnisse sich ausdrückte, die Kunstausdrücke 
(der philosophischen Schulen) sind wie Scheidemünze: sie haben 
keinen Kurs außerhalb ihres engen Bezirkes. EUCKEN hat, wenn 
ich nicht irre, kein besonderes Gewicht darauf gelegt, die Begriffe 
von ihren Ausdrücken zu unterscheiden; wohl aber hebt er selbst 
hervor, daß es immer verschiedene Denkweisen sind, die in den 
verschiedenen Terminologien sich reflektieren. Und ich meine, daß 
jeder wissenschaftlich Denkende hierüber zur Klarheit kommen sollte, 
daß es zweierlei ist: Begriffe bilden und sie benennend Und 
darüber, daß es vor allen Dingen wichtig ist, in Betreff des Wesens 
und Inhaltes der notwendigen und zweckmäßigen Begriffe sich zu 



1 Vor sprachlichen Ungeheuern schreckt die Chemie nicht zurück — und 
tut ihrer Popularität dadurch keinen Eintrag — , wenn sie den Ursprung neuer 
Synthesen m Kunstwörtern anzudeuten sucht, die die Länge einer ganzen Zeile 
gewinnen. Sie ist aber durch ihr vorzügliches Buchstaben- und Ziffern -Sjrstem 
immer in der Lage , die kompliziertesten Namen im gewöhnlichen Gebrauch ent- 
behrlich zu machen. 



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— 94 — 

einigen. Da kommen zu den Begriffen der Wirklichkeit die rein 
logischen Hülfsbegriffe hinzu, die auf psychologische gleichermaßen 
wie auf materielle Gegenstände Anwendung finden. Die Bearbeitung 
und Feststellung dieser Begriffe — wie notwendig und zufallig, 
möglich und wahrscheinlich, Ursache und Wirkung, Zweck und 
Mittel — war es eigentlich, die unter den alten Namen der Meta- 
physik oder »ersten Philosophie« oder Ontologie gesucht wurde, 
und jetzt in der »Erkenntnistheorie« ein neues Obdach gefunden 
hat, nachdem jene Namen — hauptsächlich durch ihre Verbindung mit 
theologischen Vorstellungen — in Verruf geraten sind. Hier liegen 
nun die Kunstausdrficke selber in jeder Sprache fest, und wegen 
ihrer Übersetzung aus einer Sprache in die andere kann kaum ein 
Zweifel entstehen. Um so mehr wird eine übereinstimmende und 
genaue Fixierung ihres Inhalts vermißt; um so weniger wird erkannt, 
daß es nicht darauf ankommt, zu entdecken, was sie etwa in irgend 
welchem Sprachgebrauch tatsächlich bedeuten, sondern zu statuieren, 
was sie, um für einen bestimmten wissenschaftlichen Gebrauch tauglich 
zu sein, bedeuten sollen. Und daß die Begriffe für mannigfachen 
Gebrauch modifiziert werden müssen, welche Modifikationen denn 
auch durch differenzierte Ausdrücke unterschieden werden müssen. 
Nächst EUCKEN, der nur in einem Artikel des »Monist«^ das 
Thema wieder aufgenommen hat, ist es englische Frau, Viktoria 
Lady WELBV, der das Verdienst zukommt, mit großer Energie, ja 
mit einer edlen Leidenschaft, das Mißliche der bestehenden Zustände 
dargestellt und auf einen vernünftigen »sinnreichen« Gebrauch der 
Sprache zu Zwecken der Erkenntnis gedrungen zu haben. Sie 
möchte eine eigene Disziplin b^jünden und das Verständnis dafür 
schon durch den Schul-Unterricht anbahnen, die sie früher »Sensißcs«, 
das Studium des Sinnes, nannte, nämlich des Sinnes, den Wörter 
überhaupt haben können und den sie haben sollten; daraus müsse 
methodisch erlernt werden, wie ein Gedanke am treffendsten, am 
zweckmäßigsten und am schönsten ausgedrückt werde. »Denn in 
der Regel finden diejenigen, die am meisten zu sagen haben, es 
nicht am leichtesten, es zu sagen. Im Gegenteil, die größten Geister 
sind es oft, die am meisten sich beklagen über die Unzulänglichkeit 
von Worten, ihr ganzes Denken auf angenemessene Art auszudrücken, 

1 PhüosopHcal ierminohgy: expository and appellatory, Monist VI, 497 fif. 
0iiiy 1896). Als ich die Preisschrift verfeiflte, war mir diese Abhandlung unbe- 
kannt. Auch wußte ich damals von Lady Welby's Bemühungen nichts, und der 
Ursprung der Preisaufgabe war mir fremd. 



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— 95 — 

und über das Versagen des gewöhnlichen Lesers ihnen zu folgen, 
selbst wo Worte ihnen in zureichender Weise gedient haben« \ 
Lady WELBY hat, außerdem, daß sie diese allgemeinen Anregungen 
g^dDen, noch in mehreren kleinen Broschüren »Zeugnisse« wissen- 
schaftlicher Autoren (hauptsächlich englischer) gesammelt, die den 
Zustand der Terminologie, sogar in der Naturwissenschaft, wo man 
das Übel viel weniger vermutet, zwar nicht systematisch, aber durch 
die Vielstimmigkeit um so beredter, darlegen. Die einleitenden 
Worte, die sie zu diesen » Wttnesses ofAmbiguity<!^ (in Philosophie 
und Psychologie) ^ geschrieben hat, sind durchaus wert, hier (in Über- 
setzung) wiederholt und allen, die für die Bedeutung der Sache 
Verständnis haben, ans Herz gelegt zu werden. Sie lauten nämlich: 
»Die folgenden Eingeständnisse einer irreführenden oder lähmenden 
Zweideutigkeit und Vieldeutigkeit des Ausdruckes (wo sie oft am 
wenigsten vermutet werden und am meisten Schaden tun) sind nur 
Beispiele, ausgelesen aus einer viel größeren Anzahl, und diese 
wiederum sind nur ein Zehntel von dem, was mit Leichtigkeit ge- 
sammelt werden könnte in anerkannten und weitverbreiteten Werken 
der modernen Literatur; man wird sehen, daß die Fälle aus den ver- 
schiedensten Quellen geschöpft sind. Der Zweck dieser Sammlung 
ist, dazu zu helfen, daß ein Mißstand bekannt werde, der beständig 
ignoriert und zuweilen sogar geleugnet wird; der aber eine Haupt- 
ursache der vielfachen Unfruchtbarkeit umlaufender Erörterungen, 
der Verwirrung in Sachen von dringender Wichtigkeit, der Hoff- 
nungslosigkeit in bezug auf die Möglichkeit ist, zu einer wirklichen 
Lösung von »Rätseln« zu gelangen, denen vielleicht nur ein Über- 
lebsel oder ein Wechsel von Wortbedeutungen zu gründe liegt, die 
als solche nicht erkannt worden sind. — Sicherlich, so lange wir 
uns nicht bewußt werden, wie viel Unklarheit und sogar erbitterter 
Streit wenigstens teilweise auf diese Ursache zurückgeführt werden 
kann, so lange dürfen wir nicht hoffen, daß es besser damit werde. 
Und ob es besser werden kann oder nicht, es muß ein Gewinn 
sein, zu wissen, wie es damit steht Zur Hälfte liegt das Übel 



1 V. Welby, Grains of Sense. London 1897. XI u. 146 S. Ein so geist- 
reiches und unterhaltendes, als ernsthaftes und unterrichtendes Büchlein. Neuer- 
dings zieht die Autorin den Ausdruck Signißcs vor, und will das Studium der 
Zeichen schlechthin, und ihrer Werte, zu einer pädagogischen und ethischen Be- 
deutung erheben. Besser dürfte ein dem Griechischen entlehnter Name, etwa 
Semantik, dieser Idee sich anpassen. 

2 Grantham 1891, W. Clarke. 



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— 96 — 

gerade daran, daß man allgemein annimmt, »selbstverständlich« be- 
deute das Wort x die Sache y, und daß weiter nichts darüber zu 
sagen sei.« — Systematisch hat sodann Lady WELBY ihre Gedanken 
über »Sinn, Bedeutung und Auslegung« in 2 Artikeln des ^Mind<^ 
1896 entwickelt, und hieran anknüpfend erhob der französische 
Philosoph Andr6 LALANDE in der Revue de Mdtaphysique et de 
Morale 1897 seine Stimme \ um zur Herbeiführung eines »Reiches 
der Ordnung« in den philosophischen Studien mitzuwirken. Er 
plädiert für eine »philosophische Gesellschaft«, die sich dieses Ziel 
ausdrücklich setzen solle; durch sie meint er auf die »philosophische 
Propädeutik« in den Gymnasien — LALANDE war Professor 
am bekannten Lycee Michdet — wirken zu können: »sie allein 
kann die genügende Autorität besitzen, so lange wir nicht einen 
Minister haben, der selber Philosoph und Schulmeister wäre, um 
Ordnung in ein Gebiet zu bringen, das tatsächlich ein Chaos dar- 
stelH«2. 



^ •Le langage phUosopkique et Punite de philosophier^ 1. c. S. 566 — 588. 

^ (Zusatz 1906.) Von Herrn LALANDE ist das Thema femer behandelt 
worden in einem Vortrage auf dem internationalen philosophischen Kongrefi 
(Paris 1900) »Sur la criHque et laßxation du langage philosophiquer (abgedruckt 
in der Bibliotheque du Congres intern, de philos, I »Philosophie generale*). Er be- 
zieht sich darin auch auf meine Arbeit, die ihm in der englischen Übersetzung 
bekannt geworden ist, und gibt sehr gute Beispiele philosophischer Mehrdeutig- 
keiten an den Worten «Evolutionc und »Naturc. Die frühere Anregung wird 
dahin erweitert, dafi jede Nation ihren philosophisch-terminologischen Verein haben, 
Und dafi diese Vereine in bestandigem Verkehr miteinander stehen sollten. Auch 
die Schrift des Dott. Giovanni VAILATI : »Alcune osservazioni sulle questiom dt 
Parole nella storia della scienza e della cultura* (Torino 1899) lernte ich erst 
kennen, nachdem die obigen Mitteilungen publiziert waren. Diese am 12. Dez. 1898 
gehaltene Vorlesung berührt sich in mehreren Punkten (ohne dafi wir von einander 
wissen konnten) mit meinen hier vorliegenden Ausftlhrungen. 



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— 97 



IL 

Nachdem die Preisschrift in englischer Übersetzung, die mit 
Kenntnis und Sorgfalt Mrs. BOSANQUET verfaßt hatte, im >Mind<^ 
gedruckt worden, erschienen in derselben Zeitschrift: Notes on the 
WelbyPrice Essay (Vol. X No. 38 S. 188—204) von V. WELBY, 
der schon genannten Urheberin des Preises. Diese Anmerkungen 
folgen dem Gedankengange meines Werkchens mit sehr dankens- 
werter Aufmerksamkeit lind vieler Anerkennung. Jedoch verhehlt 
die Verfasserin in mehreren Punkten ihre Zweifel und abweichenden 
Ansichten nicht Ihre Qfite gab sich aber auch darin kund, daß sie 
dem Verfasser das Manuskript dieser Anmerkungen fibersandte, um 
ihm für eine Entgegnung Raum zu gewähren. Diese kurze Enig^- 
nung wurde in englischer Sprache geschrieben, sie schließt sich an 
der bezeichneten Stelle S. 204 — 209 an. Sie wird hier im deutschen 
Texte wiederg^eben; es wird daraus zugleich ersichtlich sein, 
welchen Inhalt Lady WELBY's Einwendungen hatten. Nachdem 
mein schuldiger Dank abgestattet worden, lautet die Entgegnung wie 
folgt: 

Die Verfasserin der »Anmerkungen« geht geradeswegs auf die 
praktische Seite des O^enstandes. Ihr leitender Gedanke ist Be- 
freiung von überkommenen Formen des Ausdruckes, sofern sie dem 
eigentlichen Zwecke, für den sie bestimmt waren, nicht mehr ange- 
messen sind. In dieser Allgemeinheit schien mir der Gedanke nicht 
unmittelbar zu der Frage der philosophischen und psychologischen 
Terminologie zu gehören. Ich anerkenne aber durchaus, daß er 
mit dieser Frage einen bedeutenden Zusammenhang hat Der Über- 
gang von dem Bedürfnis, das technische Idiom des Denkens zu ver- 
bessern, zu dem allgemeineren Bedürfnis, die Sprache der Unter- 
haltung und der Literatur vollkommener zu machen, ist allerdings 
unvermeidlich, so lange als jene als Teil einer empirisch gegebenen 
und »lebenden Sprache« beh-achtet wird. Indessen kann doch (z. B.) 
die Sprache der Chemie von allen Einflüssen der gewöhnlichen 
Redeweise sich frei erhalten; denn da die gewöhnliche Rede alle ihre 
chemischen Kenntnisse und Ausdrücke von der wissenschaftlichen 
Chemie entlehnt, so empfängt sie fast nur und gibt sehr wenig. 

Tönnies, Philos. Terminologie. 7 



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— 98 — 

Anders ist es mit Psychologie und Metaphysik. Das tägliche Ge- 
spräch gebildeter Menschen, und die allgemeine Literatur, sind voll 
von psychologischen und metaphysischen B^jiffen, die — wenig- 
stens auf bewußte Weise t— nicht aus irgendwelchem philosophischen 
System bezogen sind, sondern den Anspruch erheben, in der Natur 
oder im gesunden Menschenverstand, oder — in der Sprache selber 
begründet zu sein. So lange daher als die philosophische Sprache 
nicht scharf abg^jenzt ist g^en die allgemeine Sprache — m. a. W. 
so lange als Autoren Wörter dieser allgemeinen Sprache ohne weiteres 
in philosophischen Gebrauch nehmen, als ob sie jedenfalls richtig 
verstanden werden müßten von jedem, der diese Sprache kenne — 
so lange werden die Verworrenheiten und Unklarheiten dieser all- 
gemeinen Sprache auch femer in die philosophischen Systeme sich 
hineinschleichen. Und folglich wird, wenn man die Philosophen 
auffordert, strenger und auf weniger mißverständliche Art sich aus* 
zudrücken, diese Aufforderung so gut wie erfolglos sein, es sei denn, 
daß eine allgemeine R^d durchgesetzt werden könnte, wonach man 
in allen Dingen auf strengere, unmißverständlichere, weniger zwei- 
deutige Art sich ausdrücken würde. Es wäre allerdings ein vor- 
züglicher G^enstand für eine besondere Untersuchung — die in 
ihrer Tragweite mehr soziologisch als individualpsychologisch oder 
sprachwissenschaftlich wäre — , die Quellen lockerer und leichtfertiger 
Redeweise und daraus folgender beständiger oder häufiger Mißver- 
ständnisse zu erforschen. Hier möge nur soviel darüber gesagt 
werden: alle Arten von Mißverständnis, möge der Redende sie 
wohl gar beabsichtigt haben oder nicht, sind, wenn dauernd in den 
Seelen wirksam werdend, Symptome einer tiefgewiu^zelten Verderbnis 
des menschlichen Zusammenld>ens. 

^Et la pdle famine et la peste effroydble 
N'ägcUent point les maux et les troubtes divers, 
Que les mal-entendiis sdment dans l*univers.<^ (Boursatüt) 
Und freilich werden sie (die Mißverständnisse), wie alles schädliche, 
verschlimmert dadurch, daß die Absicht darauf gerichtet ist, Übel 
zu bewirken, indem nämlich Worte und Redewendungen zu dem 
Zwecke gebraudit werden, »die Gedanken zu verbergen«, oder 
wenigstens mit dem Wunsche und der Hoffnung, daß sie in einem 
gewissen Sinne, der den Zwecken des Redendoi gemäß ist, aufge- 
nommen und verstanden werden, obgleich er sdber das nidit eigent^ 
lieh »sagen« oder »gesagt h2d>en« will, d. h. wie in diesem Ftdle 
ganz dgentiich zu vetstehen, von aller Verantwortung sich freihält — 



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— 99 — 

Ntm versteht sich frdHch von selbst, daß jeder Versuch, die Sprache 
zti verbessern^ voraussetzt, daß wir ernstlich gewillt sind, uns ver- 
standen zu machen und einander zu verstdien, airf so vollkommene 
Art wie möglich. Daher geben uns hier nur die auf beiden Seiten 
unfreiwilligen Mißverständnisse an. Und da ist es denn durchaus 
richtig und verdienstlich» wenn Lady WELBY nacbdriicklidi betont, 
daß sdir viel mdir getan werden könnte und getan werden soIHe, 
um Mißverständnisse zu vermeiden — K dadurch» daß alle Weisen 
des Ausdruckes entwickelt und organisiert würden; 2. dadurch, daß 
wir uns selber, und besonders dadurch, daß wir die Jugend dazu 
erddien, diese Weisen sorgfältig zu deuten, die verschiedenen Arten 
von »Sinn, Meinung, Bedeutung« [Lady WELBY's Trias: senss, 
meaning, significance^ sidte unten} zu unterscheiden» um die Ge- 
fahren zu vermeklen, die in aller Bilderspracbe und in rlMtorischen 
Figuren verborgen sind. Ich bekenne, daß es mir, ehe ich mit den 
Ideen und Bestrdwngen Lady WELBY's bekannt wurde, nicht kbu- 
g^eworden ist, welches weite Fdd sich hier gerade der pädagogischen 
Reform eröffnet. 

Ich betrachte es ebenso als eine reelle Bereicherung meiner 
Gedanken über die Gültigkeit des Wortsinnes» was Lady WELBY 
über die Madit des Zusammenhanges (des Kontextes) über einzelne 
Worte und — umgdcehrter Weise — leitender Worte über die Be- 
deutung vieler Worte bemerkt hat, von denen manche, wie sie sich 
ausdrückt» »nur einen gewissen Kern von Bedeutui^ haben, von 
dem ihre Wert-Schwankungen ausgehen müssen«. Und es ist 
durchaus wahr, was sie hinzufügt» daß die gescturiebene Sprache, wie 
sie ist (im Englischen vidieidtt mehr als sonst), beinahe aller der 
HuKsmittel en&ehrt, um seinen »Sinn« verstanden zu machen,, die 
eine gesprochene Sprache besitzt, und daß hier ein weites Fdd 
für doi Anbau offen li^ EMe Verfasserin gd^ hier vorüber an 
der Frage der Interpunktion, die ja ihrem Ursprünge nach em 
Mittd (wenn auch nur em ziemlich armsdiges) ist, um die Weise 
amuzdgen, in der ein Schriftsteller seine Sätze gdesen haben will 
Wie wenig ist geschehen» um dieses Mittd aus sdmer Kindheit 
heraus zu entwickeln! Sogar »t die Anwendung dieses schwachen 
Gerätes kdneswegs gerq^lt; nach Herkommen ist sie verschieden 
in verschiedmen ^iractien; so da^ um eine fremde Spradie richk^ 
zu lesen» wir zwar, wenn es eine ^rach« (n»erer westlichen Kuttur 
ist, nkht nötig haben», dn nenes AJphaibef^ wohl aber nötig tedoen, 
eine nene Interpimhtion zu erlemen» wenn: wir nicht vorzidien» wie 

7* 



^7J.^;»Qi 



o / -i Job ^ , 

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— 100 — 

es wahrscheinlich die meisten Leute tun, uns ihres Gebrauches gänz- 
lich zu entschlagen. Alles dies betrifft indessen den Sinn und die 
Bedeutung von Sätzen, ganzen Perioden oder, wie Lady WELBY 
sagt, eines Textes, also nur auf indirekte Art den Sinn der einzelnen 
Worte. Die kritischen Bemerkungen kommen aber auf dies eigent- 
liche Thema zurück, indem sie die gesetzgeberische Wirkung 
der Wissenschaft anzweifeln. Ich habe in dieser Hinsicht ein Ideal und 
nicht die Wirklichkeit vorstellen wollen, die aber wenigstens in 
einigen der Naturwissenschaften, z. B. in der Astronomie und in der 
Chemie, dem, was man ein Muster nennen kann, ziemlich nahe 
kommt Was Synonyme betrifft, so glaube ich, es darf nach 
deutschsprachlicher Erfahrung bestätigt werden, daß wir »nach allen 
Seiten hin diesen Schatz verwüstet werden lassen«. Insbesondere 
verführt eine übertriebene und besinnungslose Abneigung g^gen 
2> Fremd -Wörter« dazu, diese abzustoßen, auch wenn ihnen speziali- 
sierte Bedeutungen anhaften, die sie von den entsprechenden 
einheimischen Ausdrücken abheben — sie abzustoßen, ohne daß man 
in der Lage ist, Eigenwörter einzusetzen oder neu zu bilden, die mit 
den gleichen Vorstellungen assoziiert sind. 

Die Verfasserin der s» Anmerkungen« hat hier eine — für ihre 
Auffassung charakteristische — Auslassung eingefügt über das, wie 
sie sagt, »vornehme« Wort »Bedeutung« (Significance), »Ein Be- 
griff, wie der des Logos, kann freilich auf grobe und buchstäbliche 
Art mißdeutet oder gar in ein »Dogma« krystallisiert auftreten, und 
doch mag eine Zeit kommen, wo wir uns freuen werden, wenig- 
stens in dieser Form die Wahrheit angeschaut zu haben, daß das 
(echte) Wort des (echten) Sprechers schöpferischer, heiliger, gewaltiger 
ist, als unsere gewöhnlichen Ideen vom Wesen der Sprache ahnen 
lassen. Wenn der Redner, sogar wie er jetzt sich uns darstellt, bei 
seinen Zuhörern wohl eine Kraft der Begeisterung und des Ent- 
schlusses erweckt, die dazu helfen kann, das Angesicht der Welt 
und den ganzen Gang der Kultur zu verändern, oder wie man sagt, 
»das härteste Herz zu schmelzen« vermag — was zuweilen die 
schwerere Aufgabe ist — : wenn die Worte in einem Buche durch 
die Jahrhunderte hindurch so die Menschheit in Schwingung ver- 
setzen können, daß sie als »Offenbarung« par excellence gelten und 
von unzähligen Mengen beinahe abergläubisch verehrt werden — so 
dürfen wir uns allerdings versichert halten, daß der Ausdruck in 
Formen, die wir bis jetzt nur schwach uns einzubilden vermögen^ 
in gewissem Sinne Sitten und Gebräuche rechtfertigen wird, in denen 



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— 101 — 

wir jetzt entweder bloßes Dogma, das von gedankenlosem Glauben 
angenommen werden will, oder das Überlebsel von naivem Mythus 
erblicken«. 

Lady WELBY erhebt Einwände gegen die »Analogie des Geldes«. 
Es war aber nicht meine Meinung, den Gebrauch eines »Bildes« 
zu verteidigen; und ich bin, nicht weniger als meine gelehrte Gön- 
nerin, davon durchdrungen, daß es falsch sein würde^, Sprache 
»figürlich zu definieren« durch jene Analogie. Ich habe nur darauf 
hinweisen wollen, daß unter den vielen sozialen Symbolen, mögen 
sie konsensueller (wie ich hier sagen möchte) oder konventioneller 
Natur sein, die alle den Worten gar sehr unähnlich sind, gering- 
wertiger als sie und sogar von ihnen abhängig, es doch einige 
gibt, und zwar solche, die in der empirischen Kultur eine höchst 
wichtige Rolle spielen, die gewisse charakteristische Züge mit Worten 
gemein haben und wohl geeignet sind, das Wesen und die Macht 
verschiedener Formen von sozialem Willen zu illustrieren. Das 
sind die Zeichen ökonomischen Wertes, d. h. des Tauschwertes. 
Sie haben ebenso wie Worte selber, im eminenten Sinne des Wortes 
einen sozialen Charakter. Wie Worte von Gehirn zu Gehirn 
wandern, so gehen die Zeichen des Tauschwertes (Geld, seine Vor- 
gänger und seine Ersatzmittel) von Hand zu Hand — sie führen 
eine Bedeutung mit sich, außer dem, was sie sind — d. h. sie müssen 
außer dem, als was sie den Sinnen [und dem an sie gebundenen 
Verstand] erscheinen, intellektuell gedeutet werden: und es versteht 
sich, daß dieser ihr »Sinn« eine Beziehung auf »Gehimtätigkeit« 
(d. h. auf Denken) in sich schließt, sowohl im Falle des Geldes 
wie im Falle der Worte. (In der Tat hätte ich darauf bestimmter 
hinweisen sollen, und bin der Kritikerin dankbar dafür, daß sie mich 
auf diesen Mangel aufmerksam macht) Die Analogie steht allerdings 
nicht »durch«, außer in gewissen allgemeinen Zügen, die vielleicht 
»äußerlich« genannt werden dürften, wenn gleich eben dies Gleichnis, 
wie Lady WELBY oft mit Nachdruck betont hat, sehr leicht irreführt 
Wenn aber hier der allgemeine Satz ausgesprochen wird, »man 
könne den Wert des Geldes nicht dadurch vermindern, daß man es 
unterstreiche oder in Majuskeln drucken lasse«, — so wage ich doch, 
dazu noch eine gewisse Analogie zu finden in dem Indossieren 
von Wechseln, das allerdings ihren Wert in dem geschäftlichen 
Zirkel, wo sie ihren »Kurs« haben, erhöht; freilich auch dies simile 
Claudicat^ Vielleicht aber ließe das Unterstreichen besser noch mit 
einer speziellen Bürgschaft, die ein Zahlender dafür übernehmen 



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— 102 — 

wfinle, daß seine Mänzen echt oder vollwichtig sind, sich vergleichen; 
das wird ihren Wert zwar nicht schlechthin, aber doch ffir den, der 
sie empfängt, erhöhen. 

kh bitte um Entsdiuld^ng, wenn idi den Einwand nicht für 
gültig erachte, daß die »Metapher« mit anderen, die von der Kritikerin 
für »wahrer« gehalten werden, sich nicht verdnigen lasse. Ich würde 
Metaphern nicht als mdir oder weniger »wahr«, sondern als mehr 
oder weniger illustrierend und dadurch nützlich hinstellen. Übrigens 
aber ist eine Metapher nicht dasselbe mit einer Analogie. Die Kritikerin 
unterscheidet selber, was ich wohl durch ein Beispiel erläutern darf. 
Wenn ich sage: dies Wort hat keinen Kurs-Wert mehr, so brauche 
ich offenbar eine Metapher, die so wenig »echte Analogie« in sich 
schließt^ als wenn ich vom Strome des Lebens oder vom Zahn der 
Zeit spreche. Eine echte Analogie bedeutet, wenn ich mich nicht 
irre, daß mehr als ein Punkt der Ähnlichkeit vorhanden ist, daß es 
eine Ähnlichkeit in den Verhältnissen der Merkmale zueinander 
gibt, wie in einer mathematischen Proportion. Und dies wage ich auf- 
recht zu erhalten, daß eine echte Analogie existiert zwischen Worten als 
Zeichen von Ideen, und Münzen oder anderen Zeichen von Tauschwert 

Eine Gefahr haftet sicherlich allen Analogien wie allen Meta- 
ph^n an, wenn sie nicht in gehöriger Weise verstanden werden 
(natüriicherweise werden Metaphern leiditer verstanden). Aber die 
Kritikerin zeigt durch die Sätze, mit denen sie den Abschnitt schließt, 
deutlich, daß sie vortrefflich verstanden hat Und in bezug darauf 
möchte ich hinzufügen, daß »Philosophie oder Wissenschaft oder 
überhaupt alles ernste Denken« schwerlich darauf abzielen kann, den 
»gewöhnlichen Leser« zu überzeugen oder zu unterrichten, der in der 
R^el alle diese Arten »gelehrten Jargons« allzugründlich verachten 
wird, und der in der Tat, wie Plato jungen Leuten rät, die nicht 
ihren Kursus in der Geometrie durchgemacht haben, »mein niedriges 
Dach« besser vermeiden wird. Denn, wie derselbe Plato (in der 
Rq)ublik) so trefflich sagt, keine Wissenschaft oder Lehre kann sich 
in Seelen einprägen, die nicht den ernstlichen Willen haben, sie zu 
empfangen, d. h. vor allem, sie zu verstehen. Und ist nicht dies 
Motto der wahre Kern dessen, worauf meine verehrte Gönnerin 
selber abzielt? — 

Die »Anmerkungen« enthalten auch in bezug auf das zweite 
Kapitel meiner^ Schrift manche wertvolle Anregungen, die meine 
eigenen Ansichten über das »Übel und seine Heilmittel«, Ansichten, 
die ich nur zagend mitgeteilt hai)e, weiter zu entwickeln geeignet sind. 



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— 103 — 

Insbesondere bin ich der Kritikerin dankbar dafür, daß sie auf 
die »nur zu gewöhnliche Verwechslung von Trennung und Unter- 
scheidung« [im wissenschaftlichen Sprachgebrauch] aufmerksam macht. 
Was den Ausdruck »real« betrifft, so werde ich gewiß nichts dag^en 
haben, daß er für die »physische« Welt reserviert wird, sobald nur 
ein allgemeines Einverständnis herrscht, daß das »Reale« nicht das 
einzige »Existierende« oder gar »Seiende« ist. Alles wäre hier leicht 
zu erledigen, wenn nur Autoritäten anerkannt und Gesetze beob- 
achtet würden. 

Der dritte Teil der Anmerkungen fuhrt mich zu den Schluß- 
sätzen, die mich nur erh-euen können durch die volle Zustimmung 
und Würdigung, die meine Skizze über die Art der Abhülfe bei 
der aufgezdchneten Kritikerin gefunden hat. Ich gebe audi zu, daß 
e^ vielleicht schicklicher wlu-e, von einer internationalen Auskunfts- 
stelle (an International Council of Reference)^ anstatt von einer 
Akademie, zu sprechen, wenn nur jener Name nidit zu lang wäre 

Sicherlich sollte es nichts sein als ein beratendes Konzilium; 
es würde keine Zwangsgewalt haben ; es würde nicht wirken außer 
durch Argumente und Gründe. Aber das Bedürfnis einer allge- 
meinen Sprache halte ich für gebieterisch; dasselbe Bedürfnis 
wird von den vorhandenen nationalen Akademien und geldirten Ge- 
sellschaften eben jetzt sehr stark empfunden, und es ist sehr merk- 
würdig für mich gewesen, daß gerade ein Jahr später, als ich meine 
Preisschrift verfaßt hatte (also die sie gedruckt war), eine Konferenz 
dieser Akademien stattgefunden hat, die sidi zum Ziele setzte, die 
Frage der Wiedereinsetzung des Lateins in seinen alten Rang als 
Sprache der Gelehrtenrepublik zu erörtern. Ich teile nicht die 
Besoi^is, der Lady WELBY Ausdruck gibt, daß »diese Wiederein- 
setzung schlimmere Übel mit sich führen möchte, als die sind, zu 
deren Heilung sie bestimmt wäre;« denn das Neu-Latein wäre 
biegsamer und geschmeidiger als irgendwelche lebende Sprache, 
und könnte sehr wohl »der gegenwärtigen Neigung, archaische 
Redefigurcn zu gebrauchen« entgegenwirken (anstatt, wie Lady 
WELBY meint, diese zu begünstigen); und was die Gefahr betrifft, 
von der hier femer gesprochen wird, — nur durch die größte Behut- 
samkeit werde sich verhindern lassen, daß es die Fesseln des For- 
malisten noch fester schmieden würde, als sie schon sind — warum 
sollte diese größte Behutsamkeit nicht angewandt werden, um der 
Gefahr zu b^egnen? 



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— 104 



IIL 

Im Jahre 1903 erschien — London, Macmillan & Co. — das 
Buch: » What is meaning? Studies in the development qf stgnt- 
ficance.oi By V. WELBY pciu 321 S.) Hierin entwickelt die Ver- 
fasserin ihre Idee einer Lehre, die sie Significs nennt (s. oben) und 
ihre schon erwähnte Unterscheidung der 3 B^jiffe, die wir viel- 
leicht besser, als oben geschehen, durch die Wörter »Sinn, Bedeu- 
tung, Hochsinn«, wiederzugeben versuchen. Es ist aber schwerlich 
möglich — wie wir wünschen möchten — den Gedankengang 
dieses Werkes in wenigen Sätzen zu charakterisieren. Ich glaube 
indessen, daß, trotz einer gewissen Undurchsichtigkeit in ihrem Denken 
und Wollen, die Verfasserin etwas so Hohes und Edles im Auge 
hat, daß wir von ihren Gefühlen und Ahnungen uns gern eine 
Weile in ferne Regionen entführen lassen dürfen. Der Leser wird 
alsbald erkennen, daß die Verfasserin etwas erstrebt, was weit 
über das Thema dieser Schrift hinaus zielt, wenn es auch darüber 
schwebt Sie behauptet und beklagt, daß der Gedanke in unge- 
höriger Weise geltenden Formen, Regeln und Moden des Aus- 
druckes dienstbar sei, daß die Sprache sich in einem so zurückge- 
bliebenen Zustande befinde, wie ehemals die örtlichen Kommu- 
nikationsmittel, daß dem enormen Fortschritt unseres Wissens ein 
Fortschritt oder eine Umwälzung in den Ausdrücken dieses Wissens 
folgen und sich anpassen müsse; die Sprache müsse im biologischen 
Sinne plastisch werden, und so immer mit einer höheren, rationalen 
Bewußtheit gebraucht werden. »Die Dunkelheit großer Schriftsteller 
ist oft die Folge gerade jener Gabe von Einsicht und Vorsicht, 
deren ihre Leser in der R^el ermangeln.« Von entscheidender 
Bedeutung ist die Richtigkeit, d. h. der tiefere Sinn von Metaphern 
und Analogien. Wir sollen von einer planetarischen zu einer sola- 
rischen, von dieser zu einer kosmischen Deutung aller unserer 
Erfahrung aufsteigen; dadurch soll diese ihre richtige Bedeutung 
erhalten; so erst werden wir von ptolomäischen zu kopemikanischen 



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— 105 — 

Analogien, und daräber hinaus, uns erheben. Die Verfasserin ver- 
sucht, Sätze über einen 0^;enstand in die Terminologie eines anderen 
zu fibertragen, und will so die innere Verwandtschaft und auf- 
steigende Ordnung aller Wahrheiten illustrieren. Der Mensch ist 
Ausdruck der Welt Der primitive Geist wird beherrscht durch 
das Schema des 'Sinnes' d. b. der unmittelbaren Empfindung; das 
Schema der 'Bedeutung' hat sich mdir und mehr angebahnt, das 
Schema des 'Hochsinns' müssen wir erstreben. Alles Lebende sucht 
und fragt; das Warum? ist die eigentlich menschliche Frage. Der 
Erzieher der Zukunft wird das Warum? des Kindes gleichsam zum 
musikalischen Schlüssel der Erziehung machen. Das Kind muB 
vor allem lernen und davon ausgehen, den 'Sinn' von Worten und 
Dingen zu verstehen. Aber der Hochsinn, zu dem der erwachsene 
Mensch sich erheben soll, ist der Generalschlüssel zur Wirklichkeit. 
Der Mensch soll wissen, wie zu schaffen, wie zu denken, wie zu 
leben. Er kann schaffen nur auf dem planetarischen Niveau; er 
kann (und muß im höchsten Sinne) denken in der solarischen 
Welt. Aber leben, in dem verklärten Sinne, der das Leben wesent- 
lich lebenswert macht, kann er nur im Kosmos. Er tritt ein in dies 
Leben, wenn er erreicht haf^ den 'Hochsinn' zu schauen (oder — zu 
ahnen). 



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55. 
55 

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83.* 
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84. 
84. 
85. 

91. 

91. 
91. 



92. 

97. 
98. 



Zitate. 

BASTIAN in Zeitschrift für Völkcrpiychologic V, 174. (Berlin 1868) S. 20 
TYLOR, Die Anfange der Kultur. Deutsche Ausg. 1,297. ^pdg 1873) « 21 

PASCAL Peusees I, 2. 3 * 34 

und Anmerkung i. SIGWART, Logik I« § 376 »35 

V. PHILIPPOVICH, Grundrifi der poUtischen Ökonomie I, S. 178 . * 36 
NASSE in Schönbergs Handbuch der politischen Ökonomie I, 319 "^ 37 

A. WAGNER daselbst I, 431 »38 

LOCKE, Conduct of the understanding\ Works in fol, Volume JIL 

p. 398. (London 1751) »45 

EÜCKEN, Geschichte der {OiikMophiscfaen Terminologie. S. 212. 

(Leipzig 1879) 

EUCKEN I. c. S. 162 

PAULSEN, Geschichte des gelehrten Unterrichts II, 2. S. 664 . . 
LOCKE, Essay on human unäerstanäing III, lO. 34. (Works /, 237^ 

EUCKEN I. c. S. 162 

PAULSEN I. c. H, 666 

KANT, W. W. IV, 466. (Hartenstein) 

OSTWALD, Die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus. 

S. 25. (Leipzig 1895) 

BICHAT, Sur la vie et la tnorU I,art3 

CLAUDE BERNARD, Legtms sur les pkenomenes de la vie p. 41. 

(Paris 1878) 

CARUS, PAUL, Primer of Philosophy p. 190. (Chicago 1893) 
JAMES, Principles of psyckohgy /, 6. (London 1891) . . . . 

JAMES ibid. ü, 486 und 562 

WUNDT, Physiologische Psychologie II, 4. 560. 567 

WUNDT, Grundriß der Psychologie S. 215. (Leipzig 1896) . . 
WUNDT, System der Phüosophie. 2. Aufl. S. 379. (Leipzig 1897) 
HUXLEY, Science and Culture p. 237 ff. (London 1888) .... 
CHR. WOLF, PhüosopMa prima sive Ontologia prolegg § 7 (ao. 1745) 

HEGEL, Logik: Werke HI, S. 3 

Dritter internationaler Kongreß ftlr Psychologie S. 15. und S. 18. 

(Müchen 1897) 

WILKINS, JOHN, An essay towards a real char acter and a philo- 

sophical language p. 385. p. 21. (London 1668) 

DESCARTES, Z<//nfj /, p. 6iif. (Paris 1657) 

LEIBNITZ, Hisioria et commendatio linguae charctcteristicae umver- 

salis, guae simul sit ars inveniendi et judicandi: Oeuvres philcso- 

phiques ed Paspe p. 535 ff. (Amsterdam und Leipzig 1765) 
KANT, Kritik der reinen Vernunft. Ausg. Kehrbach S. 275. (I. Zweiter 

Teil, zweite Abteilung, erstes Buch, erster Abschnitt) .... 
LEIBNITZ, Nouveaux essais m, 9. ii. Oeuvres ed Raspe p. 299 . 
Vgl. z. B. DOVE, Maas und Messen. 2. Aufl. (Berlin 1853) JACOBI 

Uniie des poids et mesures, (Petersburg 1865) »85 



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Verlag von THEOD. THOMAS in Leipzig. 

Klassiker der NadirwisseDScAaflen, 

I. Band: JnlinS Robert Mayer von Dr. S. Fried- 

länder. Eleg. brosch. M. 3. — , eleg. gebd. M. 4. — 

Wir wünschen dem jungen, hochbegabten Verfasser zu diesem prächtigen 
Buch yon Herzen alles Glück und sehen mit gespannter Erwartung seinen- 
ferneren YerOffentlichungen entgegen . . . 

Johanneg Sohlaf in der Wiener „Zeit''. 

n. Band: Charles Darwin von s. lubUnskL 

Eleg. brosch. M. 2.40, eleg. gebd. M. 3.40 

Wem es also um die Bekanntschaft mit einem geistreichen Buche zu 
tun ist und mit seinem Verfasser, dem können wir nur dringend anraten, 
diese Lublinskische Darwinschrift zur Hand zu nehmen und sich in ihren 
Inhalt zu versenken. Berliner Tageblatt. 

ni. Band: Karl Ernst von Baer von Dr. Wilhelm 

Haaeke. Eleg. brosch. M. 3.—, eleg. gebd, M. 4. — 

.... .Mit grossem Geschick hat Verfasser es verstanden, uns das 
Leben und die Werke Karl Ernst von Baers so vor Augen zu führen, dass 
auch der gebildete Laie dafür Interesse gewinnen muss. . . . 

New Yorker Staatszeitnng:. 

IV. Band: VarcniuS von Professor Dr. S. Ofinther. 

Eleg. brosch. M. 3.50, eleg. gebd. M. 4.50 

Wem, der von irgend einer Seite der geographischen Wissenschaft 
genaht ist, wäre nicht der Name Varenius einer der geläufigsten ! Aber für 
weitaus die meisten bleibt er doch leider eben nur ein Name. ... Es ist 
daher mit grösster Freude zu begrüssen, dass einer unserer allerbesten Kenner 
der Geschichte der Erdkunde in der neubegründeten Tbomas^schen Sammlung 
ein leicht zugängliches Bild dieses Mannes aus seinen Werken uns ent- 
worfen hat. Zeltochrift der OeMllschafl; für Erdkunde. 

V. Band: Plato Und AristoteleS von L.Brieger- Wasser- 

TOgel. Eleg, brosch. M. 8.50, eleg. gebd. M. 4.50 

.... Trotzdem bleibt das mit einer Abbildung Piatos versehene Werk 
sehr empfehlenswert und wird sicher seinen Weg bei allen denjenigen finden, 
die sich nicht mit einseitiger Fachbildung zufrieden geben wollen. 

Steassbnrger Post. 

VI. Band: Hermann Helmholtz von Dr. J. Beiner. 

Eleg. brosch. M. 3.50, eleg. gebd. M. 4.50 

.... In recht geschickter Weise hat Verfasser im Anschluss an die 
Biographie ein Bild der physikalischen Weltanschauung seines Heros ge- 
zeichnet, und dann in zwei umfangreichen Abschnitten den wesentlichsten 
Inhalt der Lehre von den Tonemp&idungen und der physiologischen Optik 
gemeinverständlich skizziert. ^*atIlrwlssenBGllafalche WoohenMArift. 



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Verlag von THEOD. THOMAS in Leipzig. 

Gegensiitiie Hilfe in dir Entwiciieiuiig 

von 

Fürst Peter Kropotkin. 

Ein stattlicher Band in bester Ausstattung. 
Brosch. M. 8. — , in Halbfranz gebd. M. 10. — • 



Ans den Urteilen; 

.... Es (das Buch) dürfte eines der schönsten und lehrreichsten 

der Gegenwart sein und sollte, wie die Selbstbiograpliie des Verfassers, 
rasch in alle Sprachen übersetzt werden. Denn es luit noch grösseren Wert 
als seine Selbstbiographie, so trefflich diese auch ist . . . 

Oeorir Brandes in „Gestalten und Gedanken**. 

Gustav Landauer, der kürzlich den „Meister Eckehart" herausgab, hat 
dies herrliche Buch des Fürsten KropotJan übersetzt. Ich meine, seine 
Lektüre ist eine Wohltat« . . . Wer einen guten und erfrischenden Labe- 
trunk tun will von der Quelle der Wahrheit, wer zurück will zu dem Glauben 
an die guten und edlen Eigenschaften der menschlichen Seele, dem sei die 
Lektüre dieses hervorragenden Buches ans Herz gelegt. Wissenschaft 
korrigiert hier Wissenschaft, und es ist das Werk eines Menschenfreundes. 
Und es ist für jeden geschrieben. 

Johannes Schlaf in einer aasf ährlichen Besprechung in „Die Zeit** (Wien). 

Es (das Buch) ist nicht nur den Tatsachen nach von höchstem 

Interesse, ist nicnt nur von einer wahrhaft prachtvollen Grösse des Wurfs 
und der Ausführung, sondern es bietet ausser den wahrheitssuchenden Ge- 
lehrten und dem geniessenden Ästhetiker auch dem an seiner Zeit leidenden 

Menschen eine köstliche Gabe 

I>r. Frans Oppenheimer in einem grösseren Aufsatz in „Freistatt''. 

Ginge die Wertschätzung russischer Autoren bei uns nicht nach Tages- 
launen, sondern nach ihrem wissenschaftlichen, menschlichen und richtig 
verstandenem Kulturwert, so würde Kropotkins Name nahe dem von Tolstoi 

genannt werden und die Mehrzahl der russischen Tagesgrössen weit über- 
lenden. Ich wünschte zu seiner Einführung und dauernden Schätzung 
namentlich das Bekanntwerden dreier Werke von ihm in Deutschland: 
seiner „Memoiren", seiner in Deutschland noch nicht erschienenen, pro- 
grammatisch wertvollen Bede „L*Anarchiste et son ideal'* und seiner herr- 
Uchen Schrift ^^Gegenseitige Hilfe in der Entwickelung^^ — das einzige 
mir bisher bekannt gewordene Gedankengebäude, das dem Nietzsches gegen- 
über auf festen, eigenen Füssen steht. Und als Schreiber von der Kunst- 
wartrichtung möchte ich zugleich nicht verfehlen, den Dank des Bücher- 
freundes für die geschmack- und wertvolle Ausführung des Übersetzungs- 
bandes auszusprechen. Hermann Hftf her. 

Unsere angesehensten Kritiker und unsere besten 
Zeitschriften haben sich in diesem Sinne geäussert. 



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( 



Verlag von THEOD. THOMAS in Leipzig. 

Dr. Eugen Dühring 

Logik u. Wissenschaftstheorie. 

Denkerisches Gesammtsystem 
verstandessouveräner Geisteshaltung. 

Zweite durchgearbeitete und Termehrte Auflage. 
Eleg. brosch. M. 10. — , in Halbfranz gebd. M. 12.— 

Der Ersatz der Religion 

durch Vollkommeneres 

und die 

Abstreifung alles Asiatismus 

von 

Dr. Engen Dühring. 

Dritte umgearbeitete Auflage. 
Eleg. brosch. M. 4.50, gebd. M. 5.50 

Prospekt mit genauer Inhaltsangabe gratis und franko. 

Die Überschätzung Lessing's 

und seiner Befassung mit Literatur. 

Zugleich eine nene kritische Dramatheorie. 

Zweite durchgearbeitete und vermehrte Auflage. 
Eleg. brosch. M. 2.60, geb. M. 3.25. 

Waffen, Capital, Arbeit. 

Zweite YÖlUg umgearbeitete Auflage. 
Eleg. brosch. M. 3«50, gebd. M. 4.35. 



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Vsriag von THEOO. THOMAS in Leipzig. 

Darwin und der Staat 

Preisgekrööte Arbeit von 
Dr. F. Lütgenan 

Eleg. brosch. M. 3.20, gebd. M. 4.— 

.... Ohne ganz mit dem Yerfasser in dieser allgemeinen Sehluss- 
folgerung sowohl als in den einzelnen Ausführungen übereinzustimmen, 
müssen wir doch bekennen, dass wir selten eine so vorzügiiche, sachliche 
und kritische Barstellung und Würdigung des Darwinismus und dar bezügl. 
Verhältnisse des Menschen gelesen haben. Namentlich die Kapitel über 
Deszendenztheorie und Rechtspflege, Deszendenztheorie und Ehe, Deszen- 
denztheorie und Pädagogik verdienen weiteste Beachtung und enthalten 
viele Salze, die man genidezu «goldene Worte'' meunen konnte. 

Die ümsehan. 



Vom Strome des Seins 

Blicke auf unser künftiges WelflaM 

von 

Dr. WUhelm Haacke. 

Eleg. brosdi. Mk. 1.50. 

.... Im Verlag von Theod. Thomas in Leipzig erschien vor kurzem 
eine kleine Schrift aus der Feder des bekannten Zoologen und Schrift- 
fitelleis Dr. Wilhelm Haacke, die sieh „Vom Strome des Sein»" betitelt. 
In dieser kleinen Schrift legt der Autor neue Ideen einer Weltanschauung 
nieder .... Das 1. Kapitel der Schrift handelt vom , Wirklichen* .... 
Wirkliches ist nach ihm das Weiss des Papieres, jede Farbe,. Ton, Schall, 
Duft, GeschmAck, jede Wärme und jeda Kälte,, jede Weichheit, Härte, 
Rauheit und Kälte. Diese Wirklichkeitsetemente nennt er Naturate .... 
Am Schlüsse seiner Ausführungen, die, mag man sich zu des Autors An- 
sichten itelltB, wie man will, eün ausseren^ntlieh tjefea I>BBfcTermdgen 
desselben bekunden, kommt der Verfasser zu dem Ergebnis: ,Der Welt 
der Naturate, der Welt, mit der es NaturwiBseEBSchaften, Psychologie und 
Philosophie zu tun haben, der Welt, die der Wissenschaft zugänglich ist, 
entstammen die Naturate, entstammt die uns gegebene Wirklichkeit nicht. 
Diese Welt ist in Raum und Zeit gebannt. Aber es ^bt noch eine andere 
Wirklichkeit, uns unzugänglich zwar, darum aber nicht minder wirklich, 
die räum- und zeitlose Welt des Ewigen, die Urheimat des Geistes". Man 
sieht, dev Autor tAoiht auf einem dualistisehen Stand|>ankt, dieses geht aus 
dem folgen^m Satzei hervor: „.Durch die Erkenntnss^ (iass die vn» ge- 
gebene Wirklichkeit Fluss ist, wird ai^h der für unser Gemütsleben so 
notwendige Glaube an den ewigen, die in Raum und Zeit gebannte Natur 
ununterbrochen schaffenden Geist wieder ermöglicht ''. Die kleine inhalts- 
reiche Broschüre sollte von jedem denkenden Menschen gelesen werden. 

Berliner Tageblatt. 



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Verlag von THEOD. THOMAS in Leipzig. 
Des 

Volkes Kraft und Schönheit. 

Ein Hausbuch 
von 

Dr. med. J. Schneider. 

Mit 111 Abbildungen. 
Eleg. brosch. M. 10,—, eleg. geb. M. 11.50. 

.... Ich kenne kein Buob» welches als Unterlage f%lr populär-medi- 
zinische Vorträge besser geeignet wäre .... Deutoohe städtezeitnnff. 

Dieses prachtvoll ausgestattete Buch verdient weiteste Verbreitong .... 

BUz' Oesondlielterat. 

Das Werk ist von unseren besten Zeitschriften aus- 
gezeichnet besprochen worden, ein Prospekt mit Inhalts- 
angabe steht Interessenten gratis und franko zur Verfugung. 



Das Evangelium der Natur. 

Ein Buch für jedes Haus 
von 

Heribert Ran. 

8. Auflage. Mit ca. 90 Abbildungen und dem Bild des Verfassers. 
Eleg. brosch. M. 6. — j eleg. gebd. M. 7.50. 



Der Mensch als Tierrasse 

und seine Triebe. 

Beiträge zu Darwin und Nietzsche 



von 



Dr. W. Rlieinliard. 

Bieg, brosch. M. 8. — , eleg. geb. M. 4. — . 



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Verlag von THEOD. THOMAS in Leipzig. 

Professor Dr. Ludwig Büchner. 

Kraft und Stoff oder Grnndzüge der natär- 
liehen Weltordnimg. ^'ife^ÄeÄS^ÄJS: 

Auflage. Brosch. Mk. 5.—, gebd. Mk. 6.—. Wohlfeile Ausgabe 
Mk. 2.50, gebd. Mk. 8.—. 

"KTni^iY» TiTi/1 r3-£hiai ^^®' Gespräche zweier Freunde über den Materia- 
Hai;Ul UllU \Jt51»l ligmus und über die realphilosophischen Fragen 
der Gegenwart. — 3. Auflage. Preis Mk. 4.50, gebd. Mk. 5.50. 

Physiologische BUder. l SttJ^ ^ "" ' "' """^ 
Ans Natar nnd Wissenschaft K^gS?t'''aÄ.iü; 

verständlicher Barstellung. 2 Bände. Preis ä Mk. 6.—, gebd. ä Mk. 7.— 

Ans dem Geistesleben der Tiere Äntf mein^^. 

4. Auflage. Preis Mk. 4.—, gebd. Mk. 5.—. 

Liebe und Liebesleben in der Tierwelt. ^Säe^ 

Preis Mk. 4.—, gebd. Mk. 5.—. 

T ^/»1^4 Tivi/I T a'Kavi ^^^^ allgemein verständliche natnrwissen- 
lüCni UnU Ueoen. gchaftUche Beiträge zur Theorie der natür- 
lichen Weltordnung. Zweite Auflage. Preis Mk. 4. — , gebd. Mk. 5. — 

Die Darwinsche Theorie r.ditgt?Ä^eirlJS: 

läge. Brosch. Mk. 5. — , gebd. Mk. 6.—. 

Der Mensch nnd seine Stellung in Natnr nnd 
Gesellschaft. ä£**?il^''*'- ^^'^^- ^- ^■-' *^'"*"^*'' 

Gott nnd die Wissenschaft. SS'tsa ""*' ^'"'""'"* 

Über religiöse nnd wissenschaftliche Welt- 
anschannng. Broscii. Mk. 1.50. 

Zwei gekrönte Freidenker. ,^trsÄÄ''^e«§:|eT 

wart. Brosch. Mk. 1.50. 

Meine Begegnung mit Ferdinand Lassalle. 

Ein Beitrag zur Geschichte der sozialdemokratischen Bewegung in. 
Deutschland. Nebst 5 Briefen Lassalles. Brosch. 75 Pfg. 



Dmok von Hartmann & Wolf in Leipzig. 

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